Versachlichung der Debatte zu spüren

Der Historiker Martin Jung setzt sich mit rumänischer Zeitgeschichte auseinander
Ausgabe Nr. 2510
 

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Kurt Tucholsky meinte einmal über den Journalisten, seine Waffe sei das Totschweigen. Für die Geschichtswissenschaft gilt dasselbe: Wichtiger als was niedergeschrieben wird ist oft, was verschwiegen wird. Der Historiker Martin Jung ist solchen „Leerstellen“ nachgegangen. Seine Dissertation „In Freiheit. Die Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte in Rumänien (1989 bis 2009)“ ist nun in der Reihe „Forum Rumänien“ erschienen. Darin zeigt Martin Jung, wie Holocaust und Kommunismus in Rumänien verarbeitet wurden ‒ und wann dies nicht geschah.

 

Der Dezember 1989 eröffnete eine plötzliche Freiheit in Rumänien: „Fortan konnte all das offen angesprochen werden, was im Kommunismus nicht thematisiert werden durfte“, wie Martin Jung schreibt. Doch je weiter man in seinem Buch liest, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass diese neu gewonnene Freiheit nur selten genutzt wurde.

Anhand einer Fülle von Quellen hat Martin Jung die Jahre vom Umbruch bis 2009 untersucht. Er analysiert u. a. Denkmäler, Museen, Gedenkstätten, Schulbücher, Gedenktage, Friedhöfe, Filme, Rechtsurteile und Zeitungen. Damit schließt er eine Lücke in der bisherigen Forschung; es gab zwar bereits einige kleinere Untersuchungen zu dem Thema, „In Freiheit“ ist aber der erste umfassende Überblick.

Jeder dieser Quellen widmet er sich sehr gewissenhaft, was das Buch für Laien zur mühsamen Lektüre macht. Es handelt sich schließlich um eine Dissertation, nicht um ein populärwissenschaftliches Sachbuch. Die Ergebnisse von Jungs Analyse dürften dagegen für ein breiteres Publikum von Interesse sein.

Chronologisch zeigt er anhand dieser Materialen, wie die Aufarbeitung der Zeitgeschichte voranschritt. Wobei „voranschritt“ fast das falsche Wort ist, denn wo immer sich ein Fortschritt abzeichnet, nennt Jung an gleicher Stelle eine Fülle an Hindernissen, die diesem im Weg standen.

Die Verarbeitung des Zweiten Weltkrieges beispielsweise war lange von Widersprüchen gekennzeichnet: „Auf der einen Seite wurde jüdischer Opfer gedacht, auf der anderen Seite Antonescu geehrt“. Das Bild Antonescus als weitsichtiger und großmütiger Militär sei fest verankert gewesen und habe sich bei weitem nicht auf nationalistische Kreise beschränkt, stellt Jung fest. Die Verfolgung der Roma wurde sogar völlig ausgeblendet.

Auch Reformversuche in der Bildungspolitik scheiterten lange an nationalistischen Widersprüchen, wie der „Schulbuchskandal“ am deutlichsten illustriert. Als im Zuge der Bildungsreform 1999 das Schulbuch des Autorenteams um den Historiker Sorin Mitu eingeführt werden sollte, kam es im Parlament rasch zu hitzigen Debatten. Unter anderem wurde dem Schulbuch vorgeworfen, es sei ein „Attentat auf die nationale Geschichte“ und vertrete eine „Ideologie der politischen Korrektheit“. Mitu und seine Kollegen hatten mit einer Reihe nationaler Mythen aufräumen wollen, scheiterten aber am Widerstand vor allem der parlamentarischen Opposition. Die Zulassung des Schulbuches wurde entzogen, als die Regierung wechselte.

Erst in den 2000ern zeichnet sich eine langsame Wende ab. Faschistische Symbole und Organisationen wurden verboten, Institutionen zur Aufarbeitung von kommunistischer Diktatur und Holocaust gegründet und die Lehrpläne überarbeitet. Doch auch diese Maßnahmen des Staates beurteilt Jung skeptisch: Die Neuerungen seien nur auf Druck von außen angestoßen worden, da Rumänien einen Beitritt zu NATO und EU anstrebte. „Die Bemühungen des rumänischen Staates waren letztlich erfolgreich, auch wenn er gewissermaßen auf halber Strecke stehen blieb und sich auf symbolische Handlungen und Aktivitäten beschränkte“, resümiert er. Eine umfassende Strafverfolgung beispielsweise blieb aus.

Trotz aller Kritik blickt Martin Jung optimistisch in die Zukunft: Eine neue Generation an Wissenschaftlern beginnt sich einzumischen, die nicht im Kommunismus aufgewachsen ist. Schon jetzt sei eine „Versachlichung“ der Debatte zu spüren, meint Jung. „Leerstellen“, die es für diese jungen Historiker zu füllen gäbe, hat Martin Jung zahlreiche in seinem Buch aufgezeigt.

Bernadette MITTERMEIER

 

Martin Jung: In Freiheit. Die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte in Rumänien (1989 bis 2009), Berlin: Frank & Timme 2016, 516 Seiten. Erschienen in der Reihe „Forum Rumänien“, Band 32. ISBN: 978-3-7329-02588-3.

 

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