Ein Fresko unserer Gesellschaft

Buch über die Archäologie heute in Rumänien vorgestellt
Ausgabe Nr. 2510
 

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Das Buch liest sich wie ein Roman, es schildert jedoch die traurige Wirklichkeit. „Arheologia azi, în România“ von Mihai Bărbulescu wurde am 28. November in der Astra-Bibliothek in Hermannstadt vorgestellt. Das Buch richtet sich nicht nur an Archäologen oder Archäologie-Studenten sondern an alle, die an dieser spannenden Wissenschaft Interesse finden. Wichtige Persönlichkeiten aus der Welt der rumänischen Archäologen waren bei der Buchpräsentation dabei und sprachen über die Neuerscheinung: Prof. Dr. Adrian Luca, Prof. Dr. Zeno-Karl Pinter, Prof. Dr. Lucia Marinescu-Țeposu, Răzvan Pop und der Buchautor selbst, Prof. Dr. Mihai Bărbulescu.

 

Kein einziges Bild, keine Skizze oder Zeichnung ist im ganzen Buch zu finden. Nur auf dem Deckel ist Giorgio De Chiricos Malerei „Gli Archeologi“ zu sehen. Der Autor, Mihai Bărbulescu, korrespondierendes Mitglied der Rumänischen Akademie, ehemaliger Leiter der nationalen Archäologie-Kommission und Geschichte-Professor an der Babes Bolyai Universität in Klausenburg, hat absichtlich keine Bilder in sein Buch gesetzt. Wozu auch, wenn Wörter Bilder sehr viel besser ersetzen können. Und einen Vorteil, da ist sich Bărbulescu sicher, habe das Altern: „Du kannst es dir leisten, das zu sagen, was du wirklich denkst“. Und das tut der 1947 in Großwardein geborene Historiker, Archäologe und Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten zur Genüge.

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Das erste Kapitel, nach einer untypischen Einleitung des Philosophen Aurel Codoban, lautet übersetzt „Wir und die klassische Antike“. Darin spricht sich der Autor über den immer häufiger im Schul- und Universitätsleben vorkommenden Mangel an Lateinstunden aus. Und das in einem Land, in dem sich die Bevölkerung ihrer lateinischen Wurzeln rühmt. Erst im zweiten Kapitel widmet sich Bărbulescu wie erwartet dem „Rumänischen Archäologen“ und geht dabei ein bisschen auf die Wurzeln dieser Wissenschaft zurück: Von Alexandru Odobescu, der 1877 die erste rumänische Geschichte der Archäologie verfasst hat zu Heinrich Schliemann dem Pionier der Feldarchäologie. Dann spricht der Autor vom Studium der Archäologie heutzutage und kritisiert dabei das rumänische Schulsystem, das eine Menge „Halbanalphabeten“ produziert. „Kann man jemanden einen Schulabsolventen nennen, der im ersten Studienjahr der Fachrichtung Geschichte nicht imstande ist, auf einer Europakarte den Lauf der Donau zu zeigen? (…) Oder jenen, der nicht weiß, in welcher Stadt sich die Trajanssäule befindet? Diese Beispiele sind keine Erfindungen, sondern konkrete Situationen, die bei den Prüfungen nach der Beendigung des ersten Studienjahrs Geschichte an der Klausenburger Universität vorgekommen sind.“ Im weiteren spricht der Autor von Plagiaten, der Vermassung des rumänischen Universitätswesens oder den Stärken und Schwächen des Archäologen.

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Das dritte Kapitel, heißt wie der Titel: „Die Archäologie heute, in Rumänien“, wo Themen wie die nationale Archäologie-Kommission, die rumänische Gesetzgebung zum Thema Archäologie oder die Justiz Auge in Auge mit der Archäologie angesprochen werden. Natürlich werden hier auch Tabu-Themen detailliert, wie die Ausgrabungen von Hobbyschatzsuchern mit Metalldetektoren. Meistens ist dabei die Rekonstruktion von Geschichte nicht mehr möglich, weil die entscheidenden Fund- und Befundzusammenhänge zerstört wurden. Der Unzufriedenheit der Archäologen mit der Gesellschaft beziehungsweise der Unzufriedenheit der Gesellschaft mit dem Archäologen sind ebenfalls je ein Unterkapitel gewidmet. Im Weiteren schreibt der Autor vom Beginn der Rettungsgrabungen in Roșia Montană. Bis dahin wurde nur systematische Forschung, von – wie es Zeno-Karl Pinter bei der Buchvorstellung beschrieben hat – „einem Klub von Gentlemen und Damen“ betrieben. Inzwischen ist eine neue Kategorie von Archäologen erschienen, die weniger an der Wissenschaft und mehr an dem Geld, das daraus entsteht, interessiert sind. Die Rettungsgrabungen an den Autobahnen haben Archäologen wie Pilze aus dem Boden sprießen lassen, und dadurch sind sie auch ins Visier der Politiker und der Presse geraten. Letzterer wird das letzte Kapitel Nummer vier gewidmet.

Das Buch von Mihai Bărbulescu ist laut seiner ehemaligen Professorin Lucia Marinescu-Țeposu „ein Fresko der zeitgenössischen Gesellschaft“, das nicht nur von Archäologen gelesen werden sollte und ist in der Humanitas- und Habitus-Buchhandlung für 35 Lei erhältlich.

Cynthia PINTER

 

Foto 1: Die Buchpräsentation fand im Festsaal der Astrabibliothek statt.

Foto 2: Prof. Dr. Mihai Bărbulescu.

Fotos: die Verfasserin

Mihai Bărbulescu: Arheologia azi, în România. IDEA Design & Print Editură, Klausenburg 2016, 228 Seiten, ISBN: 978-606-8265-36-0.

 

 

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