Habent sua fata libelli oder So haben die Büchlein ihr Schicksal

Persönliche Betrachtungen zu dem zweisprachigen Gedichtband „Rot/roșu“ von Christel Ungar
Ausgabe Nr. 2506
 i-carte-christel-ungarDass ich diese besinnlichen Zeilen über Christel Ungars schmalen, von Beatrice Ungar ins Rumänische übertragenen Gedichtband Rot/roșu“ – zu dem Nora Iuga das berückende Vorwort geschrieben hat –, dass ich also meine Hommage an Christel Ungar, die Dichterin, aber auch an ihre Schwester Beatrice, die Übersetzerin, mit diesem zweiten Teil des Verses des römischen Dichters Terentianus Maurus (Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr.) beginne: (Pro captu lectoris)habent sua fata libelli / (Ganz wie der Leser sie fasst,) so haben die Büchlein ihr Schicksal, dass ich also diese Betrachtungen damit beginne, kommt daher, dass dieser Band seit seiner unvergesslichen Vorstellung im Festsaal der ASTRA- Bibliothek (am 19. Juni 2016, im Rahmen des Internationalen Theaterfestivals) auf meinem Schreibtisch liegt.

 Unvergesslich, weil der lyrisch-künstlerische Teil des Vortrags von der begnadeten Christel Ungar als geschätzte Fernseh-Programmgestalterin und Moderatorin, als Allrounderin der Deutschen Fernsehsendung schlechthin, höchst-selbst gestaltet worden ist. Und zudem, weil dabei erst folgende hilfreiche Mitwirkung den vollen Strom der Verwirklichung erlebbar gemacht hat: die Zusammenarbeit der sensiblen Künstlerin mit Polyhymnia, der Muse des ernsten Gesanges und des Tanzes, mit Thalia, der Muse der heiteren Dichtkunst und des Lustspiels – vertreten durch die Schauspieler und Vortragskünstler Daniel Plier (deutsch) und Mariana Mihu-Plier (rumänisch) – und in Sonderheit mit Erato, der Muse der Lyrik, vor allem der erotischen Poesie, die mit ihrer göttlichen Hand nicht allein die Freude und das Staunen der Teilnehmer zusammengehalten, sondern sich zugleich auch des Schicksals dieses Büchleins angenommen hat.

Mitgenommen und gelesen habe ich den Gedichtband – wie wohl die meisten von den anderen vermutlich auch – sofort nach seiner Vorstellung durch Nora Iuga, die große, ewig junge Dame auch unserer Dichtung – dankbar für diesen Schatz an Schönheit und Weisheit über die Liebe, über das Glück und die Kraft, aber auch über die Einsamkeit der Liebe. Und ich habe dabei das Gefühl gehabt, als sei dieser Schatz an Tiefe und Reinheit des Empfindens immer schon dagewesen: Du hast mich entzündet /nur um meinen Scheiterhaufen/auflodern zu sehen/nun brenn ich in deinem Blick … (Strohfeuer Feuersbrunst). Wenn solche Bekenntnisse den Eindruck sich aufdrängen lassen, die reife Dichterin gehe nun sehr klug mit ihrer Liebe um, ohne Einengung und Erdrücken, ohne Leiden und Verzicht, unverwundbar und beglückt, so sprechen im Unterschied zu diesen Zeilen die meisten anderen Gedichte unverhüllt subjektiv eine innere Verfassung aus, die ein ganz anderes Blickfeld ausmacht. Denn Bilder der äußeren und der inneren Verwundbarkeit rufen eine widerspruchsreiche Gefühlslage hervor, und der Übergang von den beängstigenden Fragen zum Zweifel, von der Hoffnung zur Enttäuschung lassen die Vorstellung von Resignation, Leiden und Verzicht aufkommen und nehmen der Liebe die Kraft und die Tiefe der Erfüllung. So im Gedicht Vergesslich oder der in den knappen Zeilen des Gedichts Abhängig, in denen das künstlerische Bild, auf eine Grundmetapher konzentriert, Ausgangspunkt für einen Vergleich ist und – so Nora Iuga in ihrem Vorwort zum Gedichtband – an ein Haiku erinnert: Gehst du von mir/hänge ich im Nichts/wie die Fäden/in einem/Hopfenfeld/im Herbst.

Wenn man nun beim Lesen solcher und anderer Zeilen meinen möchte, die auch solche Empfindungen preisgebende Dichterin zweifle an der Macht der Liebe, so sollten die Bilder der Gefühle und der persönlichen Liebesfähigkeit der Dichterin hingegen erkennen lassen, dass sie durch die Intensität ihrer Gefühlshingabe an das Wesentliche ihres Lebens gestoßen ist. So fühlt und erlebt sie die Stimmungen und Ahnungen der Liebe, der sie sich ganz hingibt, als Metapher des Grenzenlosen, als ob etwas Göttliches eingreifen würde, dem ihre Seele Raum gibt. Erkennen lassen die Verse allerdings keine leidenschaftliche Hingabe an die Liebe ihres Lebens, sondern vielmehr das Bild der Liebe als einer vergeistigten menschlichen Grundsituation.

Wen es nun aber wundern sollte, dass – im Unterschied zu den Bildern von der Liebe als Offenbarung und Erlösung – gerade dieses Bild der Liebe kontrastiert wird mit der Metapher einer anderen tiefen menschlichen Problematik, die in den einzelnen Gedichten immer wieder sichtbar wird, der möge bedenken, dass zu den überschaubaren innerseelischen Erfahrungen der Liebe nicht allein die Wahrheit und das Glück der Liebe gehören, sondern ebenso auch oder vielmehr die Verinnerlichung der Schatten des Lebens, ja sogar die vom Tod beschatteten tragischen Seiten der Liebe.

Deutlich wird dabei allerdings, dass die Dichterin nicht der Furcht vor dem Tod verfällt, sondern dass die geistige und gefühlsmäßige Intensität vielmehr in der Bewusstheit des Nicht-mehr-lieben-Könnens liegt: Mit jedem Tag/ohne deine Worte / rückt mir der Tod näher./Wäre nicht die Unruhe, die sich dagegenstemmt /mit jedem Windhauch Knochen für Knochen belebt,/würde die Kälte/auch den heißesten Gedanken/erstarren lassen. (Warten)

Vor dem Hintergrund einer solchen bitteren Aufrichtigkeit ist von höchstem symbolischem Wert die gefühlsmäßige Intensität im Gedicht Rot, das dem Band auch den Titel gegeben hat. Er steht offen für alle übertragenen Bedeutungen, die man der Beziehung zwischen den beiden Liebenden beilegen möchte. Er lässt aufhorchen und nach der tieferen Bedeutung und nach dem Zusammenhang zwischen der konkreten Vorstellung von der Farbe und der klagenden Seele der Dichterin suchen. Die Vielfalt der Substantiv-, aber auch der Verb-Metaphern im Gedicht: Bemalung, Schrei nach Farbe, Schweigen im Nebel, Feuer, Eis; verpasste, geschleift hast – die mit der übertragenen Benennung eine zusätzliche emotionale Dimension eröffnen –, sowie ihre Berührung mit dem Symbol: Rot, Grau, mit dem Vergleich: wie einen Blinden, mit der Hyperbel: als die Welt erzittere und mit der Steigerung durch die Verbindung polarer Gegensätze in der Seelenoffenbarung: ein Feuer das mitten im Eis brennt und verbrennt, führen den Leser an die Überlegung heran, dass die Liebe kein Ersatz sein könne, sondern als Sinn des Lebens zu begreifen sei.

Solche Reflexionen lassen den Leser nach der Darstellungsweise in der rumänischen Fassung fragen. Dazu ist hier – den Geist der Arbeit und die Freude der Übersetzerin an den Übertragungen anerkennend – zunächst festzustellen, dass durch das Versetzen oder Hinüberbringen der Gedichte durch Beatrice Ungar in die rumänische Fassung die Anbindung an den semantischen und inhaltlichen Inhalt der Originalverse erhalten geblieben ist. Im Weiteren wird ihre Entscheidung für die Nachdichtung deutlich, eine Entscheidung, die von der Art der Gedichte abhängig war und durch die die ganze Fülle der Bilderbereiche der deutschen Gedichte sichtbar wird. Bestimmend waren dabei sicherlich nicht die Kriterien allein, die Beatrice Ungar bei ihren vielfältigen und so erfolgreichen, oft mühevollen Übertragungen von ausgangssprachlichen in zielsprachliche Texte umsetzt. Bei den Nachdichtungen ist vielmehr ihre gefühlsmäßige Annäherung an die Gedichte ihrer Schwester Christel Ungar zu erkennen, und diese Annäherung hat sich in den hohen künstlerischen Rang der rumänischen Fassung gesteigert.

Hinzufügen möchte ich noch Folgendes: So wie Christel Ungar mit der Tiefe und der Leidenschaft ihrer Gefühle und Beatrice Ungar mit der Bedeutungsfülle der nachgedichteten Bilder der rumänischen Fassung poetische Ausdruckswerte vermitteln, so wird dem Leser zu einer inneren Bereicherung die Bilderwelt des unvergleichlichen Graphikers Stefan Orth, der „den Symbolwert und die appellative Kraft … gewisser Motive“ kennt, die herkömmlichen Motive restauriert, neu zusammenstellt und ihren Symbolwert vermehrt. So Annemarie Schüller in ihrem Geleitwort zum im europäischen Kulturhauptstadtjahr 2007 im Honterus Verlag erschienenen „Stefan István Orth“ – Graphiken-Sammelband. (Deutsche Fassung der rumänischen Geleittexte und Erläuterungen: Beatrice Ungar) Man möchte meinen, dass Stefan Orth durch eine solche Schreibkunst – man möge bedenken, dass Graphik im Griechischen ‚Schreibkunst‘ bedeutet –, dass Stefan Orth somit durch seine eigenständige künstlerische Leistung Ideen und einen notwendigen Sinn entwickelt und damit nicht allein die kontemplative Haltung des Betrachters, sondern auch die poetische Ausdruckskraft des Gedichtbandes steigert.

Gerhard KONNERTH

 

Christel Ungar: Rot/roșu, Gedichte. Graphiken von Stefan Orth, Rumänische Fassung Beatrice Ungar. Honterus-Verlag 2016, 87 Seiten, ISBN 987-606-8573-51-9

 

 

 

 

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