„Die Armut am Stadtrand ist groß“

Papageno-Verein setzt sich seit 25 Jahren für die Ärmsten der Armen ein
Ausgabe Nr. 2505
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Staunend drängen sich die Besucher zwischen den hohen Regalen im Dress In aneinander. Sie sind zum Tag der Offenen Türen des Papageno-Vereins gekommen. Der wohltätige Verein feierte am 25. Oktober Jubiläum: Vor 25 Jahren wurde er in der Schweiz gegründet, seit 20 Jahren ist er auch in Hermannstadt angemeldet.

 

Der Vereinspräsident für Rumänien, Robert Jacqueroud, führt die Besucher durch das Lager des Hilfswerks in Hermannstadt. Auf rund 100 Kubikmetern Raum werden hier im Dress In Hilfsgüter gesammelt, die mit den acht Transportern des Vereins aus der Schweiz nach Rumänien gebracht wurden. Ordentlich sortiert stapeln sich Kleidung, Matratzen, Decken, Taschen und Schulmobiliar, hier und da sieht man eine Gehhilfe oder einen Rollstuhl. Bis zu 2.000 Bedürftige können so im Laufe eines Jahres mit Hilfsgütern versorgt werden. Die Räume des Lagers sind gut gefüllt, doch es wird nur sieben Wochen dauern, bis alle Hilfsgüter vergriffen sind, erzählt Robert Jacqueroud.

Das Dress In ist bei weitem nicht das einzige Projekt des Papageno-Vereins. Ziel des Hilfswerks ist es, „Hilfe zur Selbsthilfe in Rumänien“ zu leisten. Dafür engagieren sich die ehrenamtlichen Mitglieder in allen möglichen Bereichen: Papageno hat in Zusammenarbeit mit der Orthodoxen Kirche eine Notküche in Hermannstadt aufgebaut, betreibt eine Nachmittagsbetreuung für Gassenkinder, unterstützt sechs Alten- und Pflegeheime, ein Kulturzentrum, ein Kinderheim und eine Musikbibliothek, um nur einige Beispiele zu nennen. Ein paar der Projekte stehen inzwischen auf eigenen Füßen, an anderen ist Papageno noch stärker beteiligt.

Gegründet wurde der Verein in der Schweiz direkt nach der Revolution in Rumänien. Getta Jacqueroud kann davon erzählen, sie war neun Jahre Papageno-Vereinspräsidentin in der Schweiz und ist dort nun Vize-Präsidentin. Wie die meisten Papageno-Mitglieder stammt sie aus der Schweiz, hatte als junge Studentin aber bereits ein Praktikum in Hermannstadt absolviert und war mit ihren rumänischen Bekannten eng in Kontakt geblieben.

Im Dezember stürzten die Revolutionäre Ceaușescu, im Januar reiste Getta Jacqueroud nach Rumänien. „Für eine Schweizerin, die noch keinen Krieg miterlebt hatte, war das erschütternd“, erzählt sie. „Es fehlte an allem.“ Die Probleme waren so vielfältig, dass sie als Einzelne gar nicht wusste, wo sie mit dem Helfen anfangen sollte.

Glücklicherweise lernte sie Martin Bauer kennen, der mit drei anderen Schweizern kurz zuvor Papageno gegründet hatte und heute Ehrenpräsident des Vereins ist. Getta Jacqueroud schloss sich dem damals zwei Monate jungen Hilfswerk sofort an. Als Verein konnten sie systematisch Spenden sammeln und verteilen. 1996 gründeten sie dann die Partnerorganisation „Asociația Papageno Hermannstadt“, um sich dem rumänischen Recht anzupassen und die Hilfsgüter zollfrei einführen zu können.

Seitdem hat der Verein viel erreicht. Zu tun haben die Mitglieder aber immer noch genug: „Selbst in einer Stadt, die vor neun Jahren Kulturhauptstadt war und die wirtschaftliche Fortschritte feiert, ist die Armut am Stadtrand noch groß“, meint Getta Jacqueroud. Die Altersarmut sei beispielsweise sehr hoch: 44,2 Prozent der über 55-Jährigen sind in Rumänien von Altersarmut bedroht, wie aus aktuellen Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat hervorgeht. Der EU-Durchschnitt liegt bei 20,9 Prozent.

Getta Jacqueroud erzählt von einer Frau, deren Rente nicht mehr für ihre Wohnung reichte und die nun im Treppenhaus ihres Wohnblocks leben muss. Papageno hilft Betroffenen wie ihr, zum Beispiel durch die von dem Verein unterstützten Altenheime oder mit der Notküche, die im Winter rund 40 Menschen wochentags mit warmen Mahlzeiten versorgt.

Dabei kämpfen die Mitglieder aber noch mit einem weiteren Problem: Es wird immer schwieriger, Spenden zu sammeln. Seit Jahren nimmt die Spendenbereitschaft in den reicheren EU-Ländern ab. Schuld sind unter anderem die EU-Staatsschuldenkrise und die zunehmenden Flüchtlingszahlen. Gette Jacqueroud spürt außerdem in ihrer schweizerischen Heimat, wie die Vorurteile gegen Rumänien zunehmen. Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für notleidende Roma-Siedlungen zu wecken ist dabei besonders schwer. Sie ermuntert deswegen Spender, selbst nach Rumänien zu kommen und sich ein Bild zu machen. „Alle, die hier waren, haben danach gesagt, sie wollen wieder nach Rumänien kommen“, erzählt sie.

Als kleine Organisation hat Papageno den Vorteil, dass alle Spenden direkt für die Bedürftigen verwendet werden können, da weniger Geld für Gehälter oder andere laufende Kosten anfällt. So können sie sicherstellen, dass die Spenden dort ankommen, wo sie dringend gebraucht werden. In den 25 Jahren seit der Gründung haben die Mitglieder des Vereins damit viel Erfahrung gesammelt, die sie jetzt gut brauchen können.

Bernadette MITTERMEIER

Vereinspräsident Robert Jacqueroud (6. v. l.) führte die Jubiläumsgäste durch das Dress in-Lager.                                          

Foto: die Verfasserin

 

 

 

 

 

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