Aus der Sicht eines Menschen „wie du und ich“

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Alptraum Balkan“ im Cartier-Verlag in rumänischer Übersetzung erschienen

 i-cosmar-balcani-sas-265016Alptraum Balkan” von Anna M. Wittmann ist das Buch, welches ich nur zögernd in die Hand nahm, denn der Titel ließ auf traumatische Erfahrungen schließen. Jedoch verschlang ich es in Windeseile, denn trotz dramatischen Inhalts häufen sich darin Erfahrungen voller ungestümer Lebensleichtigkeit, die mich mit sanfter Liebe und ohne jegliches Pathos an die ungezwungene Art meiner Siebenbürger Sachsen erinnern, an das Wesen des Volkes in deren Mitte ich aufgewachsen bin. Nach Beendigung der Lektüre ließ mich dieses Buch nicht mehr los und es hinderte mich daran, mein „normales” Leben weiter zu führen. Ich musste meine Eindrücke über dieses kleine Juwel zu Papier bringen! Wie ich inzwischen weiß, war ich wohl nicht die einzige Person, der es so ergangen ist.

Natürlich bin ich der selben Meinung wie meine vorherigen Kollegen und Rezensenten, besonders der des geschätzten siebenbürgischen Journalisten und Botschafter Rumäniens in Deutschland, Herrn Emil Hurezeanu, Verfasser des Vorworts für die rumänische Ausgabe. In der Tat handelt es sich hiermit ohne Zweifel um ein kostbares Dokument, um ein Buch, welches in erster Linie als Zeugnis der Geschichte betrachtet werden muss.

Nichtdestotrotz möchte ich hiermit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die literarische Dimension dieses Werkes lenken, denn, entgegen meiner Erwartung, handelt es sich hierbei keineswegs um trockenes, wissenschaftliches „Fachchinesisch”, sondern vielmehr um hinreißende Schreibkunst, die den nichteingeweihten Leser anspricht und verzaubert. Doch warum fühlt man sich als Leser von dieser Geschichte, die in einer Zeit und Welt spielt, in der es die meisten von uns noch gar nicht gab, dermaßen angesprochen?

Das Geheimnis liegt in der Tatsache, dass alles was in diesem Buch passiert, aus der Sicht eines Menschen „wie du und ich” beschrieben wird. Es könnte jeder von uns gewesen sein! Ich schreibe diese Rezension im Jahre 2016, ein Jahr, welches vom Brechen mehrerer Tabus negativ geprägt ist, einem Jahr voller Gewalt und kriegerischem Wahnsinn. Eben aus diesem Grunde gibt uns „Alptraum Balkan” Anlass zum erneuten Nachdenken über die Hilflosigkeit des ungeschützten Bürgers, des unbescholtenen Menschen, der immer wieder von der Walze der unkontrollierbaren Gewalten überrollt wird.

Dieses Buch erzählt uns das Leben eines siebenbürgischen Sachsen, der unwissend, später auch gegen seinen Willen, als Soldat der ehemaligen SS im Zweiten Weltkrieg diente. Der Autorin, dem Menschen Friedrich Umbrich und dem Verfasser dieses Buches würden wir großes Unrecht tun, wenn wir dieses Buch als einfachen Kriegsbericht klassifizierten. Es ist ein literarisches Werk, welches das Herz eines jeden Buchliebhabers höher schlagen lässt. Aus der Sicht des nicht voreingenommenen und ungewarnten Lesers, der weder Historiker noch Wissenschaftler ist, bedeutet die Lektüre dieses Buches eine erschütternde Reise durch ein dramatisches Leben, mit Höhen und Tiefen, die jeden von uns an Ereignisse erinnert, die zwangsläufig sein Leben geprägt und verändert haben.

Das Buch ist in ein einwandfreies Rumänisch übersetzt. Besonders berührt hat mich eine gewisse Note der siebenbürgischen Mundart, die sich trotz mehrfacher Sprachfilter zwischen den Zeilen andeutet. Es kann sein, dass es sich um eine landesspezifische Topik handelt, so genau kann ich das nicht beschreiben. Kurz gefasst: dieses Buch „atmet” durch und durch siebenbürgisch.

Kurzum: In unserem Wesen liegt tief vergraben eine Ader, die mit uns mitfließt und uns auch in der Fremde begleitet und leitet. Das ist wie ein geheimer Schlüssel, der unser Erbgut bestimmt, uns verbindet, und uns hilft, in allen Lebenslagen unsere Entscheidungen zu treffen. Mein siebenbürgischer „Geheimcode” hat sich mit der Lektüre der Autobiographie von Fred Umbrich reaktiviert. Ich nenne ihn einfach „Siebenbürgischer Regelsatz”. Auf der Fassade des Hauses in Talmesch, in dem ich meine Kindheit verbrachte, steht ein Motto in altdeutscher Schrift: „Wer aus der Schule nichts ins Leben nimmt, den wird das Leben in die Schule nehmen.” Erst vor kurzer Zeit habe ich die volle Bedeutung dieses Spruches begriffen. Zu wissen, dass ich damit nicht alleine bin, ist ein unglaublich gutes Gefühl.

Das Buch hat nun einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek erhalten. In hartem, hochwertigen Papier gebunden, ist es ein wahrer Handschmeichler. Die dicken Seiten, von ordentlichen, anmutigen Lettern bedeckt, flößen Respekt für das gute alte Handwerk ein. Mit Fußnoten, Anhängen, alten Schwarz-Weiß-Fotos und historischen Anmerkungen ist es ein fundiertes Werk, im Unterschied zu vielen zeitgenössischen Drucksachen, die eher schnellebig und, sowohl inhaltlich wie auch gewichtsmässig, leichter sind. Im Zeitalter der Computer, geblendet vom Glanz ihrer Bildschirme, lesen wir immer weniger Bücher in traditionellem Sinne, und es wird leider viel zu oft vergessen wie toll und einmalig schön ein solches Kleinod sein kann, in dem jede Menge Arbeit steckt.

In Form und Struktur erinnert es mich an die Bücher meiner Kindheit. Einmal im Jahr durften wir Kinder in der Buchhandlung von Erika-Tante eines davon aussuchen. Erika-Tante war streng zu uns, sie schrie sogar die Erwachsenen an und niemand durfte etwas ohne ihre Erlaubnis anfassen. Doch mich konnte nicht einmal ihre herrische Art davon abhalten, immer wieder ihren Laden zu betreten und mich dem Zauber der Bücher hinzugeben.                     Gabriela CĂLUȚIU

SONNENBERG

Anna M. Wittmann: Coșmar în Balcani. Un sas transilvănean în cel de-al Doilea Război Mondial. Übersetzung aus dem Englischen Tatiana Dragomir. Cartier-Verlag, Chisinau, 2015, 448 Seiten, ISBN 978-9975-86-030-7

 

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