Eine Erbschaft aus dem Mittelalter

16. Auflage des Mittelalterfestivals in Hermannstadt war ein Erfolg
Ausgabe Nr. 2496
 

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Im Rahmen der 16. Auflage des Mittelalterfestivals Cetăți Transilvane” gab es insgesamt über 70 Vorstellungen innerhalb von drei Tagen, von denen fünf als Premiere in Hermannstadt gezeigt wurden. Dieses Jahr startete am Freitagabend die Parade des Festivals an einem anderen Ort wie üblich und zwar von dem Platz der ehemaligen Dragonerwache und dementsprechend war auch die Route eine andere. Etwa 250 Teilnehmer sollen bei dem Umzug am Freitagabend mitgemacht haben.

 

„Zwischen dem Mittelalter von gestern und heute gibt es viele Ähnlichkeiten”, sagte der Historiker Prof. Dr. Zeno-Karl Pinter im Rahmen des Vortrages „Das Mittelalter damals und heute”, wobei er die Teilnehmer in jenes Zeitalter einführte. Die heutigen europäischen Staaten seien das Resultat von Grenzziehungen, die im Mittelalter stattfanden auf Grundlage von Völkern und Sprachen, die im Mittelalter entstanden seien. Auch die Entstehung der Kirche sei hier einzuordnen. Eine Erbschaft sei aber auch der religiöse Fundamentalismus wie zum Beispiel der Dschihad oder Gegen-
dschihad, damals in Form von Kreuzzügen. Die arabische Welt dehnte sich damals durch den Dschihad zwar von den Pforten Chinas bis zu jenen Europas aus, aber deren Beitrag zu verschiedenen Wissenschaftsbereichen sei nicht zu unterschätzen u. a. in der Mathematik, durch Verwendung der indischen Zahlen.

In den Zeiten der Renaissance habe man empfunden, dass die Zivilisation die Barbarei überwunden habe. So dunkel verglichen mit dem vorangehenden Zeitalter der Antike dürfte das Mittelalter auch nicht gewesen sein. Die hoch zivilisierten Römer hatten im vorangehenden Zeitalter schließlich dem Zerfleischen von Menschen in der Arena zugesehen und die Sklaven wurden vermutlich schlimmer behandelt als Haustiere. Ob im darauffolgenden Zeitalter die Tragödie Deutschlands der 30-er Jahre oder des roten Russlands besser gewesen sei? „Hoffentlich werden wir nicht die Zeugen einer neuen Barbarei“, sagte Zeno Pinter. Schließlich genüge es heutzutage, eine Nachrichtensendung anzuschauen um Barbareien zu sehen, wobei Tendenzen zu deren Ausdehnung bestünden.

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Nicht zu vergessen sei, dass im Mittelalter auch das Buch und der Buchdruck erfunden wurden, mit Hilfe derer dann später Reformen durchgeführt werden konnten.

Ob jung oder alt, die Teilnehmer ließen sich mit Königen, Rittern, Prinzessinen, vor Burgpforten fotografieren, oder steckten den Kopf unter Guillotine ähnliche Geräte und ließen sich fotografieren. Ritter von Paladinii de Terra Medies aus Mediasch und Ultrasilvana aus Kronstadt kämpften miteinander, wobei die Ritter und Prinzessinen vom Verein Anacronism aus Hermannstadt gerade Tauziehen spielten. Jagdvögel wurden gestreichelt und das geschickte Handwerk der Wandergesellen wurde auch dieses Jahr bewundert wobei die Händler in den rund um den Großen Ring aufgestellten Holzhäuschen von Süßigkeiten bis traditionelle Hemden alles mögliche verkauften.

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„Hopp“, rief der mittelalterliche Kleider tragende Tibor Lovász aus Cristur bei Deva. Der Ruf galt dem mittelgroßen Wüstenbussard mit roten Schultern, der auf Axel Avrams Arms saß und auf den Ruf reagierte indem er herüberflog und sich auf Tibors Arm setzte. Tibor ist der stolze Besitzer eines Uhus, eines Lannerfalken, eines Wüstenbussards und eines Fleckenuhus. Axel aus Hermannstadt ist Besitzer eines Steppenadlers. Mit der Schneeeule Sheila, gewann er im vergangenen Jahr den Schönheitswettbewerb Hamtalent des Senders Antena 1. Tibor beschäftigt sich seit etwa 2005 in seiner Freizeit mit Vögeln, nachdem er einige junge Raubvögel gerettet hatte, die er im Freiem fand. Später kaufte er seine gegenwärtigen Raubvögel. Zum Füttern seiner Vögel richtete er eine Mäusefarm ein. Als Ziel will er in diesem Jahr den Verein ȘoimănArt ins Leben rufen. Der Verein soll sich sowohl der Zucht von Raubvögeln als auch der Erhaltung mittelalterlicher Kunst widmen. Angeschafft werden soll auch eine komplette Ausrüstung, wie sie die Mongolen trugen.

Theateraufführungen für Kinder gab es auch, unter anderem von Enikő Blénessy vom Deutschen Staatstheater aus Temeswar, vom Interactiv-Theater oder Patru-Theater aus Bukarest. Dabei war auch Esteban Alul aus Chile, der gewandt Dudelsack und Puppentheater spielte. Estebans Wurzeln sollen zum Teil im Libanon liegen. Gegenwärtig befindet er sich auf einer Reise um die Welt auf seinem Fahrrad, wobei sein nächstes Ziel Neuseeland ist.

Zum ersten Mal gaben Anno Musica aus Ungarn oder Ambient Folklore aus Bulgarien Konzerte im Rahmen des Hermannstädter Mittelalterfestivals. Zu den Bands, die das Hemannstädter Publikum bereits kannte, gehörten Bordó Sárkány aus Ungarn, Nomen est Omen oder Cimpoierii din Transilvania.

Carros de foc aus Spanien zeigte in diesem Jahr drei Vorstellungen als Premieren in Zusammenarbeit mit Saltarello, Anacronism oder Crispus. Am Freitagabend wurde die Vorstellung „Caballo Real” gezeigt, wobei die Passanten der Heltauergasse das riesige weiße Pferd bewunderten, auf dem eine Prinzessin saß. Mit der Vorstellung „Dragonul Antonio” (Der Drachen Antonio) wurde übrigens das Festival am Sonntagabend vor einem zahlreichen Publikum auf dem Großen Ring abgeschlossen.

In diesem Jahr gab es zum ersten Mal auch Stadtführungen durch Hermannstadts Altstadt mit Vizebürgermeister Răzvan Pop, denen sich zahlreiche Intersessierte anschlossen.

Vorgestellt und moderiert wurde die Veranstaltung von den Schauspielern Andrada Grosu und Bogdan Sărătean und der neuseeländischen Choreografin Aleisha Gardner.

Das Festival wird seit 2001 von dem städtischen Kulturhaus organisiert. Die nächste Auflage ist für die Zeitspanne 25.-27. August 2017 geplant.

Werner FINK

 

Foto 1: Umzug durch die Heltauergasse: Unser Bild: Bei der Aufführung Cabalo real“ der spanischen Truppe Carros de Foc saß nicht der sprichwörtliche Märchenprinz auf dem beeindruckenden Riesenschimmel sondern eine Prinzessin und winkte den zahlreichen Zuschauern…                                  

Foto 2: Esteban Alul aus Chile, der Dudelsack und Puppentheater spielt, legte beim Mittelalterfestival in Hermannstadt einen Stopp auf seiner Fahrradreise um die Welt ein.

Foto 3: Tibor Lovász und drei seiner Raubvögel.                      

Fotos: Werner FINK

 

 

 

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