„Bildung ist Freiheit“

Familiendrama zielt auf europäisches Bildungsprojekt
Ausgabe Nr. 2491
 
 

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Die Welt, in die uns Elena Dumitrescu-Nentwig in ihrem jüngsten Roman, Wir, die Rroma, und der Rest der Welt“, führt, ist voller Spannung. Die Geschehnisse wühlen auf, sind fremd und können der Leserschaft dennoch unter die Haut gehen.

 

Noch vor der Lektüre erweist sich die Personalie der Autorin im Zusammenhang mit dem Buch als aufregend: In Rumänien aufgewachsen, diplomiert in Gesang und Musikwissenschaft, eine europäische Operndiva, Ausreise- und Auftrittsverbot im alten Rumänien, mit Hilfe der deutschen Regierung zurück zu ihrem Mann, dem Bariton Franz Ferdinand Nentwig, nach Deutschland. Mittlerweile in Lissabon/Portugal lebend, wirkt sie als hochgeschätzte Gesangspädagogin.

Nach zwei Büchern nun dieses deutsch-rumänische Gesellschaftsgemälde für die Entfaltung der Menschenwürde über ethnische Schranken, Diskriminierungen und Vorurteile hinweg!

Diese soziokulturelle Melange wird so hinreißend offeriert, dass niemals Langeweile aufkommt. Vielmehr frappieren überraschende Wendungen, sei es, dass sie schockieren, sei es, dass sie befreit aufatmen lassen. Keine Minute Desinteresse kommt beim Lesen auf.

Und das geht im Groben so: Ein rumänischer Roma hat sich zu einem erfolgreichen Geiger entwickelt, der auf Bühnen in vielen europäischen Ländern sein Publikum begeistert. Privat lebt er in einer   wohlsituierten Familie. Seine Herkunft scheint keine Rolle zu spielen. Seine frühe und für sein ursprüngliches Milieu seltene Ausbildung hat den Kontakt erlöschen lassen. Man kennt sich nicht, weiß nichts voneinander. Die Wurzeln sind gekappt. Das Leben verläuft erfolgreich auf einer Einbahnstraße in Deutschland und anderswo. Aber wer selbst schon einmal die nicht nur unerwartete, sondern auch unerwünschte Allgegenwart der eigenen Familie erleben durfte, wird skeptisch angesichts so reichlicher Problemlosigkeit im Blick auf die Verwandtschaft… Als die Angehörigen ihren erfolgreichen Verwandten aufsuchen, tun sich Abgründe auf: Armut und Gewalt stoßen auf Spitzen des gehobenen Bürgertums, aber auch Läuterung und sogar musikalische Inspiration bahnen sich an, bei anderen tauchen neue Untaten auf, und in dem allen weitet sich der Horizont des Protagonisten.

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Wer dieses Buch liest und sich umsieht, weiß bald, dass es   „die   Roma“ nicht gibt. In einem Dorf leben im Zentrum zwei Familien erkennbar traditionell, zwei andere an die Mehrheit angepasst. In der Roma-Siedlung am Dorfeingang finden sich von Jahr zu Jahr mehr ansehnlich herausgeputzte Häuschen. Gute Freunde von uns wollten sich bei der jüngsten Volkszählung als Roma outen, die staatlich Beauftragten für die Erfassung redeten ihnen das freundlich-eindringlich aus: Bei ihrem Wohlstand und ihrer Ordnung, ihrer Gesprächsfähigkeit und Freundlichkeit könnten ihre Angaben nicht korrekt sein. Also waren sie schließlich auf dem Papier auch ethnisch wieder Rumänen, die sie als Staatsbürger sowieso sind. Keines dieser Beispiele ist typisch, aber die Wirklichkeit ist vielschichtig, bisweilen irritierend. Vor Schnellurteilen wird gewarnt. Unsere Autorin macht einen Ausschnitt dieser Bandbreite transparent. Sie nennt den langwierigen Weg zu einer umfassenden Lösung: Der Marsch aus der Sklaverei vor mehr als 150 Jahren – „Teil des Inventars großer Besitzer, die aber auch für das Leben der Zigeuner verantwortlich waren“ (S. 226) – zur gesellschaftlichen Integration führt über Bildung. Damit ist kein Containerwissen gemeint, sondern der mühselige Prozess von Emanzipation und Überschreitung der Clan-Barrieren welcher Ethnie auch immer. Dazu braucht es europaweit Schulen: „Hauptsache Schule!“ lautet das letzte Wort zur Sache (S. 309). Denn: „Bildung ist Freiheit,“ haben die Mühlbacher vorzeiten übers Portal ihrer Schule geschrieben. Rumänien als Teil eines europäischen Bildungsprojekts.

Jens LANGER

 

Bei der Vorstellung des Romans im Erasmus-Büchercafé am 24. Juni (v. r. n. l.): Die Autorin Elena Dumitrescu-Nentwig, Beatrice Ungar und Luminița Mihai-Cioabă.  

Foto: Fred NUSS

 

Elena Dumitrescu-Nentwig: Wir, die Rroma, und der Rest der Welt. Limes Verlag Klausenburg 2016, 309 S., ISBN 978-973-726-965-2. Liegt auch in der rumänischen Fassung in Hermannstadt im Erasmus-Büchercafé oder in der Schiller-Buchhandlung auf.

 

 

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