So nah und doch so weit

Für Dănuț aus dem Kinderheim hat das Sozialsystem versagt
Ausgabe Nr. 2483
 
 

4-Heim

Dănuț, ein leicht übergewichtiger Junge, sauber gekleidet und recht gesprächig, wenn sein Freund dabei ist, scheint sich von seinen Alterskollegen nicht zu unterscheiden. Und doch ist seine Lebensgeschichte keine glückliche. Der rumänische Staat hat mehrmals versagt, ihn zu schützen, wie in vielen Fällen, in denen die Kinder nicht die Chance haben, von den eigenen Familien geschützt zu werden. Umso schwerwiegender ist das Versagen des Sozialsystems, wenn es um institutionalisierte Kinder und Erwachsene mit Behinderungen geht, die Formen des Missbrauchs sind unzählig. Dănuț hat mit 14 Jahren eine komplizierte Vergangenheit und einen einfachen Wunsch: Er will seine Pflegefamilie wieder sehen.

 

Dănuț und seine Schwester wurden wenige Jahre nach der Geburt von ihrer Mutter verlassen und der rumänische Staat hat die Pflege der Kinder übernommen. Die erste gefundene Lösung schien für die beiden Kinder auch gut zu sein, sie wurden einer Pflegefamilie übergeben. Hier durften die beiden bleiben, bis die ersten Probleme erschienen, als Dănuț in die Pubertät kam, so dass die beiden Kinder sich in einem staatlichen Kinderheim in Orlat, Kreis Hermannstadt, wiederfanden. Die Gründe sind eher unklar, wie eigentlich die ganze Akte von Dănuț, in der wiedersprüchige Informationen und halbe Wahrheiten nicht nur das Leben eines Jungen wiedergeben, sondern auch den fehlenden Respekt des Staates gegenüber einer verletzbaren Person beweist.

„Sie sagen, dass ich einen Brand angestiftet habe, aber wie könnte ich im Haus Feuer legen, in dem ich zwölf Jahre gewohnt habe?” verteidigt sich Dănuț aufgeregt, als er gefragt wird, warum er ins Kinderheim nach Orlat gebracht wurde. Die Tatsache, dass jetzt, im Jahr 2016, Dănuț sich gegen solche Vorwürfe sträuben kann, ist allerdings für die Mitarbeiter des Zentrums für juridische Ressourcen Bukarest (CRJ – Centrului de Resurse Juridice București) eine gute Nachricht, denn vor über einem Jahr war der Junge so vollgedröhnt mit Psychopharmaka, dass er keine zwei Wörter sprechen konnte. Aufmerksam auf die Situation der beiden Kinder ist CRJ im Jahr 2014 geworden, als die Kinder noch in Orlat waren. Inzwischen ist Dănuț im Kinderheim für Kinder mit Behinderung Mediasch, hat noch einige zusätzliche Papiere im eigenen Dossier erhalten und steht nicht mehr unter verschriebenen Drogen.

Die CRJ-Mitarbeiter versuchen Licht in der Geschichte der Kinder zu machen, einige Informationen gibt es bereits, auch wenn viele Ungewissheiten noch geklärt werden müssen: Dănuț und seine Schwester wurden auf Antrag der Pflegefamilie abgegeben, als Dănuț ein schwieriges oder gefährliches Verhalten aufgewiesen hat. Die Familie wollte das Mädchen noch behalten, allerdings schützt der Staat die geschwisterlichen Beziehungen und man versucht, Geschwister nicht zu trennen. Unklar ist, ob die Familie psychologische Unterstützung erhalten hat, um mit der Situation klarkommen zu können, oder ob es einfacher war, die Kinder zu entfernen. So kamen die Kinder ins Kinderheim in Orlat. Dănuț hatte damals bereits psychiatrische Untersuchungen erhalten, eine leichte Behinderung wurde diagnostiziert und er besuchte eine normale Schule.

Die Kinder konnten nicht in einer anderen Pflegefamilie untergebracht werden, weil zumindest in Hermannstadt Not am Mann herrscht.

In Orlat hat sich die Situation von Dănuț dramatisch verschlechtert: Er war durch die unvorbereitete Trennung von der Pflegefamilie traumatisiert, wurde u. a. ins Hermannstädter Psychiatriekrankenhaus „Gheorghe Preda” eingewiesen, wurde von den neuen Schulkollegen nicht akzeptiert und befand sich in psychatrischer Behandlung.

Ob er wegen seiner Behinderung psychologisch betreut wurde ist unklar, sicher ist, dass sein Intelligenzquotient binnen weniger Wochen in offiziellen Papieren Unterschiede aufwies – mal 73, mal 66 -, und dass die „Drogen” (in diesem Fall legale Psychopharmaka) bereits wirkten.

In dieser „ruhigen” Phase wurde er auch von den CRJ-Mitarbeiten zum ersten Mal besucht. Der Psychologe Mugur Frățilă erinnert sich: „Der junge Mann befand sich offensichtlich unter dem Einfluss von psychotropen Medikamenten, seine kognitive Aktivität war verlangsamt, ebenso seine Reaktionen, war letargisch, schläfrig und die Kommunikation mit ihm war so gut wie unmöglich. Eben weil die Diskussion mit ihm irrelevant war, war dieses klinische Bild ausschlaggebend für uns. Leider ist das kein Einzelfall in Rumänien: Ein Kind, dass in ein Psychiatriekrankenhaus eingewiesen wird, hat große Chancen, hier Psychopharmaka zu erhalten. Im Fall von Aufregung und Impulsivität wird oftmals das energetische Niveau des Kindes chemisch reduziert. In diesem Fall kann ich behaupten, dass die Behandlung des jungen Mannes für seine Entwicklung ungünstig war. Es schien, als ob die Behandlung eher den Mitmenschen half.”

Trotz der Medikamente ist das Leben von Dănuț weder ruhig, noch problemlos: Der Junge, der aus einer Familie gerissen wurde und in einer Gemeinde mit eigenen Regeln geworfen wurde, kann sich nicht anpassen, in der Schule wird er sowohl von den Kindern, als auch von deren Eltern und sogar von den Lehrern abbgewiesen, es gibt Ärger, Skandal, Aufregung, Drohungen, und die einzige gefunde „Lösung” ist das Schreiben von Beschwerden.

Inwischen wird Dănuț von seinen eigenen Dämonen gequält, wie er es auch schriftlich festhält: Er sieht wörtlich den Teufel und kann ihn bis ins kleinste Detail beschreiben.

Hilfe bekommt er nicht, allerdings wird sein Dossier dicker und dicker, mit Papieren, die offiziell der institutionalisierten Person helfen soll, allerdings bestenfalls das Personal stresst oder im Falle von menschlichen Versagen schützt. Frățilă hat Erfahrung mit diesen Dokumenten: „In allen von uns kontrollierten Institutionen haben wir diese Dossiers vollständig gefunden, die meisten sind allerdings sehr formell und selten findet man Beweise eines menschlichen Interesses des Personals dem Kind gegenüber. Das Dossier ist ein administratives Instrument, die Papiere werden auf laufendem Band erstellt, das Personal ist überarbeitet und dann ist allein die Quantität – und nicht die Qualität – wichtig. Die Gesetze – importiert oder gemacht – sind standardisiert und den Realitäten vor Ort überhaupt nicht angepasst.”

Jedes Kind hat auch einen „Fallmanager”, wie das offiziell heißt, die Kontrolle ihrerseits ist allerdings auch so gut wie nicht vorhanden. In diesem Fall könnte sich allerdings auch die Zivilgesellschaft für den Schutz der institutionalisierten Personen einsetzen. Im Fall von Dănuț macht das Zentrum für juridische Ressourcen den Unterschied und kann vielleicht zu einem „normaleren” Leben verhelfen. „CRJ ist die wichtigste Organisation in Rumänien, die sich mit den Rechten der institutionalisierten Personen mit mentaler Behinderung befasst und seit etwa 12 Jahren setzt es sich u. a. in verschiedenen Formen und Etappen für diese Personen ein, im Rahmen eines landesweiten Programms Plädoyer für die Würde”, so der Psychologe.

Inzwischen schaffen es 2015 die Angestellten vom Kinderheim Orlat, das Problemkind zu „deportieren”, und der Junge erhält einen Platz im Heim für Kinder mit Behinderung Mediasch. Die Person, die Dănuț nach Mediasch bringt, hat dabei nicht nur einen traumatisierten Jungen sondern bringt gleich auch die Last der Vergangenheit mit: Dănuț schlägt die anderen, er schlägt auch sich, er steckt seine Finger in die Steckdose, er sieht den Teufel, er hört Stimmen, die ihm sagen, dass er Böses tun soll, und Vieles mehr. Sowohl der Direktor als auch der Psychologe des Mediascher Zentrums sind in Alarmbereitschaft.

Das gesamte Team des Mediascher Zentrums hält den Jungen unter Aufsicht und ganz schnell ist klar: Dănuț scheint schwerwiegende gesundheitliche Probleme zu haben, die nichts mit „Bosheit” zu tun haben: Unter anderem ist der Junge übergewichtig und isst alles, was ihm in die Hände fällt, Kerzen inklusive.

Hier lässt das rumänische Sozialsystem auch die Angestellten des Kinderheims im Stich: Sie haben einen kranken Jungen und keine Möglichkeit, ihn ins Krankenhaus normal einzuweisen, denn es ist viel einfacher, ein Kind aus einem Zentrum in das andere zu bringen, als seinen Hausarzt zu wechseln. Als Notfall vorgestellt, schaffen es die Angestellten, Dănuț wieder in die Hermannstädter Psychiatrieklinik einzuweisen, wo nach Untersuchungen schnell feststeht, dass die Psychopharmaka die Leber des Jungen angegriffen haben. Die Medikamente werden umgehend eingestellt. Leider bringt diese Einweisung einen neuen negativen Eintrag im Dossier des Jungen: Um als Notfall eingestuft werden zu können, wird der Junge als „aggressiv” beschrieben. Und diese Beschreibung bleibt schwarz aus weiß.

Mugur Frățilă: „Einen Monat nach dem Krankenhausaufenthalt war der Junge ruhig, hatte keine Halluzinationen mehr, hörte auch keine Stimmen, hatte begonnen, abzunehmen… da liegt der Verdacht nicht fern, dass die Psychopharmaka zu seinem schlechten Zustand beigesteuert haben. Wenn die Kinder eine Familie haben, reagieren die Verwandten sehr schnell auf jede Veränderung und verlangen auch eine zweite Meinung, suchen nach Alternativen. In einem Kinderheim brauchst du Personal, dass nicht nur beteiligt ist, sondern auch informiert, entschlossen, aufmerksam ist und schnell eingreift, falls ein Verdacht auf Nebenwirkungen oder gar falsche Wirkungen existiert. Und das wird erwartet in einem System, das chronisch unterfinanziert wird. Dieser Fall ist beispielhaft für das, was im System passiert: In einer kritischen Situation wollten Personen mit Anteilnahme helfen, haben aber keine Instrumente. Stellen Sie sich vor, wie kritisch die Situation war, wenn binnen zwei Tagen die psychiatriche Behandlung völlig eingestellt wurde. Und oft müssen die Angestellten ihre eigenen Beziehungen spielen lassen, um den Kindern in den Heimen helfen zu können. Die Mitarbeiter müssen sehen, wie sie ohne Unterstützung die verschiedensten Probleme lösen. Im Mediascher Fall haben die Mitarbeiter maximale Zuwendung in einem sehr eingeschränkten System bewiesen.”

Für Dănuț bleibt die Situation offen. Frățilă: „In diesem Fall sind die Probleme aller Systeme und Ministerien, die für den jungen Mann zuständig sind, aufeinander getroffen. Das Niveau der Spezialisierung und der Bezahlung ist sehr gesunken im Sozialsystem, das sogenannte ,höhere Wohlwollen des Kindes‘ ist von den reellen Möglichkeiten und der Gunst des Personals eingeschränkt. Und dieser ist weitaus nicht der eklatanteste Fall, den ich in diesen Zentren erlebt habe, dies ist einfach ein Beispiel von Vielen, in dem das Potential eines Kindes unterdrückt wird. Die Chancen, dass im System ein Kind seine Fähigkeiten verliert, dass seine Persönlichkeit verstümmelt wird, dass seine Ressourcen nicht ausgewertet werden, sind sehr groß und fast mathematisch kalkulierbar.”

Obwohl der rumänische Staat für Dănuț Geld ausgibt, scheint er nicht auch zuständig für ihn zu sein, Beweise gibt es in allen Papieren, in denen weder Name, noch Geburtsdatum übereinstimmen. Schlimmer noch, Dănuț scheint sein eigenes Geburtsdatum nicht genau zu kennen, denn seine Angaben stimmen nicht mit seinem Geburtsschein überein. Auch sein IQ schwankt, so dass auch seine Schulung nicht angepasst wird.

„Du erstickst regelrecht, wenn du verstehst, was mit den institutionalisierten Personen mit mentaler und intellektueller Behinderung in Rumänien passiert. Und die Zivilgesellschaft könnte den Unterschied machen, wie es in diesem Fall CRJ tut. Das Bewusstsein und der gesellschaftliche Druck müssten aber viel größer sein, die Presse viel interessierter und inzwischen müsste man Bestrafungen einführen. Wenn die Angestellten ein Gehalt akzeptieren – groß oder klein – müssen sie zumindest Respekt und Verantwortunsgbewusstsein beweisen. Man darf nicht nachsichtig sein und die Angestellten eines hirnrissigen Systems schützen, sonst wird man Komplize bei der Verstümmelung des Schicksals dieser Kinder.”

Die Perspektiven für die Personen mit Behinderung in Rumänien sind nicht gut, solange die Gesellschaft untätig bleibt, behauptet Mugur Frățilă: „Laut Premierminister Dacian Cioloș werden bis 2020 alle Kinderheime geschlossen und die Kinder sollten von anderen Strukturen absorbiert werden, wie z. B. von kleinen familienähnlichen Kinderhäusern, wie es bereits einige gibt. In Rumänien muss die Deinstitutionalisierung durchgeführt werden! Der Übergang sollte aber nicht alle Systemprobleme mitnehmen, denn wenn man diese nicht korrigiert, kann man diese Personen, die besonders verletzlich sind, zusätzlich verwunden. Die Deinstutionalisierung soll kein Händewaschen der Behörden sein, sondern muss eine reelle und obligatorische Lösung sein, die zusammen mit weiteren Reformen wie Professionalisierung des Personals, korrekte Finanzierung, Überprüfung und Verantwortung positive Schicksale, reelle Chancen und so wenig Leiden wie möglich garantieren soll. In diesem Fall hat das gut vorbereitete Personal aus Mediasch schnell verstanden, dass die medizinische Situation des Kindes dringend neu bewertet werden muss, wenn man aber zehn Personen in einem Haus unterbringt, das bestenfalls von zwei unvorbereiteten Personen bewacht wird, sprechen wir von dramatischen bis lebensbedrohlichen Situationen.”

Legislative Änderungen werden Dănuț wahrscheinlich nicht mehr viel helfen. „Es ist wichtig, strategisch und systemisch vorzugehen”, sagt Mugur Frățilă, „aber was passiert heute und morgen mit diesem jungen Mann, was passiert jetzt, während wir sprechen? Für ihn muss man diese Kette von Inkompetenzen und Missbrauch schnellstens unterbrechen. Leider gibt es keine Sanktionen, alle sind mit Dokumenten bedeckt und das Kind aus dem System scheint am Ende einfach nur zu existieren, um diese Strukturen zu rechtfertigen.”

Dănuț lebt in einem modernen Kinderheim im Zentrum des Landes. Trotzdem ist die legale, bürokratische und administrative Entfernung zwischen ihm und einem schönen Schicksal gepflastert mit Mängeln, Missbrauch, Gleichgültigkeit und Verachtung. So nah und doch so weit.

Inwischen lernt Dănuț, wie er in diesem Heimsystem überleben kann, das für ihn regelrecht ein Dschungel ist, hat einen Freund, der ihn beschützt, wann er kann und einen dringenden Wunsch: Genügend Geld für eine Fahrkarte zu haben, um seine Pflegefamilie besuchen zu können, wo inzwischen seine Schwester wieder Zuhause ist.

Ruxandra STĂNESCU

Kinderheim Mediasch.

Foto: Mugur FRĂȚILĂ

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel ist im Rahmen des Projektes „Lagărele de lângă tine” (Die Lager neben dir) der Organisation Centrul de Resurse Juridice (finanziert durch die Grants SEE 2009 – 2014, im Rahmen des ONG-Fonds in Rumänien) verfasst worden. Näheres unter www.fondong.fdsc.ro.

 

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