Connaisseurs aus aller Welt

Das 23. Internationale Theaterfestival in Hermannstadt hat begonnen
Ausgabe Nr. 2485
 
 

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Das Paradies liegt in Hermannstadt. Das Paradies der Theater-Connaisseurs liegt jedenfalls diese Woche ganz bestimmt in Hermannstadt. Denn seit Freitag befindet sich die Stadt am Zibin im Ausnahmezustand. Die 23. Auflage des Internationalen Theaterfestivals findet noch bis Sonntag, den 19. Juni statt. Hunderte von Künstler kamen von überall her, um an dem größten Theaterfestival der Welt teilzunehmen. Und wie jedes Jahr hatte man die Qual der Wahl. Beziehungsweise sollte man als Normalsterblicher die Wahl schon Wochen, wenn nicht Monate im Voraus getroffen haben. Sold-Out-Vorstellungen waren nämlich gang und gäbe. Da konnte es schon vorkommen, dass man nicht in alle gewünschten Vorstellungen hineingelassen wurde.

 

Seit der Tragödie im Klub „Colectiv“ wurden die Maßnahmen verschärft und es kamen nur so viele Leute in den Saal, wie viele Sitzplätze bereitgestellt wurden. Bei jeder Vorstellung waren auch mindestens drei Männer von ISU (Inspektorat für Notsituationen) dabei, die sich jedes Mal in der hintersten Reihe fürchterlich langweilten und an ihren Handys herumspielten. Aber Sicherheit geht vor!

Los ging das Theaterfestival am Freitag, dem 10. Juni. Als kleine Klammer: Die ersten Punkte im Programmheft sind meistens den Ausstellungen, die an verschiedenen Orten in Hermannstadt stattfinden, gewidmet. Ab 16 Uhr gibt es erst die Theaterstücke, während die Highlights meistens um 20 Uhr gezeigt werden. Zurück zum Freitag. Auf den ersten Tag des Festivals freuen sich nicht nur die Theaterfans sondern auch die Bürger der Stadt. Denn der Tag der Eröffnung bedeutet jedes Jahr ein gutes Konzert auf dem Großen Ring, eine spektakuläre Show (am besten mit Feuer) und natürlich ein großes Feuerwerk.

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Der lang ersehnte erste Abend des diesjährigen Theaterfestivals brachte für Viele die Qual der Wahl: Zu Hause bleiben, um das erste Fußballspiel der Europameisterschaft zu sehen, bei dem die rumänische Nationalelf eine der zwei Hauptrollen spielte, oder die Show auf dem Großen Ring miterleben. An dem Fußballspiel muss es gelegen haben, dass der Große Ring tatsächlich nicht so voll war wie in den letzten Jahren, dafür hatte es etwas mit den vorherigen Auflagen gemeinsam: Regenwetter. Besser gesagt die Regen-Drohung, denn es regnete nur in kurzen Etappen, so dass die Zuschauer, die doch gekommen waren, nicht gleich wegrennen mussten. Eine der zur Zeit in Rumänien, beliebtesten Bands, „Carla´s Dreams“, trat wie gewohnt mit angemalten Gesichtern auf, um nicht erkannt zu werden. Die Band „kämpfte“ fleißig auf der Bühne, doch die Tonqualität war bestenfalls mittelmäßig, was für ein 9-Millionen-Euro-Festival eigentlich enttäuschend ist. Die Fans ließen sich davon allerdings nicht stören, und waren froh, live die Band aus der Republik Moldova sehen zu können. Sie sangen lauthals mit, auch nachdem sie den Platz verlassen hatten.

Ihnen folgte eine atemberaubende Show im wahrsten Sinne des Wortes: In 80 Metern Höhe schwebten einige Mitglieder der italienischen Akrobaten-Truppe „Kitonb Project“, während andere auf der Bühne unten und in einem meterhohen Parallelepipeden, der von einem 600 Meter langen elastischen Seil umspannt war, herumturnten. Eingeladen waren die Zuschauer, zusammen einen „Flug durch die Zeit“ (Carillon, il Volo del Tempo), in der Regie von Angelo Bonello zu machen. Die Kombination der verschiedenen Elemente – Akrobatik, Spezialeffekte, Flug, Lichter, gesprochene Texte und klassische Musik waren einfach atemberaubend, und das weiterhin bestehende Problem mit der schwachen Tonqualität konnte der Show ebenfalls nicht schaden. Das Schweben der Akrobaten wurde nicht einmal durch den Regen gestört. Und als sich die Akrobaten in die Tiefe stürzten, hielten alle für einige Sekunden den Atem an.

Der krönende Abschluss war natürlich das Feuerwerk, das etwa zeitgleich mit der Niederlage Rumäniens gegen die französische Fußballmannschaft gezündet wurde.

„Omul pernă“ (Der Kissenmann) des zeitgenössischen irischen Dramatikers Martin McDonagh war einer der Höhepunkte am Samstagabend, im „Gong“- Theater für Kinder und Jugendliche. Regie führte Eugen Gyemant und es spielten die Schauspieler des Teatrul Act aus Bukarest. Zentrale Figur des Stücks ist der Schriftsteller Katurian K. Katurian (Ionuț Grama), der auf einer Polizeistation in einem fiktiven totalitären Regime von zwei Beamten zusammen mit seinem zurückgebliebenen, geistig behinderten Bruder (Dan Rădulescu) verhört und gefoltert wird. Die beiden halten ihm seine Geschichten vor, in denen regelmäßig Kinder misshandelt und zum Teil auf grausame Art umgebracht werden. Später stellt sich heraus, dass einige Morde genau nach dem Muster seiner Geschichten begangen wurden. Nach und nach erfährt der Zuschauer von den Kindheitserlebnissen Katurians und seines Bruders, aber auch der beiden Polizeibeamten. Das Theaterstück war überaus sehenswert, dazu trugen im größten Teil die großartigen Schauspieler bei.

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Ein besonderes Erlebnis war das Theaterstück „Die grüne Katze“ von Elise Wilk, das am Montag, den 13. Juni, ebenfalls im Gong-Theater, in der Regie von Bobi Pricop von den Schauspielern des „Luceafărul“-Theaters Jassy gezeigt wurde. „Silent Disco“ heißt das Konzept, nach dem die Aufführung inszeniert wurde. Auf Deutsch bedeutet das soviel wie „Leise Disko“ oder besser noch „Kopfhörerparty“. Tatsächlich bekam man zu Beginn der Vorstellung kabellose Kopfhörer ausgehändigt, aus denen moderne Tanzmusik zu hören war und zu der man als Zuschauer von den anwesenden Schauspielern aufgefordert wurde, zu tanzen. Es gab keine Stühle, bloß ein paar Würfel, auf die man sich setzen durfte und eine Tanzfläche, die auch als Bühne diente. Die Schauspieler trugen ebenfalls Kopfhörer mit Mikrofon. Als Zuschauer hörte man, was die Schauspieler sagten, konnte dazu aber auch tanzen und nicht wenige folgten dieser Einladung und schwangen gekonnt das Tanzbein. Das Theaterstück über Liebe, Einsamkeit, Verlassenwerden und Gleichgültigkeit, in dessen Vordergrund eine Teenagerclique aus einer Großstadt steht, war ein voller Erfolg vor allem für die jüngere Generation.

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Am gleichen Tag erlebten die Zuschauer großes Theater auf der Bühne der Redal-Expo-Halle. Die Schaubühne Berlin war mit dem Theaterstück „Die Ehe der Maria Braun“ nach dem gleichnamigen Spielfilm von Rainer Werner Fassbinder, in der Regie von Thomas Ostermeier eines der Höhepunkte, wenn nicht der Höhepunkt des Festivals. Ein Genuss für die Zuschauer waren die grandiosen Leistungen der Schauspieler Thomas Bading, Robert Beyer, Moritz Gottwald, Sebastian Schwarz und der Hauptdarstellerin Ursina Lardi.

Ostermeier bringt viel Witz in seine Inszenierung ein: Travestie-Nummern, absurdes Ballett, Situationskomik. Die „Mata Hari des Wirtschaftswunders“ tritt selbstsicher auf die Bühne. Durch das Bühnenbild, das im 50er-Jahre-Stil gehalten wurde schwirren die Männer in wechselnden Rollen und oft auch in Frauenkleidern oder ganz ohne Kleidung um die zentrale Figur Maria Braun, hervorragend interpretiert von Ursina Lardi. Eine schnelle, standesamtliche Heirat im Krieg, gefolgt von vergeblichem Warten auf ihren Hermann, dann eine Affäre mit einem G.I.. Als Hermann überraschend aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kommt, ermorden sie gemeinsam den Liebhaber. Während Hermann im Gefängnis sitzt, macht sie Karriere, um dann doch festzustellen, dass sie bloß eine Marionette war. Die Träume platzen wie Seifenblasen, das eheliche Glück geht mit dem Haus in Flammen auf.

Die kleinen Zitate und Originalaufnahmen sind ein Plus dieser Inszenierung. Mal widerspricht sich Bundeskanzler Konrad Adenauer selbst, als er sich zunächst gegen und dann für eine Wiederbewaffnung ausspricht, dann ruft der Sportkommentator Herbert Zimmermann in seiner Radioreportage des Wunders von Bern: „Aus dem Hintergrund müsste schießen“. Alles in allem eine höchst erfolgreiche Bühnenadaption, die von dem Hermannstädter Publikum – die Vorstellung war ausverkauft – sehr hoch gelobt und mit minutenlangem Stehapplaus gewürdigt wurde.

Am Dienstag, dem 14. Juni, wurde ein Theaterstück gezeigt, das Erwähnung verdient hat. „Vestul singuratic“, englisch „The Lonesome West“ wurde als dritter Teil der Leenane Trilogie von dem gleichen Martin McDonagh, der auch das weiter oben besprochene Stück „Der Kissenmann“ geschrieben hat. Die Inszenierung von Cristi Juncu am „Nottara“-Theater Bukarest hatte Florin Piersic Jr. als Hauptdarsteller. Man muss hier hinzufügen, der Apfel fällt im Falle Piersic nicht weit vom Stamm. In seiner Rolle spielt er einen zurückgebliebenen, stotternden Hillbilly, namens Coleman. Er lebt mit seinem Bruder Valene, gespielt von Vlad Zamfirescu, der für die besonders lebhafte Energie der Vorstellung zuständig ist. Die Brüder leben in ständigem Streit miteinander und kommen zur Schlussfolgerung, dass ihnen das Zanken eigentlich Spaß macht. Das Publikum hatte auch großen Spaß an der Vorstellung und die 3 Stunden vergingen wie im Flug.

Die letzten drei Tage im Theaterfestival klingen genauso vielversprechend, wie es die vergangenen sieben waren. U. a. stehen folgende Theaterstücke auf dem Programm: „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare, Regie Tim Robbins (17. Juni, 18 Uhr Thaliasaal); „Das chronische Leben“ von Ursula Andkjaer und Thomas Bredsdorff, Regie Eugenio Barba (18. Juni, 20 Uhr, Kulturfabrik); „Liebe. Trilogie meiner Familie 1“ nach Emile Zola, Regie Luk Perceval, Thalia/Theater Hamburg (19. Juni 20 Uhr, Redal Expo Halle).

Cynthia PINTER

Ruxandra STĂNESCU

 

Foto 1: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Florin Piersic Jr. ist eine Garantie für gutes Theater. Im Stück „Vestul singuraticˮ spielt er den geistig zurückgebliebenen, stotternden Coleman, der aus Jux auch mal die vom Bruder gekauften „Chipseˮ regnen lässt. Die Zuschauer hatten beim Theaterfestival ihre Freude an dem Bukarester und belohnten ihn und seine Kollegen mit Stehapplaus.                           

Foto: Sebastian MARCOVICI

 Foto 2: Die italienische Akrobaten-Truppe Kitonb Project“ trat bei der Eröffnung auf.                                                              

Foto: Sebastian MARCOVICI

 Foto 3: Szenenfoto aus Elise Wilks Stück Pisica Verde“ mit Dragoș Maftei (links) und Ioana Corban.

Foto: Paul BĂILĂ

Foto 4: Szenenfoto aus der Aufführung der Schaubühne Berlin mit Die Ehe der Maria Braun“ (v. l. n. r.): Thomas Bading, Ursina Lardi, Robert Beyer.

Foto: Arno DECLAIR

 

 

 

 

 

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