„Ich wollte immer schon mehr aus der Theologie machen!“

Ausgabe Nr. 2463
 

Gespräch mit Ortrun Rhein, Leiterin des Dr.-Carl-Wolff-Altenheims in Hermannstadt

 

Ortrun Rhein wurde 1967 in Rosenau geboren. Sie besuchte das Pädagogische Lyzeum in Hermannstadt und wurde zunächst wie ihre Mutter Erzieherin. Noch vor der Wende von 1989 entschloss sie sich, evangelische Theologie zu studieren, denn sie wollte den Mitmenschen helfen. Nach dem Studium arbeitete sie drei Jahre lang als Kindergärtnerin in Rosenau, dann baute sie das SOS-Kinderdorf in Heltau von Null auf. Seit 15 Jahren leitet Ortrun Rhein erfolgreich das Altenheim-Dr.-Carl-Wolff. Mit Frau Rhein sprachen die Lehrer Eva Nistor (Deva), Hrisantis Oceanu (Kronstadt), Lidia Olar und Nicoleta Orban (Mediasch), Claudia Andreea Oprea (Reps), Judith Orosz (Neumarkt) und Isaia Oprişor (Hermannstadt), koordiniert von Călina Popa-Schneider (Hermannstadt).

   Wie wird man als Theologin Direktorin eines Altenheims?

Die Evangelische Landeskirche hat einen neuen Leiter für das Haus gesucht. Ich war damals für das SOS-Kinderdorf in Heltau zuständig. Man hat mich überzeugt und ich habe zunächst für drei Monate zugesagt. Inzwischen sind daraus 15 Jahre geworden und ich bereue es nicht. Ich wollte immer schon mehr aus der Theologie machen!

War der Übergang von Kindern zu Senioren schwer?

Ich hatte den Wunsch etwas für Kinder zu tun, egal ob krank oder schwer erziehbar und habe nie darüber nachgedacht, wie es wäre, mit Erwachsenen zu arbeiten. Der Übergang war schwer, aber ich habe es zu meiner Zufriedenheit geschafft.

Auf Ihrer Webseite ist zu lesen: „106 Heimbewohnern aus verschiedenen Städten und Dörfern des Landes bieten wir einen behüteten Lebensabend. Ein Stück Heimat.“ Wie schaffen Sie das?

Wir versuchen, den Rentnern der zwei Wohnbereiche den Alltag wie zu Hause zu gestalten, soweit das in einer Institution möglich ist. Es gibt geregelte Esszeiten und Freizeiten, in denen man das Heim unter Absprache verlassen kann, um auszugehen. In den beiden Pflegestationen muss der Alltag natürlich an die Möglichkeiten der Patienten angepasst werden.

Dieses Altenheim entspricht dem in Rumänien leider meist negativen Bild solcher Institutionen in erfreulicher Weise vom ersten Blick an nicht. Wie schaffen Sie das?

Durch Teamarbeit der 74 Angestellten. Die Bundesrepublik Deutschland deckt 40 Prozent der Kosten, dazu kommen die Renten der Bewohner, die Einnahmen aus dem Vermieten der Gästeetage und Spenden. Der rumänische Staat steuert ganze 250 Lei pro Person und Monat bei, während die Kosten 1.600-2.000 Lei betragen.

Welche Aufnahmebedingungen gibt es?

Man füllt ein Anmeldeformular aus und kommt auf eine Warteliste. Die Anzahl der freien Plätze hängt von der Anzahl der Todesfälle ab, wie böse sich das auch anhören mag. Wird ein Platz frei, so belegen wir den mit einer Person von der Warteliste oder einem sozial schwächeren Anwärter, der zu Hause nicht mehr versorgt werden kann.

Mit welchen Problemen müssen Sie sich als Leiterin auseinandersetzen?

Unzufriedene Familien und Bewohner, Behörden und Kontrollen, sowie begrenzte finanzielle Mittel. Die bewohnerbezogenen Probleme sind normal, damit kann man noch am einfachsten zurechtkommen. Es gibt leider auch Familien mit Launen und Geld, die nur Rechte aber keine Pflichten kennen, die meinen, besser zu wissen, wie man Senioren pflegt – Menschen mit derartigen Ansichten gibt es auch sonst in der Gesellschaft. Dazu haben wir dauernd Kontrollen von verschiedenen Behörden, was in Anbetracht der unklaren und sich stetig ändernden Gesetzeslage unserer Arbeit nicht gerade förderlich ist. Wir gehören zu den Häusern, welche die meisten Kontrollen erlebt haben, im Besonderen vor den Wahlen letzten Herbst, als wir „zufällig“ über 30 hatten. Man muss sich als Haus einfach durchsetzen und überzeugend sagen: Das ist meine Richtung! Die größte Schwierigkeit bleibt, dass wir finanziell nicht langfristig abgesichert sind. Ich weiß nie, wie ich die Ausgaben bis Ende des Jahres in den Griff bekomme. Es ist immer ein Abenteuer, nicht zuletzt sind wir auf Spenden angewiesen.

Wie wird die Gemeinschaft einbezogen? Was für Veranstaltungen gibt es im Heim?

Mit den Schulen arbeiten wir sehr gut zusammen. Einige Brukenthalschüler besuchen die Heimbewohner zu Ostern, Weihnachten und anderen Anlässen. Sie haben zusammen Kuchenhäuschen gebacken und Kekse dekoriert. Manchmal besucht uns der Chor der benachbarten orthodoxen Kirche. Zwei Mal pro Jahr kommen Schauspieler des Staatstheaters, um den Bewohnern vorzulesen. Jedes Jahr werden wir vom Konsulat zum Apfelfest eingeladen. Wöchentlich trifft sich der Handarbeitskreis der Kirchengemeinde, zu welchem Frauen aus dem Heim und von außen gehören – eine gute Gelegenheit, Gedanken auszutauschen. Die Bewohner können an abwechslungsreichen Aktivitäten teilnehmen: es gibt einen Chor, Gottesdienste, Bibelstunde, Ergotherapie, Sitztänze, Musiktherapie, Krippenspiele und vieles mehr. Wenn sie einfach ihre Ruhe haben wollen, dann sei ihnen auch das gegönnt.

Wie verbinden sie Beruf und Privatleben?

Ich wohne hier im Heim und habe nicht das Gefühl, im Dienst zu sein.

Bekannte von Ihnen meinen, dass Sie sich immer dann, wenn in Ihrem Aufgabenbereich alles läuft, ein neues Projekt ausdenken und es auch – so unglaublich es vielen scheinen mag – verwirklichen. Woher nehmen Sie die Motivation?

Mit Menschen zu arbeiten ist immer spannend und ein offenes Auge für die Nöte der Gesellschaft sollte jeder haben! Ich habe in Hermannstadt eine Tagesbetreuungsstätte für Straßenkinder aufgebaut, es folgte das Hospiz und nun widme ich mich der Einrichtung eines Kinder-Hospizes, in dem 10 bis 12 Kinder mit lebensbedrohenden Krankheiten unter Einbindung von Eltern und Geschwistern betreut werden sollen.

Bei der Arbeit mit Menschen, die am Lebensende stehen, erhält man eine komplexe Perspektive, was das eigene Leben angeht.

Wie sehen Sie die Zukunft des „Dr. Carl Wolff“-Altenheims?

Altenheime wird es immer brauchen, also ist die Zukunft stabil. Wir können nicht für die nächsten zehn Jahre planen, denn Menschen ändern sich und wir müssen uns den Gegebenheiten stellen. Mehr Plätze wollen wir nicht schaffen, weil wir unter den gegebenen Umständen die Geborgenheit einer Dorfgemeinschaft vermitteln können. Gäbe es mehr Betten, so wäre alles unpersönlich, das Zusammengehörigkeitsgefühl würde verschwinden.

Wir danken für das Gespräch!

 

Gruppenbild im Büro der Heimleitung (v. l. n. r.): Eva Nistor, Hrisantis Oceanu, Heimleiterin Ortrun Rhein, Judith Orosz, Isaia Oprişor, Nicoleta Orban, Lidia Olar.                                 

Foto: Călina POPA-SCHNEIDER

 

 

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