Spielen macht Lehren einfacher

Ausgabe Nr. 2455
 

Gespräch mit Sylvia Rotter, Gründerin und Intendantin des Wiener Kindertheaters

 

Die Schauspielerin Sylvia Rotter, Intendantin des 1994 gegründeten Wiener Kindertheaters, ist seit 2006 mit grenzüberschreitenden Theaterprojekten und Inszenierungen in Rumänien präsent, wo sie sich dafür einsetzt, Theater als Wahlfach an den Schulen zu etablieren. Hierzulande heißt der Verein „Teatrul Vienez de Copii" und dieser hat  am 17. Oktober erstmals in Hermannstadt eine Bildungskonferenz zum Thema Theaterpädagogik veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit sprach HZ-Chefredakteurin Beatrice U n g a r mit Sylvia Rotter.

   Es ist Ihre erste Veranstaltung in Hermannstadt, seit 2006 sind Sie in Rumänien aktiv. Wie ist es dazu gekommen?

Es ist durch einen ganz großen Zufall dazu gekommen: Ich wollte immer nach Rumänien fahren und dann fragte ein Bekannter von mir, der Enkelkinder hat, ob ich etwas tun kann für eine Rumänin. Er hat eine Rumänin gekannt, die war bei seiner Tochter Au-pair und hat mit Filmen was zu tun gehabt und hat ihre Stelle verloren. Eine komplizierte Geschichte. Ich habe geantwortet, ja selbstverständlich. Und ich treffe sie, sie konnte kaum Deutsch. Es hat sich dann herausgestellt, sie ist eine wirklich gute Schauspielerin aus Großwardein und hat mit 30 Jahren von einem Tag auf den anderen alles stehen gelassen und ist ohne Deutsch zu sprechen nach Österreich als Au-pair gegangen. Sie hat von ihrer Arbeit nicht mehr leben können und keine Zukunftsperspektive gesehen. Und dann hat sich daraus eine Freundschaft entwickelt und sie hat immer noch Freunde da, denen sie von der Idee eines Kindertheaters erzählt hat. Da haben wir in Großwardein mit ganz wenig Geld, 2.500 Euro in etwa, die erste Produktion gemacht. Das hat von Anfang an gut funktioniert. Nur habe ich recht bald gemerkt, wenn man in Rumänien flächendeckend etwas bewegen will, muss man nach Bukarest gehen. Durch das Sponsoring der BCR-Bank hat es sich ergeben, dass wir in Bukarest anfangen konnten. Und seither leben wir recht und schlecht von westlichen Sponsoren, von westlichen Firmen. Zumindest mit solchen, die eine Connection nach Österreich haben. Trotz aller Schwierigkeiten finanzieller Natur sind wir gewachsen: Klausenburg, ein Projekt in der Maramuresch, in dem Kinder in den Ferien lernen, mit der Natur zu leben, nicht gegen sie. Weil Rumänien so viel zu bieten hat. Ich habe Sachen gesehen in der Maramuresch, die gibt es im Westen nicht mehr und wird es auch nicht mehr geben.

Zurück zu Hermannstadt. Hier gab es eine Bildungskonferenz, als Einstieg. Ist es das erste Mal für Sie in Hermannstadt?

Nein, ich war schon einmal in Hermannstadt. Im Jahr 2008 oder 2009 haben wir hier beim Theaterfestival gespielt. Eine Aufführung in einer Kirche, ich war nicht dabei, aber ich war davor kurz in Hermannstadt, um das Projekt anzuleiten. Aber jetzt bin ich das erste Mal richtig hier und begeistert von der Stadt, von der umliegenden Landschaft, den umliegenden Dörfern – das ist wunderschön!

Was ist für Sie wichtig, warum machen Sie das? Sie waren in London Schauspielerin, und haben das für Wien gelassen und machen jetzt Kindertheater. Was ist wichtig in der Theaterpädagogik, worauf kommt es an?

Ich glaube, dass Kinder einfach lernen, einen Bezug zu sich selbst und Empathie zu anderen Menschen herzustellen. Dass sie einfach lernen, sich selbst auszudrücken. Ich will ihnen dadurch auch eine gewisse Freiheit vermitteln. Eine Freiheit in der Stimme, dass sie nicht blockiert sind, sondern dass sie sich frei bewegen. Mit dem ganzen Körper, mit Armen und Beinen, dass sie atmen, dass sie ihre Gefühle ausdrücken können.

Wie ist das zunächst angekommen in den Schulen?

Ich habe in Österreich Schulprojekte gemacht und tue mich natürlich leichter bei den Jüngeren. Ich finde, es ist viel einfacher, jüngere Kinder zu beeinflussen, dass sie etwas lernen, als Vierzehn-, Fünfzehn-, Sechszehnjährige, die oftmals schon die Neigung verloren haben.

Aber Sie arbeiten ja nicht selbst mit allen Kindern. Es ging hier um die Lehrer: Wie haben die rumänischen Lehrer reagiert?

Die Reaktion der Lehrer in Rumänien war sehr gut. Ich finde, dass in Rumänien sehr viel für uns funktioniert, in unsere Richtung geht. Wir haben diese erste Bildungsinitiative in Bukarest jetzt genau vor einem Jahr gemacht, und das war sehr positiv, Lehrer haben die Inhalte in ihren Unterricht integriert und Rückmeldung gegeben. Das heißt, wir konnten den Lehrern helfen. Es geht nicht darum, dass wir mit erhobenem Zeigefinger da sind, sondern dass wir den Lehrern eine Methode vermitteln, die Lehren einfacher macht.

Ich habe drei Jahre als Lehrerin gearbeitet und festgestellt: Kinder machen lieber mit, wenn sie lachen können und Freude haben.

Ja, mir geht es auch darum, dass es nicht so streng ist, dass sie es gern machen. Ich möchte niemanden zu irgendetwas zwingen.

Sie sprachen von der Trias Körper, Seele und Geist. Wie bringt man das zusammen? Ist es vielleicht bei jüngeren Kindern einfacher, weil sie noch nicht so stark beeinflusst sind?

Also, mit Bewegung ist es klar: Die Kinder sind auch – da leite ich gleich über zur Seele – glücklicher, wenn sie sich bewegen. Das ist etwas sehr Natürliches. Wenn Kinder auf einen Baum klettern, dann sind sie schon glücklich. Wenn sie dann dort oben sitzen und ein Gedicht lernen, das ihnen gefällt, dann sind Körper, Seele und Geist mit einem Schlag bedient. Das ist natürlich nur ein Bild, aber wir haben viele kleine Übungen und Texte, Lieder, um die Kinder wachzukitzeln – die Seele zu wecken. Das sind Impulse für die Synapsen im Hirn.

Sie haben auch ein schönes Beispiel genannt, was ein Schlüsselereignis für Sie war, wie schön es ist, wenn die Kinder spielen.

Es ist so befreiend, wenn man Kinder sieht, die die Welt um sich herum vergessen. Die wirklich spielen, sich diesem Spiel mit Lust und Ernst hingeben. Das habe ich einmal in Wien erlebt und einmal in Bukarest, dass diese kleinen Kinder auf der Bühne vergessen, dass sie auf einer Bühne sind und etwas spielen. In einem Stück, in einem Klassiker. Dann schaut man gebannt auf das Kind, weil es uns durch die Magie des Spiels in den eigenen Bannkreis zieht.

Die Kinder sind ja im Allgemeinen auch sehr dankbar, mal etwas anderes erleben zu können.

Das ist ja auch unser Ansatz: Die Kinder lernen mehr, wenn man Lernen mit Spiel kombiniert. Das ist alles, was wir wollen.

Das ist ja nicht so einfach. Einfach gesagt, die Umsetzung ist natürlich schwieriger.

Ja, aber man muss es nur wollen. Wenn ich beispielsweise Volksschullehrerin bin und Mathematik mit den Kindern machen muss und  merke, sie sind nicht aufmerksam, erschöpft, müde, bringt es unserer Erfahrung nach mehr, wenn man kurz ein Spiel macht. Dabei müssen sie denken, sich bewegen, kombinieren und sich hinsetzen, um dann besser zu lernen. Ich habe vor einigen Jahren sehr viele kleine Buben bei uns im Kindertheater gehabt, ungefähr sechs Jahre alt. Andere Erwachsene waren sehr genervt, weil diese Gruppe sich nicht lange konzentrieren konnte. Nachdem ich das wusste, wusste wie das funktioniert in ihren Hirnen, habe ich sie toben lassen, springen, dann habe ich sie wirklich bei der Sache gehabt: eine kurze Zeitspanne hatte ich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Eine kurze Zeit, dann haben sie sich wieder bewegen können. Da haben sie wesentlich mehr davon, als wenn sie lustlos sind und zumachen.

Wie geht das hier weiter? Ist das eine einmalige Geschichte oder soll es weiter bestehen?

Also ich bin heute angesprochen worden, ob wir hier eine Testung machen wollen. Das würde mich sehr interessieren. Im Anschluss müssen wir in der Nachbesprechung mit den Vertretern der Schulbehörde und den Leuten, die hier geholfen haben, besprechen, wie sie das sehen, ob wir mehr Lehrer ausbilden sollten. Und dann die sechzig Lehrer, die gekommen sind, um bei dieser Fortbildung mitzumachen, die werden das dann in ihren Unterricht integrieren und uns Formulare zum Feedback zuschicken. Das hat funktioniert, das nicht, das haben sie lieber gemacht – was immer da herauskommt, ist wiederum für uns hilfreich.

Haben sich diese 60 Lehrer freiwillig gemeldet?

Ganz genau! Ich finde, die haben alle sehr gut mitgearbeitet, zugehört. Ich habe das Gefühl gehabt, dass sie wirklich interessiert sind an dem, was gesagt wird.

Da kann ich nur weiter gutes Gelingen wünschen! Es hängt ja von vielen Faktoren ab, von der Person, etc. Kurz zur Person: Sie sind Wienerin, oder?

Aus Graz!

Aus der Steiermark, Europäische Kulturhauptstadt 2003, wie Hermannstadt 2007! In Hermannstadt hat es vermutlich mehr gebracht: Wir haben hier eine Erfolgsgeschichte.

Ja, das merkt man auch, wenn man durch die Stadt geht. Ich spüre eine gewisse Dynamik.

Danke für das Gespräch.

 

Sylvia Rotter bei ihrer Ansprache im Thaliasaal. 

Foto: Beatrice UNGAR

 

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