„Der Schnee ist nirgendwo so weiß“

Ausgabe Nr. 2455
 

Subjektiver Rückblick auf die zweite Auflage des Clara Haskil-Festivals

 

Fragil, ätherisch, mit einem Blick von jenseits der Welt, in die sie nur blickt, um weiter zu gehen, direkt in den Kernpunkt einer Heimat, aus der sie gekommen ist, in die sie zurückgekehrt ist, in der sie gewohnt hat und in die sie alle mitgenommen hat, die ihr einmal zuhören durften, im Herzen der diesem Universum innewohnenden Harmonie, der Musik. Clara Haskil, die Pianistin. Clara Haskil, die Charlie Chaplin mit ihrer Reinheit und Sensibilität bezauberte, so dass er ehrlich und wahrhaftig sagte: Ich weiß, dass ich außerhalb der Musik nicht existiere."

  Clara Haskil, die Rumänin, deren Namen wenige Rumänen kenne, aber die Papst Franziskus in Zusammenhang sieht mit der Musik von Mozart, die er liebt:  „I love Mozart performed by Clara Haskil".

Clara Haskil ist seit 2014 ein Festival in Hermannstadt gewidmet. Es ist ihr Festival und das all jener, die es mit Leben erfüllen: Initiatoren, Musiker und Publikum. Für sie hat sich die Stadt mit einem Himmel gekrönt, der ebenso blau ist wie die Melancholie Haskils, die in ihren Briefen an Dinu Lipatti aus der Schweiz oder aus Paris hervortritt. Die Sonne schien genauso warm wie seine Antworten, die Antworten eines geliebten Freundes und eines Mozart-Seelenverwandten. Mit ebenso enthusiastischen, von der Musik begeisterten Menschen wie alle diejenigen, die sie gekannt und ihre Rafinesse geschätzt haben.

Nach einer Konzertwoche, in der ihr geliebtes Instrument, das Klavier, strahlen durfte, in der junge bei internationalen Wettbewerben preisgekrönte Musiker ihre Kunst und ihre Virtuosität beweisen konnten, war der letzte Abend des Clara Haskil-Festivals 2015 am Montag, den 2. November, einzig und allein dem Geist, dem Talent und dem Gedenken Clara Haskils gewidmet. Ein musikalischer Leseabend, bei dem die Schauspielerin Maia Morgenstern und die Pianistin Alina Azario, künstlerische Leiterin des Festivals, aus Worten und Tönen, aus dem Briefwechsel zwischen Clara Haskil und Dinu Lipatti, der vor seiner Zeit im Alter von 33 Jahren plötzlich starb, der Pianist von dem Herbert von Karajan sagte,  seine Interpretationen seien „nicht mehr nur Töne des Klaviers sondern Musik in ihrer reinsten Form."

Das Porträt wurde ergänzt mit einem Aquarell von Musiklandschaften, einer Folge von delikaten, ernsten, milden oder ausgelassenen Werken von Brahms, Mozart und Schubert, dargeboten von Alina Azario mit Freude und Nostalgie, fließend und kräftig, außergewöhnlich fein moduliert der natürliche Fluss des dramatischen Tumults  in dem allumfassenden Lyrismus.

Vor den im Hintergrund gezeigten Fotos und Filmausschnitten aus den Archiven, schaffte es Alina Azario, das Profil Clara Haskils durchscheinen zu lassen, ja es verschmolz mit der Musik, so dass die Anwesenden ihre Präsenz im Thaliasaal fast spüren konnten, in einer Stadt in ihrem Land, von dem sie von Heimweh gebeutelt geschrieben hat: „Der Schnee ist nirgendwo so weiß wie in Rumänien".

Der Beifall des Publikums in dem vollen Thaliasaal in einem Augenblick der sensibel dargebrachten Offenbarung für eine Künstlerin, deren Präsenz dermaßen wahrhaftig aus dem Figurativen eines Erinnerungsbildes ausbricht, ist ein Zeichen dafür gewesen, dass diese Künstlerin, Clara Haskil, nach Hause zurückgekehrt ist, in das Land, in dem der Schnee weiß und die Erinnerung an sie wieder lebendig ist.

Möglicherweise war der Name Maia Morgenstern auf dem Plakat ein Publikumsmagnet, ist sie doch eine Ikone einer Künstlerin, doch der Stehapplaus galt nicht nur ihr und dem gelungenen Abend sondern vor allem der Pianistin Alina Azario, die „schuld" ist an dem Verlauf dieses jungen aber ambitionierten Festivals, an dem Gedenken an eine große rumänische Musikerin aber vor allem an diesem Abend. Mit ihrer wunderbaren Interpretation vermittelte sie die Rückkehr Clara Haskils in die Mitte ihres Landes und wischte jeden Zweifel darüber weg, dass die klassische Musik für Rumänien heute etwas anderes sein könnte als ein Ort der Leidenschaft für die Tonkunst, ein Zeichen ihrer kulturellen Efferveszenz, ein Beweis des raffinierten Geschmacks oder der (wieder)gewonnenen Lust an der Gestaltung oder Neugestaltung des ihr innewohnenden ästhetischen Profils.

Doina GIURGIU

agenda.liternet.ro

 

Alina Azario (links) und Maia Morgenstern.  

Foto: Tudor PLATON

 

 

 

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