Spurensuche und Spurensicherung

Ausgabe Nr. 2440
 

Volker Wollmann veröffentlichte vier Bände zum Industrieerbe in Rumänien

 

Als sie eines der alten Transformatorenhäuschen irgendwo in Hermannstadt fotografieren wollte, sei sie von Hunden angefallen und fast gebissen worden, erzählte bei der Buchvorstellung im Festsaal der Evangelischen Akademie Siebenbürgen die Hermannstädterin Liliana Oprescu, eine der rund 50 Hobby- und Berufsfotografen, die Volker Wollmann im Anhang des vierten Bandes der Reihe Patrimoniu preindustrial și industrial în România" (Frühindustrielles und industrielles Erbe in Rumänien)  dankend erwähnt.

 Der auf Industriearchäologie spezialisierte 1942 in Hermannstadt geborene Archäologe und Historiker begab sich auf Spurensuche nach frühindustriellem und industriellem Erbe in Rumänien und fand ganz rasch heraus, dass er auch Spurensicherung betreiben muss. Deshalb plante er 2010 zunächst die Herausgabe zweier Bände zum Thema „Frühindustrielles und Industrielles Kulturerbe in Rumänien", um sozusagen im Dringlichkeitsverfahren eine Bestandaufnahme von (noch vorhandenen) Zeugen frühindustrieller und industrieller Entwicklung auf dem Gebiet  Rumäniens zu erstellen. Wie er feststellen musste, war es in relativ vielen Fällen schon fünf nach zwölf, die Anlagen waren vom Erdboden verschwunden. Die Dokumentation diene deshalb auch der Bewusstmachung der rumänischen Öffentlichkeit über die Bedeutung dieses Erbes. So sagte denn auch der Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Akademie Siebenbürgen bei der Buchvorstellung, Wollmann habe versucht „Rumänien seine Geschichte bewusst zu machen" und es geschafft, das Wissen um dieses Erbe den Lesern zugänglich zu machen, so dass dieses Wissen nicht verlorengeht. In dem Vorwort zum ersten Band wies Wollmann darauf hin, dass die Zerstörung von frühindustriellem und industriellem Erbe in Rumänien auch deshalb an der Tagesordnung ist, weil es keine einschlägige Gesetzgebung zum Schutz dieser Anlagen gibt, aber auch „Unwissen und Respektlosigkeit gegenüber den Werteschaffenden und der technischen Zivilisation im Allgemeinen und insbesondere für jene, die die Technik in Rumänien auf europäisches Niveau gebracht haben" eine unheilvolle Rolle spielen. Immerhin wurden in den letzten Jahren auf Initiative des rumänischen Kulturministeriums so genannte „Werkstätten für Industriearchäologie" mit internationaler Beteiligung veranstaltet. So kam es zu ersten Kooperationen im Rahmen europäischer Programme, wie z. B. „Industrieerbe zwischen Land und Meer" (Cultura 2000), „Wege der Industriearchäologie in Europa" (in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Institut für  Kulturwege aus Luxemburg). Dazu gibt es Bestrebungen, im Banater Bergland einen „Industriearchäologischen Park" einzurichten sowie Bergbaumuseen im Schiltal. Als Paradebeispiel für den Erhalt und die Nutzung eines aufgelassenen Salzbergwerks nennt Wollmann die Saline in Turda, die umgebaut und für touristische Zwecke ausgestattet wurde.

Von vornherein klar, dass er nicht auf eine vollständige Aufnahme aus sein kann. Das würde den Rahmen sprengen, stellte er schon bei der Vorstellung des ersten Bandes fest, wo es auch heißt, die Arbeit sei auf zwei Bände angelegt. Bei der Vorstellung des vierten Bandes erfuhren die Anwesenden, dass nun auch ein fünfter Band in der Mache ist, in dem es u. a. um Sonnenuhren gehen soll.

Weil die Buchvorstellung in Hermannstadt, der Geburtsstadt von Wollmann stattfand, zählte er bei der Vorstellung der insgesamt vier Bände einige wichtige Momente der frühindustriellen Entwicklung in diesem Ort auf. So sei Hermannstadt nicht nur ein Vorreiter im Maschinenbau gewesen, sondern auch im Bereich des Hüttenwesens: die erste wichtige Fabrik gehörte Samuel Wagner, der Hochofen wurde im Ersten Weltkrieg zerstört. Desgleichen habe der rührige Bankdirektor und Volkswirtschaftler Dr. Carl Wolff die Anlage einer Drahtseilbahn initiiert. Erwähnt hat Wollmann auch die gelungene Umnutzung der früheren Lica-Mühle in Hermannstadts Unterstadt, wo jetzt ein Hotel in Betrieb ist. Auch im Bereich der Zuckerproduktion habe Hermannstadt die Nase vorn. Auf einem Kupferstich aus dem Jahr 1849 wird eine Zuckerfabrik daselbst dokumentiert. Die Brenndorfer Zuckerfabrik, die heuer 120. Gründungsjubiläum feierte, wurde 1894 in Betrieb genommen. Auch die ersten Bierfabriken auf dem Gebiete  des heutigen Rumäniens wurden in Hermannstadt gebaut, heute ist vieles kaputt, dem Verfall preisgegeben, so z. B. der Hopfen-Speicher der Dreieichenfabrik (Trei Stejari). Kaum Spuren hinterlassen habe die Bierfabrik in Zoodt, wo ab 1892 das zu jener Zeit beliebte „Bock"-Bier produziert wurde. Nicht zuletzt fuhr 1904 in Hermannstadt der erste Oberleitungsbus und auch die Straßenbahn solle man nicht vergessen.

Damit liefert Wollmann eine Vielzahl für Argumenten für die Einrichtung eines Industriemuseums in Hermannstadt, das laut Plänen des Brukenthalmuseums auf dem Gelände der früheren Rieger-Werke (nach der Enteignung 1948 Independența) stehen könnte.                

Beatrice UNGAR

 

Volker Wollmann bei der Buchvorstellung im Hans Bernd von Haeften-Tagungshaus der Evangelischen Akademie Siebenbürgen.

Foto: die Verfasserin

 

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