Un Certain Talent für Porumboiu

Ausgabe Nr. 2432
 

Verhältnismäßig starke Präsenz Rumäniens bei den Filmfestspielen in Cannes

 

Eine verhältnismässig starke Präsenz von Rumänien, wenn auch nicht im Wettbewerb, war bei den diesjährigen 68. Filmfestspielen in Cannes zu verzeichnen. Zwei Filme in der offiziellen Festivalreihe „Ein gewisser Blick" (Un Certain Regard) und ein Kurzfilm in der „Woche der Kritik" sind schon ganz schön.

In „Un etaj mai jos“ (Eine Etage tiefer) von Radu Muntean wird ein Mann (Teodor Corban) Zeuge eines Streits mit tödlichem Ausgang und weiß nicht recht, wie er sich dem vermutlich Schuldigen gegenüber verhalten soll, ihn denunzieren oder nicht? Und dann ist da noch sein eigenes Gewissen, das nicht mitspielen will, als er es nicht tut. Ein Film über Verantwortung, Diskretion und Courage mit einer sehr gepflegten Photographie, sehr schönen Bildern. Er bekam am Ende einen ganz spontanen Applaus, das hieß, hier hat einer, Radu Muntean, eine sehr ordentliche Arbeit abgeliefert, die zum Nachdenken anregt.

Eine haarsträubende Geschichte ist  „Comoara“ (Der Schatz) von Corneliu Porumboiu, der 2006 für seinen ersten Spielfilm in Cannes die Goldene Kamera erhielt und hier den Preis Un Certain Talent im Rahmen der Reihe Un Certain Regard.  Ein Familienvater lässt sich da von einem verschuldeten Nachbarn überreden, einen Metalldetektor zu mieten, um in dessen Großvaters Garten nach einem Schatz zu suchen, von dem er dann die Hälfte abbekommen würde. Was dann gefunden wird, sei hier nicht verraten, aber die Sache hat so viele Tücken, dass der Zuschauer ziemlich viel zu lachen hat. Eine der wenigen Komödien in Cannes, die überdies recht gut aufgenommen wurde.

Ein Mädchen, Rodica Lazăr, geht langsam eine Treppe hoch mit dem Song „Brigitte Bardot" von Dario Moreno als Musik. So beginnt „Ramona“ von Andrei Crețulescu. Man denkt es geht um käufliche Liebe, aber die Dame ist eine professionelle Killerin, die in den 20 Minuten des Films immerhin drei Personen ins Jenseits befördert, das alles in dunklen Bildern, fast immer nachts.

Die deutsche Sprache war auf dem Festival diesmal wieder äußerst selten. Man hörte sie lediglich in Robert Guédiguians „Une histoire de Fou“, der im ersten Teil in Berlin 1921 spielt, bei einem Prozess, wo ein Mann freigesprochen wird, der Talaat Pacha, den Verantwortlichen des Armeniengenozids getötet hatte. Und in „Amnesia“  von Barbet Schroeder, über die Freundschaft eines jungen deutschen Musikers, der zur Zeit des Mauerfalls nach Ibiza kommt,  und einer Frau, von der man nach und nach erfährt, dass sie aus Deutschland emigrierte. Ein sehr persönlicher Film von Barbet Schroeder über schwierige Vergangenheitsbewältigung, seine eigene Familie, auch über das Ungesagte, den Schroeder in derselben Villa wie seinerzeit „More“ drehte, einer der Glücksfälle von Cannes, ebenfalls außer Wettbewerb.

Das Festival bot diesmal ein etwas disparates Bild. Manche mochten den einen Film aus Gründen, den andere verwarfen und die Meinungen über die Filme waren sehr geteilt. So konnten nur wenige Filme Einstimmigkeit erzeugen, dazu gehörte „Carol“ von Tod Haynes, eine lesbische Liebesgeschichte mit Cate Blanchett, Roonay Mara (Schauspielerinnenpreis) und Kyle Chandler, der vor allem durch seine Atmosphäre und die brillante Rekonstruktion der fünfziger Jahre in Cincinatti/Ohio überzeugte. Und der Erstling von Lászlo Nemes aus Ungarn, einem Schüler von Bela Tarr, „Sauls Sohn“ erzeugte seltene Einstimmigkeit, erhielt den Grand Prix, den Fipresci-Preis und den François Chalais-Reporterpreis und ist somit der große Sieger. Ein schwieriger Film über die Hölle von Auschwitz, wo ein Insasse ein Begräbnis für seinen toten Sohn haben will, von Nemes kraftvoll inszeniert.

Oft zitiert wurden Nanni Moretti mit der Evokation der Krankheit seiner Mutter, „Mia Madre“ (Ökumenischer Preis) und ein anderer italienischer Film, „Youth“ von Paolo Sorrentino, mit Michael Caine und Harvey Keitel beim Kuraufenthalt in den Alpen, eine Komödie über das Altern.

Zustimmung fand auch die moderne Macbeth-Verfilmung von Justin Kurzel mit Michael Fassbender und Marion Cotillard, ziemlich blutig und vielleicht hätte ein wenig mehr Verrücktheit „Macbeth“ genützt.

Ziemlich viele französische Filme standen im Programm, überzeugen konnten u.a. „La Loi du Marché“ über Arbeitslosigkeit in Frankreich, der in Frankreich im Kino schon viel Erfolg hat,  nur mit Laien außer Vincent Lindon (Schauspielerpreis) von Stéphane Brizé,  oder auch „The Valley of Love“ von Guillaume Nicloux, wo sich Isabelle Huppert und Gérard Depardieu sechs Monate nach dem Freitod ihres Sohns im Death Valley treffen. Für „Mon  Roi“ von Maïwenn über eine Frau, deren Selbstbewusstsein durch einen schweren Unfall in Frage gestellt wird, bekam die Schauspielerin und Regisseurin Emmanuelle Bercot, deren Film „La Tête Haute“ zur Eröffnung lief, den Schauspielerinnenpreis ex aequo. „Dheepan“ von Jacques Audiard handelt von Tamilen aus Sri Lanka, die als Flüchtlinge nach Frankreich kommen, ihre Schwierigkeiten, sich in der französischen Gesellschaft einzuordnen, er bekam schließlich die Goldene Palme. Ein sehr sympathischer Film. Regisseur Audiard versucht zu verstehen und gibt sein Verständnis weiter in „Dheepan“.

Das osteuropäische Kino war diesmal wieder stärker vertreten, oft auch nur in den Nebensektionen, wie z. B. der litauische Beitrag von Sharunas Bartas, der in „Peace to us in our Dreams“ auch selbst spielt, was dem Film noch mehr Gewicht verleiht. Vielleicht der schönste, aber auch der traurigste Film in Cannes dieses Jahr über eine Familie, die in ihr Landhaus fährt und diskutiert über die Schwierigkeit zu sprechen und somit auch zu leben. Sehr umfangreich auch die Präsenz des asiatischen Films, in allen Sektionen. Im Wettbewerb war der Taiwanese Hou Hsiao Hsien (Regiepreis), zum ersten Mal dabei mit einer Co-Produktion mit China. „The Assassin“, über eine rätselhafte Rächerin ganz in schwarz, spielt im 9. Jahrhundert.

Für den Chinesen Jia Zhang-ke, dessen Film „Mountains May Depart“ zum Teil in Australien spielt und mehrere Jahrhunderte chinesischer Geschichte schildert, könnte es ein Aufbruch in andere Gefilde sein…        

Claus REHNIG

 

Szenenfoto aus „Comoara" mit Toma Cuzin, Corneliu Cozmei und Adrian Purcărescu.                                                               

Foto: Adi MARINECI

 

 

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