„Heute sind wir alle Gürtler“

Ausgabe Nr. 2432
 

Erstes Bezirksgemeindefest in Gürteln/Gherdeal im Krautwinkel

 

Bei all den sichtbar bröckelnden Mauern darf man nicht übersehen, dass sich in Gürteln etwas tut. An einigen Häusern wird repariert, andere, sehr wenige, sind saniert. Ein Zeichen setzen wollte auch der Hermannstädter Kirchenbezirk, und veranstaltete am Pfingstmontag erstmals ein Bezirksgemeindefest in diesem für viele bisher unbekannten Ort im Krautwinkel.

 

Das Fest sollte auf keinen Fall eine klassische Schwalbe, die den Sommer nicht bringen kann, sein. Man wolle nichts überstürzen mit dieser Veranstaltung, sagte der Kerzer Pfarrer Michael Reger, der für die Gürtler evangelische Kirchengemeinde verantwortlich ist. Es sei schon viel erreicht, wenn jetzt mehr Menschen von Gürteln wissen, und sich hier gut fühlen und vielleicht einen weiteren Besuch planen. Die Zufahrt ist inzwischen recht gut befahrbar, dies stellten alle fest, die sich am Montag nach Gürteln aufgemacht haben. Alle wurden zunächst von einem wunderschönen Blick auf das Dorf belohnt, zeitweise waren auch die noch schneebedeckten Spitzen der Fogarascher Berge gut zu sehen.

Bei strahlendem Sonnenschein war alles ein Gedicht.  Je näher man allerdings der Ortschaft kommt, desto trauriger sind die Bilder, die sich einem bieten: Dem Verfall preisgegebene ehemals stattliche Häuser und Stallungen, Scheunen, die alte Schule, die in den Jahren 1912-1913 nach Plänen des Architekten Fritz Balthes umgebaut worden ist, steht verlassen da. Nachdem das Gebäude an die Kirchengemeinde zurückerstattet worden ist, wurde es verkauft und befindet sich heute in Privatbesitz. Man kann nur hoffen, dass der neue Besitzer bald etwas daraus macht.

Übrigens sagte Pfarrer Michael Reger in seinem Grußwort zum Auftakt des Festgottesdienstes, die Gürtler hätten immer gewußt, wie man anpackt. Vielleicht erinnern sie sich wieder daran. Reger schwärmte aber auch von der Freude der Gürtler am Musizieren und am  Feiern von Festen, von ihrer Gastfreundschaft. Er erinnerte sich daran, dass die wenigen Evangelischen ihn nach dem Gottesdienst im Gemeinderaum an Pfingstmontag immer zu einer deftigen Gulasch eingeladen hätten und dabei habe man „gesungen, bis es blitzte und donnerte". Das Gewitter kam nämlich gewöhnlich um 14 Uhr oder so.

Im Kircheninneren und vor der Kirche waren die traditionellen Birken aufgestellt, pardon, es waren nur Äste von Birkenbäumen, der Natur zuliebe. Pfarrer Reger sagte in seiner Predigt, die Äste dienten dazu, dass sich alle „dem Herrn und Schöpfer etwas näher fühlten". Er sagte: „Heute sind wir alle Gürtler, denn dieses Dorf im Osten des Kreises Hermannstadt kennen wenige. Der Sage nach hat eine Frau aus Kerz, mit Namen Gerda gegründet, die ungarische Bezeichnung des Ortes, Gerdály, zeugt heute noch davon. In Siebenbürgen fragt man gewöhnlich nicht, 'woher kommst du?' sondern eher 'wem gehörst du?' und darauf können wir antworten: Wir gehören dem, dem wir alles verdanken. Pfingsten ist ein Fest der Freude und wir feiern es heute hier in diesem stillen Tal, wo früher 300 Seelen lebten und jetzt 12. Niemand ist heute nach Gürteln verschleppt worden, sondern wir werden alle durch diesen gemeinsamen Gottesdienst einander näher gebracht und vielleicht rücken wir im nächsten Jahr noch enger zusammen."

Schon im Gottesdienst, den an der etwas ramponierten Orgel die Hermannstädter Stadtkantorin Brita Falch-Leutert musikalisch begleitete, rückten die rund 150 Teilnehmenden zusammen. Und sie wurden auch musikalisch belohnt mit der Arie aus der Pfingstkantate von Johann Sebastian Bach, gesungen von Jutta Martini, Erzieherin am Hermannstädter Forumskindergarten.

Wer aber von all jenen, die täglich das Büchlein mit den Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine (in diesem Jahr ist es die 285. Ausgabe) zur Hand nehmen, weiß, dass es eine Verbindung zwischen Herrnhut und Gürteln gegeben hat? Mehr dazu schilderte in einem kurzen Vortrag der Theologe Prof. Dr. Hermann Pitters, der ebenfalls von den „gutmütigen und zugleich sehr sangesfreudigen Gürtlern" schwärmte. Einer von ihnen war der Kantor Michael Singer, der „glaubensbewegt" als 18-Jähriger 1740 nach Bulkesch an der Kleinen Kokel ging, um die von Abgesandten der jungen Herrnhuter Brüdergemeine „besonderen Bibelstunden" zu erleben.  Diese Erfahrung begeisterte ihn dermaßen, dass er die Abgesandten regelrecht bekniete, ihn mitzunehmen nach Herrnhut. Schließlich hätten sie ihm die Bitte erfüllt. Der Gründer der Brüdergemeine, Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760) habe ihn lieb gewonnen und ernannte Michael Singer zu seinem Sekretären. Als solcher begleitete er den Grafen fast überall hin, u. a. nach Paris und London. Pitters selbst hat in Herrnhut das Tagebuch sowie weitere dort erhaltene Schriften des Gürtler Kantors gelesen und stellte fest: Singer schreibt nicht von Graf und Gräfin sondern von „Papa" und „Mama", wenn er von Zinzendorf und dessen Gattin Erdmuthe Dorothea, Gräfin von Zinzendorf, meinte.  Kurz vor dem 1760 erfolgten Tod des Grafen kehrte Michael Singer nach Gürteln in Siebenbürgen zurück, um seine kranke Mutter zu pflegen. Er habe weiter als Kantor gedient, aber als Herrnhuter auch oft Bibelstunden gehalten, schloss Pitters. Zu erwähnen sei auch, dass Graf Zinzendorf am 26. Mai 1700 geboren ist und es ist schon bezeichnend, dass knapp 315 Jahre danach die von ihm angeregten Losungen immer noch aktuell sind.

Also: Was kann denn in Gürteln, das laut Pfarrer Reger nicht „am … der Welt" sondern „am Busen der Natur" liege, schon geschehen? Lassen Sie sich überraschen: Im nächsten Jahr, so Reger, werden alle wieder erwartet am Pfingstmontag beim Bezirskgemeindefest in Gürteln. Es gibt einen Gottesdienst, Musik und natürlich wieder eine leckere Gulasch und Gelegenheit zum Austausch.

Beatrice UNGAR

 

Foto 1: Pfarrer Michael Reger (auf der Kanzel) hielt die Predigt in dem gut besuchten Gottesdienst. 

 

Foto 2: Das Musikerehepaar Jürg Leutert (2. v. r., an der Melodika) und Brita Falch-Leutert (3. v. r. an der Autoharfe) begleitete das Offene Singen auf dem ehemaligen Musizier- und Tanzplatz unter den Linden.

Fotos: Beatrice Ungar

 

 

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