Von der Macht der Manipulation

Ausgabe Nr. 2426
 

Zur Vorpremiere des Stücks „Fantoma e aici“ am Radu Stanca-Nationaltheater

 

Ein guter Verkäufer ist im Stande dem Gärtner Gurken zu verkaufen. So lautet ein rumänischer Spruch, der sehr gut zu dem neuesten Theaterstück passt, das vergangene Woche auf der Bühne des Radu Stanca-Nationaltheaters gezeigt wurde. Die Vorpremiere des Stückes „Fantoma e aici“ von Abe Kobo fand unter der Regie des Japaners Kushida Kazuyoshi am Donnerstag, den 9. April, statt.

 

Ein solcher Verkäufer ist die Hauptperson des Stücks, Oba Sankichi, gespielt von Constantin Chiriac, dem Intendanten des Hermannstädter Theaters. Oba prahlt nämlich vor seinem Bekannten Fukagawa, interpretiert von Marius Turdeanu, dass er selbst Steine verkaufen könnte.

Eines der beiden Hauptthemen des Stückes, das in deutscher Übersetzung übrigens „Geister in Kitahama“ heißt, ist die Gabe einiger Menschen, einem alles verkaufen zu können. Das weniger sichtbare Thema ist die Manipulation der Massen. Doch dazu etwas später.

„Fantoma e aici“ spielt sich in einer Provinzstadt im Nachkriegsjapan ab. Fukagawa ist ein Soldat, der zufälligerweise auf Oba Sankichi trifft, der sich seit acht Jahren von seinem Heimatort fernhielt, um einer Anklage zu entkommen. Fukagawa erzählt Oba, dass er Geister sehen kann. Er habe einen unsichtbaren Begleiter, der ihm aufgetragen hat, so viele Fotos von Verstorbenen wie möglich zu sammeln, um eine Verbindung zwischen Toten und Lebendigen herzustellen.

Oba erkennt sofort die Gelegenheit, aus der Sache ein Geschäft zu machen und erklärt sich bereit, Fukagawa zu helfen. Sein Plan funktioniert folgendermaßen: Er verspricht den Stadtbewohnern viel Geld für die Fotos ihrer Verstorbenen. Diese geben die Fotos bei Oba ab, fühlen sich aber bald schuldig für den Verkauf der Fotos und wollen sie wieder zurück haben. Oba verkauft ihnen die Fotos teurer als zuvor, denn der Preis steigt mit der Nachfrage. Oba schafft es, immer mehr Menschen zu manipulieren, bis schließlich sogar der Bürgermeister an die Existenz der Geister glaubt. Es folgen mehrere Investitionen, das Geschehen driftet immer mehr ins Absurde ab, u. a. bis hin zur Eröffnung eines Konferenzsaals für Geister.

Ein gut gelungener Gag ist dem Regisseuren Kushida Kazuyoshi gelungen. Er setzte ein paar Schauspieler unter die Zuschauer. Ab und zu lachten die Schauspieler laut auf. Man konnte erkennen, wie sehr die Reaktionen der Schauspieler das Publikum ansteckten. Lachten die Schauspieler, lachten oder lächelten die Menschen im Saal. Dadurch bewies der Regisseur subtil, wie einfach es ist, Menschen zu manipulieren und dass das Geschehen auf der Bühne gar nicht so absurd ist, wie es scheint. Dass manche Menschen an die Existenz unsichtbarer Geister glauben, ist ebenfalls keine Neuigkeit. 

Dieses Theaterstück von Abe Kobo, der von der Kritik mit Franz Kafka verglichen wird, habe der Regisseur Kushida Kazuyoshi speziell für Constantin Chiriac ausgewählt. „Ich habe nach einer Person in der japanischen Literatur gesucht, die zu dem schauspielerischen Können von Chiriac passt. Und ich habe Oba gefunden“, sagte Kazuyoshi bei der Pressekonferenz im Vorfeld der Premiere. Der bekannte Regisseur aus Tokio besuchte Hermannstadt 2008, als er das Kabuki-Stück „Ein Spiegel Osakas“ inszenierte und das während des Theaterfestivals gezeigt wurde.  Die Interpretation der Hauptrolle gelang Chiriac übrigens wie erwartet hervorragend. Besonders gut war auch Marius Turdeanu in der Rolle des an posttraumatischem Stress leidenden Fukagawa. Zu erwähnen wären noch Ciprian Scurtea als Reporter und Mariana Mihu als Ehefrau von Oba Sankichi, die beide eine großartige Leistung ablieferten.

Ab und zu wurde das Geschehen von kurzen Singeinlagen unterbrochen. Die Musik dazu wurde von dem bekannten Komponisten Vasile Șirli verfasst. Für das Bühnenbild, dessen Zentralstück eine riesige Eisenbrücke darstellte, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der Hermannstädter Lügenbrücke aufwies, war der Wahlhermannstädter Dragoș Buhagiar zuständig. Das Stück „Fantoma e aici“ wird im Rahmen des diesjährigen Theaterfestivals wieder auf der Bühne zu sehen sein.

Das Theaterstück ist provokativ, regt sehr zum Nachdenken an vor allem durch das allzeit aktuelle Thema der Massenmanipulation und ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Cynthia PINTER

 

 

Foto 1: Szenenbild mit Marius Turdeanu (Fukagawa, links) und  Constantin Chiriac (Oba Sankichi).              

Foto 2: Szenenbild mit Maria Soilică (links, Tochter von Oba Sankichi) und Ciprian Scurtea (Reporter).                                                               

Fotos: TNRS

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