„Gott war flammenförmig“

Ausgabe Nr. 2419
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Neues Buch von Elmar Schenkel im persona verlag

 

„In der Nacht ist man kein Essayist, aber ohne die Nächte mit ihrer Stille und ihrem Geheul gibt es keine Essays", stellt Elmar Schenkel,  deutscher Anglist, Schriftsteller und Übersetzer, Professor für englische Literatur an der Universität Leipzig, in dem Vorwort zu seiner Essay-Sammlung fest, die unter dem Titel „Die Stille und der Wolf“ 2014 in dem persona Verlag erschienen sind. Elmar Schenkel hat 2013 sein Buch „Mein Jahr hinter den Wäldern – Als Dorfschreiber in Siebenbürgen" veröffentlicht, nachdem er 2011 den Dorfschreiberpreis von Katzendorf zugesprochen bekommen hatte.

 

Schenkel beschäftigt sich im Vorwort auch mit dem Ansatz einer Unterscheidung zwischen den Aussagen: „Ich beschäftige mich mit etwas“ und „Etwas beschäftigt mich“.

36 kurze Essays zu Begebenheiten und Gedankengängen, gegliedert in fünf Kapitel, bringen die ganze Existenz der Menschheit in Verwandtschaft mit der Selbstverständlichkeit der Natur hervor. Über die ganze Spannweite der Essays nehmen die Mensch-Natur-Parallelen einen festen Platz ein. Die Pilze werden mit dem Glück assoziiert, die Pfützen mit der Unsterblichkeit, der Herbst mit der Poesie, der Schnee mit der Zukunft, das Brett mit dem Mikrokosmos, Literatur mit Bogenschießen, das immer wieder auftauchende  Symbol der Zahl vier und die Stille mit dem Wolf. Der Autor berichtet von verschiedenen Ereignissen aus seiner eigenen Kindheit, präsentiert seine Familie, erlaubt dem Leser seine Privatsphäre zu durchschreiten und nennt die verschiedensten Fragen, die er sich gestellt hat und die diversen Gefühle, die ihn versucht oder erfreut haben.

In einer sehr persönlichen Schreibweise, leitet Elmar Schenkel seine Leser durch die Handlung des Buches, im Wald bei der Pilzsuche, beim Sucht- und Drogenzentrum um den verlorenen Rucksack wiederzufinden, beim Fahrradfahren oder im Museum, wo er vor kurzer Zeit gewesen ist. Die Bilder die der deutsche Literat in seinem Buch „malt“ entführen die Imagination der Leser in die schönsten Landschaften und man kann fast Geruch, Geschmack und Temperatur des Buches fühlen.

Unter den Begriff  „Lehm“ stellt der Autor die ersten neun Sequenzen des Buches. Es ist bemerkenswert, wie viele unserer Aktionen mit einer philosophischen Idee im Zusammenhang stehen. Hier nur einige Überlegungen dazu: „Man hat das Glück, aber weiß es nicht, und so geht man an allen Dingen und Menschen ahnungslos vorbei. …Ich wusste nun auch, und so verliess mich das Glück“; „Eine Pfütze wiederholt die Unendlichkeit und ist voller Licht….“; „(…)so wie vermutlich dieses Universum ein flüchtig, sich spiegelndes Gesicht auf einer Pfütze ist“.

Weitere acht Geschichten stehen unter dem Begriff „Glut“. Die Frage in der Einleitung – „Was hat das Fahrrad mit Philosophie zu tun?“  – führt zu dem neuen Begriff „Cyclosophie". „(…)das alles macht das Fahrrad zu einem Spiegel der Seele“ erklärt der Autor in seiner Argumentation, wobei er darauf besteht, dass die Räder das Symbol der Unendlichkeit seien. Bezüglich des von uns so gut bekannten Prozesses der Wiederholung schlussfolgert der Autor: „Die Maschine hat zwei Gesichter und darin ist sie der Wiederholung verwandt. Menschen sind wir, weil wir das Neue suchen und zugleich das Alte wiederholen.“

Neun Essays widmen sich unter dem Begriff „Tinte" literarischen Themen, zunächst der Liebe Balzacs für Koffein („Balzac und das Evangelium des Kaffees"). Schenkel sinniert: Die Märchenwelt tut dem Menschen gut, da uns das Märchen unser „eigenes Inneres zeigt“, das Essen und die Essays stehen in einer engen Beziehung und „Der Name der Rose“ gehört zu den "literarischen Blumen".

Im vierten Kapitel werden die Leser zur „ersten Erinnerung“ zurückgeführt: „Wenn ich mich zeitlich weiter zurückbewegte, komme ich in den Kindergarten, da weiß ich genau, dass beim morgendlichen Gebet immer eine Kerze angezündet wurde. In diese Kerze beteten wir hinein, ich sehe heute noch die blaugraue Mitte der Flamme, und ich war mir sicher: Das war Gott. Gott war flammenförmig, er sprach aus dem brennenden Dornbusch“.

Das Schlusskapitel widmet der Autor einer humoristischen Idee, und zwar jene, einen Essay über Käse zu schreiben. Ausgehend von der Absicht G. K. Chestertons, ein fünfbändiges Werk über die Vernachlässigung des Käses („The Neglect of Cheese in European Literature") in dem der Mangel an Literaturwerken zum Thema Käse kritisiert werden sollte, erlaubt sich der Autor ein kurzes Essay („Alles Käse!") dem Käse zu widmen, und damit den Lesern das eine oder andere Schmunzeln auf das Gesicht zu zaubern.

Elmar Schenkel verwendet eine junge, frische Sprache in seinen Darstellungen und stellt immer wieder rechtzeitig entweder ein bisschen Aufregung oder eine deskriptive Passage in den Vordergrund.

Obwohl der Autor besorgt zu sein scheint, den roten Faden zu verlieren, gelingt es ihm überwiegend den Leser bei der Stange zu halten.

So wie der Autor im Essay über Namen und Namenslosigkeit deutet „der Name bindet und verbindet“ beschreibt der Titel „Die Stille und der Wolf“ die Gefühle des Autors  ganz präzise: „Je öfter ich mir dieses Wort Stille ansehe, desto weniger weiß ich von ihm. Ist es ein Befehl? Stillt es den Hunger wie eine Stulle? Ist es etwas zum Sitzen? Ist es ein Fragment, vielleicht aus einem Weihnachtslied oder einem Sprichwort?“. Die Antwort auf diese Fragen werden wir wahrscheinlich nicht erfahren, aber dass „Der Planet Erde 4,5 Milliarden Jahre gebraucht hat, um zu entdecken, dass er 4,5 Milliarden Jahre alt ist“ wissen wir sicher.

Monika TOMPOS

 

Elmar Schenkel: Die Stille und der Wolf. Essays. persona verlag Mannheim, 2014, 192 S., ISBN 978-3-924652-40-1

 

 

 

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