„Tante Turen“

Ausgabe Nr. 2413
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Anna Fröhlich ist tot

 

Weil sie am Turen (Turm) der evangelischen Dorfkirche in Michelsberg gewohnt hat, nannten die Michelsberger ihre langjährige Kuratorin Anna Fröhlich „Tant um Turen", die Tante am Turm. Eine der drei Töchter der Familie Henning konnte das als Kleinkind nicht sagen und sagte Tant Turen. So ist das dann geblieben. Am zweiten Christtag des vergangenen Jahres verstarb die am 3. Juli 1928 in Michelsberg geborene Anna Fröhlich (geb. Greger) und am 30. Dezember 2014 begleiteten die Michelsberger sie auf ihrem letzten Weg.

 

Nicht nur die Michelsberger werden sie vermissen. Nachdem ihr Mann Anfang der 1980-er Jahre als Burghüter angestellt worden war, half sie ihm und lernte dabei viele Menschen kennen, erzählte auch immer gerne. Sie und ihr Mann waren ein eingespieltes Team. Sie waren bei allen sozialen Veranstaltungen dabei – angefangen von der Bruder- und Schwesterschaft bis zur Nachbarschaft. Aber auch im Chor sang sie mit, da sie eine begeisterte Sängerin war. Bei Hochzeiten halfen sie immer beim Planen, Organisieren und Anpacken. In dieser Zeit war die sächsische Welt in Michelsberg noch in Ordnung. Als im Jahr 1989 ihre jüngere Schwester am 4. August und ihr Mann, mit dem sie 41 Jahre lang verheiratet war, am 8. November plötzlich starben, habe sie nicht mehr ans Auswandern gedacht, sagte Anna Fröhlich. Der Verlust dieser beiden ihr lieben Menschen haben eine große Lücke in ihrer Seele hinterlassen. Sie fand ihre Bestimmung in der Arbeit für die Kirchengemeinde wieder, wurde 1997 zu deren Kuratorin gewählt und freute sich, dass sie, anders als viele andere Kuratorinnen und Kuratoren der evangelischen Kirche, die ein hohes Alter erreicht haben, einen Nachfolger gefunden hatte in der Person von Michael Henning, der Ende 2013 in das Amt des Michelsberger Kurators gewählt worden ist.

Und aus aktuellem Anlass ist darauf hinzuweisen: Obwohl sie nicht das notwendige Alter für die Deportation nach Russland hatte, wurde sie zum Abtransport beordert. Sie entkam dem Unglück, da ihr Onkel Polizist in Heltau war und sie zweimal vor dem Abtransport rettete. Danach riet er ihr, sich zu verstecken, denn er konnte ihr nicht garantieren, es auch ein drittes Mal zu schaffen. Von dieser Zeit des Versteckens erzählte sie in den letzten Wochen ihres Lebens sehr oft.

Beatrice UNGAR

 

Anna Fröhlich bringt Blumen für den Altar.

Foto: Juliane HENNING

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