Nachruf auf ein Sonntagskind

Ausgabe Nr. 2412
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Helene Acker ist gestorben

Helene Acker ist am 2. Januar des noch jungen Jahres 2015 zu Grabe getragen worden. Ein großer Familien- und Freundeskreis hatte sich in der Kapelle des Heidelberger Köpfel-Friedhofs versammelt, um der weithin bekannten und anerkannten Kindergärtnerin ein letztes Geleit zu geben. Es war der große Verbund der Familien Acker – Georg – Reich und Galter, die im Kulturleben der Siebenbürger Sachsen als vielseitig kreative Pfarrherrn, Lehrer und Musiker eine gewichtige Rolle eingenommen haben und auch Helene Acker in besonderem Maße geprägt haben. Nun waren sie angetreten, um die Mutter und Schwester, Großmutter- und Urgroßmutter, die Cousine, die allseits geschätzte Lenchen-Tante, die mit 96 Jahren zur Patriarchin dieser großen Sippe aufgestiegen war, nach Familientradition zu verabschieden. Ein Bach’sches Orgelpräludium gespielt von Ilse-Maria Reich eröffnete die Feierlichkeit. Der eindringlichen Predigt ihres Neffen, Pfarrer Hannes Georg (Bad Hersfeld) konnte man entnehmen, welch bewegtes Leben hier zu Ende gegangen war, voll lichter Höhen und dunkelster Schatten.

Ein vielstimmiger Familienchor war angetreten, um jene Choräle zu singen, die sie immer gerne gesungen hatte. Und die Enkelkinder schenkten ihrer „Grisi“ mit Bachs „Air“, gespielt auf Flöte, Geige, Bratsche, Orgel und Kontrabass, einen letzten klingenden Gruß. Die musikalische Klammer der Beerdigungsfeier boten zwei Werke ihrer beiden Söhne, Dieter und Heinz Acker. Von dem älteren Sohn Dieter († 2006) war eingangs dessen ergreifende Motette „Ein jegliches hat sein Zeit“ zu hören und von Sohn Heinz abschließend der Finalsatz aus seiner Suite „Carmina selecta“ mit dem Choral und Fuge über „Gott der Vater steh uns bey“.

Sicher war Helene Acker zeitlebens stolz auf ihre beiden erfolgreichen Söhne, hat das Wort „stolz“ aber nie in den Mund genommen. Sie war einfach „dankbar“, dass es ihr gelungen war, beide Söhne in schwierigen Zeiten alleinerziehend zu rechtschaffenen Menschen zu machen. Diese Dankbarkeit hat sie sich durch schwere Lebensprüfungen zu eigen gemacht.

Geboren wurde sie am 1. Okt. 1918 im Siebenbürgischen Kerz als Tochter des Volksschullehrers Wilhelm Georg und der Helene Reich, Tochter des Kerzer Pfarrers Carl Reich. Nach glücklichen Kindheitstagen im Schoße der Familien Reich – Georg – Galter ergreift sie den Beruf ihrer Mutter und lässt sich in Kronstadt zur Kindergärtnerin ausbilden. Ihr Eheglück mit dem jungen Lehrer Michael Acker, Rektor in Neustadt bei Agnetheln, ist nur von kurzer Dauer, denn nach 10 Tagen muss ihr geliebter Misch bereits an die Front. So beschränkt sich das junge Glück auf wenige Fronturlaubstage. Dennoch werden dem Paar zwei Söhne geschenkt: Dieter (1940) und Heinz (1942), von deren Geburt der Vater noch erfährt, bevor er in einem sinnlosen Krieg vor Stalingrad fällt (1943). Dann wird auch die junge Lehrersgattin nach Russland deportiert, obwohl ihr Mann rumänischer Soldat war und sie zwei Kleinkinder in der Rektorswohnung hinterlässt. Schreckliches hat sie im Arbeitslager von Donezk erleben müssen, aber sie hat alles mit großem Gottvertrauen und mit ihrem fröhlichen Gemüt gemeistert. Die Schicksalsschläge aber lehrten sie Demut, Genügsamkeit und Dankbarkeit als wertvolle Erfahrungen für ihr ganzes Leben. Nach ihrer Rückkehr aus Russland hat Helene Acker als anerkannte Kindergärtnerin in vielen Kindergärten Hermannstadts – in der Fleischergasse, unter dem „Generalloch“, bei der „90-er Kaserne“ und beim „Stern“ – gearbeitet. Es werden wohl hunderte von ehemaligen Hermannstädter Kindern sein, die lebendige und bleibende Erinnerungen an ihre „Lenchentante“ haben, die Erzieherin mit Leib und Seele war.

Ihr pädagogisches Geschick und der phantasievolle Umgang mit den Kindern in Zeiten, wo kaum Spielsachen vorhanden waren, machten sie bald zur beliebten Übungsleiterin für die angehenden Kindergärtnerinnen des pädagogischen Lyzeums, zu denen auch meine Schwester (Gerhild Wagner) gehörte. In ihrem Kondolenzschreiben ist folgendes Bekenntnis zu lesen: Für mich war „Lenchentante“ immer ein großes Vorbild. Ihr Fundus an Kinderversen und Liedern, an Spielen und fantasievollen Bastelarbeiten war immens. Daraus entstand eine beliebte Sammlung von Versen, Liedern und Spielen „Wir spielen und lernen im Kindergarten“ (Editura didactică si pedagogică – Bucureşti 1975), die bis heute ihre Gültigkeit behalten hat. Ihr Buch begleitete mich durch mein ganzes Berufsleben. Es hat mir bei der Arbeit auch hier in Deutschland sehr geholfen. Auch ihre sonnig-fröhliche Art im Umgang mit den Kindern ist mir immer ein Vorbild gewesen.

Heinz Acker, ihr Sohn, nannte sie in seinen Dankesworten am Sarge der Mutter ein „Sonntagskind“, das an einem Sonntag geboren war, zeitlebens viel sonnige Freude ausgestrahlt hat und sich auch einen Sonntag für ihre letzte große Reise ausgewählt hat: den vierten Adventssonntag 2014, an dem sie noch im Familienkreis Adventslieder gesungen hat, um dann in ihrem Heidelberger Altenheim ruhig am 22. Dezember zu entschlafen. Ihre Liebe für die Musik war ein Erbteil ihrer Reich-Vorfahren. Gerne hat sie im Familienchor, im Hermannstädter Bach-Chor und später, nach ihrer Umsiedlung (1978), im Bruchsaler Oratorienchor gesungen. Sie hat erleben dürfen, wie ihre beiden Söhne zu angesehenen Musikern wurden. Dieter zunächst am Klausenburger Konservatorium, dann als Kompositionsprofessor an der Münchner Musikhochschule und Heinz zunächst als Lehrkraft am Hermannstädter Musiklyzeum wie auch an der Bruchsaler Musikschule und schließlich als Professor für Musiktheorie der Mannheimer Musikhochschule. Sie haben ihr 6 Enkel und diese wiederum 11 Urenkel geschenkt. Ihre Heimat, die sie eigentlich nie verlassen wollte, hat sie immer im Herzen getragen, und dennoch auch ihre neue Heimat in Bruchsal und Heidelberg geliebt und genossen. Gestorben ist sie unter dem Wandbehang mit der eingestickten Liedzeile „Siebenbürgen, Land des Segens“, der sie ein Leben lang begleitet hat und der in ihrem immer kleiner werdenden Lebenskreis ihr letzter Fixpunkt war.

Ingeborg REICH-RĂDULESCU

 

Helene Acker an ihrem 95. Geburtstag.     

Foto: Heinz ACKER

 

 

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