Von der Qual der Wahl

Ausgabe Nr. 2401
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Das internationale Astra Film Festival findet noch bis Sonntag statt

 

„Hermannstadt war nicht nur 2007 Europäische Kulturhauptstadt. Hermannstadt ist heute immer noch Kulturhauptstadt.“ Und das Astra Film Festival für Dokumentarfilm trüge maßgeblich dazu bei. Mit diesen Worten eröffnete Prof. Dr. Adrian Cioroianu, der Dekan der Geschichtefakultät Bukarest, die 14. Auflage des Dokumentarfilmfestivals am Montagabend (6. Oktober) auf der Bühne des Hermannstädter Thaliasaals. Das Wort ergriffen außerdem Dumitru Budrala, Leiter des Astra Film Festivals, Ciprian Anghel Ştefan, Generaldirektor des Astra Museums und Ioan Cindrea, Vorsitzender des Kreisrats Hermannstadt.

 

Neu an der heurigen Ausgabe sei vor allem der Wechsel vom Gewerkschaftskulturhaus ins Stadtzentrum, versicherte Budrala. Den Grund dazu nannte er zwar nicht, unterstrich jedoch, dass sich dadurch die Möglichkeit für ausländische Regisseure und Teilnehmer eröffne, die Altstadt von Hermannstadt näher kennenzulernen. In vier extra für das Festival eingerichteten Kinosälen finden die Filmvorführungen statt: im Thaliasaal, im Gong-Theater für Kinder und Jugendliche, in der Astra-Bibliothek und in der Habitus-Buchhandlung.

An der Qualität der Filme wurde nichts geändert. Gezeigt wird auch in diesem Jahr eine Auswahl der besten Dokumentarfilme des vergangenen Jahres. Insgesamt 120 Filme aus 90 Ländern wurden von 1400 eingeschriebenen Filmen ausgewählt und rollen während der sieben Tage vom Band. Die meisten Dokus werden von einer internationalen Fachjury bewertet und am letzten Festivaltag, am Samstagabend, ab 19 Uhr, im Thaliasaal prämiert.

In der Eröffnung des Festivals wurde der Film „Dear Pyongyang“ in der Anwesenheit der Regisseurin Yonghi Yang aus Japan gezeigt. Der Film zeigt den Versuch der Regisseurin, ihren eigenen Vater zu verstehen, dessen politische Loyalität gegenüber dem kommunistischen Regime in Nordkorea ihn zu radikalen Entscheidungen geführt haben. Der Vater, ein gebürtiger Südkoreaner, war zwar in seiner Jugend nach Japan gezogen, identifiziert sich jedoch auch heute noch wegen der politischen Einstellung mit Nordkorea. In den 1970-er Jahren schickte er seine drei Söhne durch ein kommunistisches Repatriierungsprogramm nach Nordkorea, wo sie auch heute noch leben. Im Film werden die Zustände, in denen die drei Brüder leben, und das für die Regisseurin unverständliche Festhalten ihres Vaters an der kommunistischen Ideologie gezeigt. Der Film ist in Nordkorea verboten worden und der in Tokio lebenden Regisseurin wurde von der nordkoreanischen Regierung ein Ultimatum gestellt: Entweder sie verzichtet darauf, Filme zu drehen und darf ihre Brüder in Pyongyang besuchen, oder sie dreht weiterhin Filme und sieht ihre Brüder nie wieder. Sie entschied sich für die letztere Variante. Schade, dass die Organisatoren des Festivals dem Publikum nicht die Chance gaben, nach dem Film mit der Regisseurin öffentlich ins Gespräch zu kommen. Dafür beeilten sie sich, das Büffet im Untergeschoss des Thaliasaals zu eröffnen.

Am zweiten Tag, am Dienstag, den 7. Oktober, hatten die Filmfans die Qual der Wahl. Ab 15 Uhr fingen alle Filmvorführungen in den vier Sälen an. Bis um Mitternacht konnte man, hatte man das nötige Durchhaltevermögen, mindestens fünf Filme gesehen haben. Je später am Tag es war, desto leichter füllten sich die Säle. Einer der Höhepunkte des Tages war der Film des deutschen Regisseurs Marco Wilms. „Art War“ aus dem Jahr 2013 behandelt das Thema des Aufkommens von Graffitis, Streetart und Musik als Ausdrucksmittel nach dem Sturz Husni Mubaraks und während des Arabischen Frühlings. Der Dokumentarfilmer Marco Wilms begleitete über zwei Jahre vom Arabischen Frühling bis zu den Parlamentswahlen in Ägypten 2013 den Musiker Ramy Essam, sowie die Electropop-Sängerin Bosaina und die jungen Künstler Mohamad Fahmy, auch bekannt als Ganzeer, Ammar Abo Bakr, Mohamed Khaled, Alaa Awad und den deutsch-ägyptischen Politologen Hamed Abdel-Samad. Der Film zeigt, wie die jungen Künstler ihre Kunst als Waffe, als Ausdruck ihres Protests und als Erinnerung an Märtyrer der Proteste, wie die Porträts in der Mohamed-Mahmoud-Straße, einsetzen. Der Film wird heute, um 15 Uhr, im Gong-Theater erneut gezeigt.

Sehr ergreifend war auch der Dokustreifen „Judgement in Hungary“ (Prozess in Ungarn) der Budapester Regisseurin Eszter Hajdú. Obwohl der Film hauptsächlich im Budapester Gerichtssaal gedreht wurde, ist er keine Minute langweilig. Er zeigt den Prozess gegen vier Mitglieder einer rechtsradikalen ungarischen Gruppierung, die in den Jahren 2008-2009 eine Serie von Angriffen gegen die Roma-Minderheit verübt haben. Dabei kamen sechs Menschen ums Leben, darunter ein fünfjähriger Junge. Der Film veranschaulicht den Prozess von 2011 bis 2013 bis zur Verurteilung der drei Rechtsradikalen zu lebenslanger Haft.

Als Filmtipp für die Leser der Hermannstädter Zeitung geben wir die Ausstrahlung des Films „Trading Germans“ (deutscher Titel: „Deutsche gegen Devisen – Ein Geschäft im Kalten Krieg“) bekannt. Heute Abend, am Freitag, den 10. Oktober, wird er um 20 Uhr im Thaliasaal ausgestrahlt. Der Film handelt von dem Freikauf von über 250.000 Rumäniendeutschen durch die deutsche Bundesregierung zwischen 1967 und 1989 unter dem Decknamen „Geheimsache Kanal“. Der Film in der Regie von Răzvan Georgescu wird am Sonntag, den 12. Oktober, um 17 Uhr, ebenfalls im Thaliasaal wiederholt.

Am Sonntag werden die Gewinnerfilme ab 17 Uhr in der Habitus-Buchhandlung und ab 19 Uhr im Thaliasaal ausgestrahlt.             

Cynthia PINTER

 

Foto 1: Regisseurin Yonghi Yang aus Japan (rechts) bei ihrer kurzen Ansprache vor dem Festivalspublikum. Ihr zur Seite stehen Festivalsdirektor Dumitru Budrala (1. v. l.) und Festivalsproduzentin Adina Vărgatu.

Foto: Cynthia PINTER

Foto 2: Vormittags werden im Rahmen der Astra Film Junior-Reihe Filme für Schulkinder ausgestrahlt, hier im Thaliasaal.

Foto: Astra Film

 

 

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