„Jedes Töpfchen find‘ sein Deckelchen“

Ausgabe Nr. 2397
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Streiflichter vom 48. Töpfermarkt auf dem Großen Ring in Hermannstadt

 

Jedes Töpfchen find' sein Deckelchen". Mit diesem Vers begann der Refrain eines Liedes, das Lieselotte Pulver seinerzeit  im Spielfilm Kohlhiesels Töchter" zum Hit gemacht hat und das auch heute noch bei Karnevalsfesten in Deutschland zum Standardrepertoire gehört. Wäre dies Lied nicht schon in dem 1962 gedrehten Film gesungen worden, es hätte der Hit des seit 1968 stattfindenden Töpfermarktes in Hermannstadt sein können.

 

Töpfer aus allen Regionen Rumäniens hatten am vergangenen Wochenende ihre Meisterwerke im Rahmen des 48. Töpfermarktes auf dem Großen Ring zur Ansicht oder zum Verkauf gebracht.

Auf einem seit langem nicht mehr so ruhigen Großen Ring konnte man am Wochenende eigentlich alles finden, was aus Ton gefertigt werden kann. Man fand also wirklich für jedes Töpfchen ein Deckelchen.

Viele fragen sich jetzt wieso gerade Hermannstadt? Was hat die Stadt mit der Töpferei zu tun?

Als schon im späten Mittelalter etabliertes Handelszentrum, ist Hermannstadt über die Jahrhunderte hinweg ein interessanter Absatzmarkt für Händler, Handwerker und Manufakturen aller Art gewesen. Die unterschiedlichen Zünfte sind auch heutzutage noch wohl bekannt, vor allem da viele der Straßen in der Altstadt ihre Namen tragen und dadurch Zeugen der Geschichte bleiben.

Eine der ersten Zünfte der Stadt, erstmals im Jahr 1376 urkundlich erwähnt, die einen besonderen Einfluss auf die damalige Gesellschaft ausübte, war diejenige der Töpfer. Dokumente aus den Jahren 1376, 1539 und 1776 aus dem Hermannstädter Archiv zeugen von Anfang und Verlauf der Töpfergeschichte. Zahlreiche Kacheln fanden ihren Platz nach dem 18. Jahrhundert in den wichtigsten Museen Rumäniens und im Ausland. 252 Töpfer lebten damals allein in der Umgebung von Hermannstadt und hatten zu Gast eine große Anzahl von Töpfergesellen aus dem Ausland, die drei bis vier Jahre lang das Handwerk erlernen und ausüben durften. Dokumente weisen die Existenz des Töpfermarktes  auf der Wiesengasse (rum. Tipografilor) bis Ende des 19. Jahrhunderts nach.

Horst Klusch, unter dessen Koordination im Jahr 1968 der erste Töpfermarkt in Hermannstadt  mit 25 ausstellenden Hafnern organisiert wurde, schreibt im Artikel „Der Töpfermarkt in Hermanstadt – zwischen Tradition und Moderne" in der ersten Ausgabe des Ziarul Olarilor (Töpferzeitung), dass zu Ende des 19. Jahrhunderts die Hermannstädter Zunft der Töpfer über 200 Mitglieder zählte. Schon bei der ersten Auflage des „modernen“ Töpfermarktes im Jahr 1968 wurde die Organisierung dieser Veranstaltung dem Zentrum für Konservierung und Förderung der Traditionellen Kultur, Cindrelul –  Junii Sibiului, überlassen, das in Partnerschaft mit dem Astra-Museum bedeutungsvolle Änderungen für die Veranstaltung einführten. So ist es auch dazu gekommen, dass heutzutage der Töpfermarkt auf dem Großen Ring gehalten wird.

Auch dieses Jahr konnte man einige Stunden in der bunten und beruhigenden Welt der Keramik und des Lehms verstreichen lassen.  Nur die Vogelwasserpfeifen, die die Ruhe des Wochenendes unterbrachen, erinnerten noch an den Alltag auf dem Großen Ring, welcher bei anderen Events bei weitem nicht so ruhig ist.

Ein Töpfer führte seine Kunst an der Töpferscheibe Live vor, und in kurzer Zeit sammelten sich mehrere Interessierte im Kreis rund um ihn herum.

Vasile Rătezeanu aus Găleșoaia, Kreis Gorj, bewegte langsam seinen Fuss auf dem Töpferrad und formte sorgfältig eine Vase, die immer genauere Konturen annahm. Damit die Zuschauer genau sehen, wie alles geht und damit ein bisschen Spannung in der Luft schwebt, drückte er den Lehm ein und die Vase wurde im Nu zu einem kreisenden Lehmball. Man hörte jetzt ein „Oooohhh” aus der Menschenmenge. Doch Rătezeanu lachte und fing an, die Vase wieder zu gestalten.

An den vielen Ständen konnte man u. a. traditionelle Kachelöfen von Teracota Mediasch, lustige Glöckchen und coole Tassen von Tonal, bunt bemalte Schmuckkästchen von Pall Lajos aus Korond, Schmuckzeug, Willkommen-Tontafeln und vieles vieles mehr bewundern und kaufen.

Man konnte einfach Stunden in der Spirale des Tons verbringen, ohne zu bemerken, dass eine Minute vorbeigegangen ist. Man konnte Ungarisch, Deutsch und Rumänisch sprechen hören und sich im nachhinein noch träumend vorstellen, wie es vor Jahrzehnten auf dem Markt auf dem Grossen Ring gewesen sein muss.

Ein Höhepunkt war die Vorstellung der ersten Töpferzeitungim Schatzkästlein, zu der die die Töpferfamilie Sitar aus der Maramuresch mit einer Töpfereiausstellung eingeladen war.

Die Ausstellung, kuratiert von Karla Roșca, verzauberte die Anwesenden mit Keramik aus Baia Mare, Keisd (Saschiz), Vama, Negrești und Bârgău, handgefertigt in der Werkstatt der Familie Sitar. Interviews der Familie Sitar und die Geschichte der ausgestellten Keramik konnte man abgebildet an den Wänden der Kunstgalerie lesen.

Die erste Töpferzeitung wurde unter der Federführung von Karla Roșca und Horst Klusch herausgegeben und soll ein „für Töpfer, über Töpfer und von Töpfern”  geschriebenes Blatt sein. Man kann Geschichten lesen von Menschen, die ihr Leben der Töpferei  gewidmet haben, die Geschichte der Töpferindustrie oder Neuigkeiten aus der Branche finden.

Leider konnte Horst Klusch aus Krankheitsgründen nicht dabei sein. Die Hauptakteure der Vernissage, Cornel Sitar, Angela Sitar,  Ioana Luca und Ilie Moise, haben aber ihr Bestes getan, damit sich die Gäste willkommen fühlen.

Angela Sitar hat zuletzt auch einen kleinen Kurs in Keramikmalerei gehalten, an dem sich auch die deutsche Konsulin Judith Urban beteiligte, und unter den neugierigen Blicken der Zuschauer, achtsam ihren Tonteller bemalte. 

                         Monika TOMPOS

 

Bei wunderschönem Wetter konnten die Besucher nach Lust und Laune auf dem Großen Ring die wie immer reichlich vorhandenen Töpferwaren aller Art betrachten und erstehen.                               Foto: Fred NUSS

Die deutsche Konsulin Judith Urban (links) lässt sich von der bekannten Töpfermeisterin Angela Sitar zeigen, wie man einen Teller bemalt.

Fotos: Fred NUSS

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