Mannigfaltig und phantasieanregend

Ausgabe Nr. 2393
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9. Artmania-Rockfestival fand am Wochenende in Hermannstadt statt

Lange Mähnen, schwarze T-Shirts und schwarze Lederhosen. In der Vampirhöhle (Vampire Den) war die Hölle los. Laute Musik mit schnellen Black Metal Rhythmen, headbangende und im Kreis tanzende und hüpfende Rocker waren unter einem Zelt gegenüber der Balanța-Halle zu sehen. Die Unsicherheit, die einen überkam, als man die schwarz gekleideten Menschenmassen sah, verflog schnell. Ein friedlicheres Festival als Artmania gibt es in Hermannstadt kaum. Ein Musikkonzert, bei dem sich die Fans entschuldigen, wenn sie sich an einem vorbeidrängeln, erlebt man selten. Artmania fand heuer zwischen dem 7. und dem 9. August an fünf verschiedenen Veranstaltungsorten statt.

Die Hauptbühne war anders als in den vergangenen Jahren nicht mehr jene auf dem Großen Ring, sondern auf einem Gelände vis a vis der Balanța-Halle unter einem riesigen Zelt aufgestellt worden. „Wir sind extra aus Jassy hierher gekommen. Artmania ist großartig, ein unvergessliches Erlebnis“, erzählt ein Fan, der sich den Stehplatz in der ersten Reihe gesichert hat, um seinen Idolen von „Therion“ ganz nahe zu sein. Die Musiker aus Schweden waren die Headliner, und ihr Konzert, das am letzten Festivalabend stattfand, der Höhepunkt des Festivals.

Sehr bekannt in der Heavy Metal Szene wurden „Therion“ Mitte der 1990-er Jahre. Ihre Musik lässt sich als Symfonic-Metal definieren. Vor allem durch die beiden Sängerinnen Lori Lewis und dem Neuzugang Sandra Laureano, einer Sopranistin, die das Tschaikowski-Konservatorium in Moskau absolviert hat, erinnert die Musik von „Therion“ stellenweise eher an die Oper als an hartem Rock’n Roll. Jedenfalls waren die von weit her gereisten Fans nach der anderthalbstündigen Performance glücklich. Schade fanden aber einige, dass es keine Zugabe gab.

So geizig waren die Moldauer von „Zdob și Zdub“, die am Freitagabend auf dem Großen Ring konzertierten, nicht. Diese Vorstellung war, wie alle Konzerte auf dem Großen Ring, kostenlos. Dementsprechend bunt war das Publikum anzusehen. Man merkte schnell, dass die Hälfte der Leute zufällig dort war. Es waren Leute, die gerade beim Spaziergang durch das Stadtzentrum mit Kind und Kegel auf das Konzert aufmerksam geworden waren und ihm beiwohnten. Das störte die Musiker aus Chișinău nicht, die ihre Hits, wie „Dj Vasile“, „Videli Noci“ oder „Nunta“ zum Besten gaben. Auf dem Großen Ring traten noch drei weitere rumänischsprachige Bands auf: „Alternosfera“, „Tagma“ und „Verde“.

Ein dritter Veranstaltungsort war der Hof im Historischen Museum wo die weniger bekannten Musiker von „65daysofstatic“, „EF“ und „Tides from Nebula“, auftraten.

Im Hof des Brukenthalmuseums waren die älteren Rocklegenden zu sehen. Peter Hammill machte den Anfang am Donnerstagabend. Die etwas experimentelle Musik des Briten, dessen Karriere mit der Progressive-Rock Band „Van der Graaf Generator“ begann, zog viele Zuschauer in ihren Bann. Von düster bis psychedelisch-verträumt reichten seine Sound-Collagen, die er mit seinem Gesang, dem Klavier und später anhand einer klassischen Gitarre interpretierte.

Am zweiten Abend ließ das Wetter es nicht zu, dass der deutsche Klavierspieler „Hauschka“ im Hof des Brukenthalpalais auftreten konnte, so dass das Konzert ins Gong-Theater verlegt wurde. Das war vielleicht besser so, denn die moldauische Band „Zdob și Zdub“ war auf dem Großen Ring nicht gerade leise. Das Klavier, umgeben von elektronischem Equipment, wartete mitten auf der Bühne des Theaters, so dass die meisten Gäste problemlos auf den Innenhof des Palais verzichteten. Der Pianist und Komponist Volker Bertelmann, bekannt unter seinem Künstlernamen Hauschka, freute sich ebenfalls über die guten Bedingungen – er habe manchmal sein Repertoire wechseln müssen, da es im Nebenraum sehr laut zuging, und legte nach einer kurzen Vorstellung los, so dass das Publikum erstmals seine Musik kennenlernte. Und obwohl er Klavier spielte, klang es überraschenderweise eher elektronisch. Nach dem ersten Song fanden die Zuschauer bei lautem Applaus auch heraus, warum es so verschieden klang: Der Pianist „entmüllte“ während des zweiten Songs sein Klavier. Und durch „entmüllen“ sollte man genau das verstehen, denn auf den Saiten seines Klaviers lagen kreuz und quer jede Menge Sachen – Spielzeug, weitere musikalische Geräte, Korken, Klebestreifen, Keile und vieles mehr. In der Presse wird der Musiker „Klangkünstler” genannt und auch dieses „Entkleiden” des Klaviers hörte sich sehr schön an, denn nach jedem entfernten Objekt klang die Musik anders. Der Pianist spielte weiter einen Teil des Songs – eher eine  melodische Linie – ganz klassisch, danach leerte er eine Tüte mit Ping-Pong-Bällen auf die Saiten, so dass das Konzert nicht nur auditiv, sondern auch visuell ganz verschieden wurde, denn sobald er stärker auf eine Taste schlug, hüpfte der entsprechende Ball in die Luft. Nach der zweiten Melodie erklärte Hauschka, dass er beim dritten Song sein Klavier an Ort und Stelle präparieren wird, und zwar mit genau zwei Arten von Klebestreifen, die allerdings Verschiedenes bewirken, denn der dickere lässt die Töne dumpfer klingen als   der dünnere. Das sei immer sehr spannend auch für ihn als Künstler, denn je nachdem, wie diese Streifen auf den Saiten kleben, würde das Klavier auch ganz anders klingen. Dazu versprach er dem Publikum, das offensichtlich diese ungewöhnlichen Klänge genoss, dass er nach dem Konzert in der Lobby bereit sei, Erfahrungen auszutauschen und mehr über seine Musik zu erzählen. Es war Hauschkas erster Auftritt in Rumänien.

Zieht man einen Schlussstrich, so war Artmania in diesem Jahr sehr mannigfaltig. Rockmusik und Heavy Metal standen im Kontrast zu experimenteller Musik, die die Phantasie des Zuhörers anregte. Schlussfolgernd also eine ganz und gar gelungene Ausgabe.

Cynthia PINTER

Ruxandra STĂNESCU

 

Foto 1: Symfonic-Metal vom Feinsten gab es in der Vampirhöhle von den Schweden der Gruppe Therion zu hören, die auch einen Hang zum Theatralischen hatten.

Foto 2: Begeisterte Fans während des Konzertes von Therion.

Foto 3: Sehr dynamisch war das Konzert der Band Zdob și Zdub.

 

Fotos: Cynthia PINTER

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