„Höllenfahrt durch die moderne Zeit“

Ausgabe Nr. 2369
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Gespräch mit dem Schweizer Autor Christian Haller in Berlin

Der 1943 in Brugg/Schweiz geborene Christian Haller lebt als Schriftsteller und Dramaturg in Laufenburg/ Schweiz. 2006 erhielt er den Aargauer Literaturpreis und 2007 den Schillerpreis für seine „Trilogie des Erinnerns". Bei einer  Lesung in Berlin gewährte Christian Haller der Fotografin und Autorin Christel Wollmann-Fiedler folgendes Interview.

Ihr neuer  Roman trägt den Titel „Der seltsame Fremde“. Erzählen Sie ein wenig über die Geschichte?

Clemens Lang ist  Fotograf. Er erhält eine Einladung zu einem Internationalen Kongress. Er fühlt sich  geschmeichelt, im Ausland seine Arbeiten zeigen zu können. Er macht sich auf den Weg und bereits am Flughafen spricht ihn ein Fremder an, als würde er ihn kennen, behauptet, sein Begleiter zu sein. Eine Figur, die immer wieder auftaucht und verschwindet.

Clemens Lang kommt in einer Millionenstadt an, er dringt in sie ein, wie in ein Labyrinth. Er trifft auf ihm fremde Verhältnisse, auf Verwahrlosung und Armut, auf die Auswirkungen von Kolonialismus und Sozialismus. Er wird mit der Geschichte der Wahrnehmung seit der Renaissance konfrontiert, der „großen Erzählung“ der Neuzeit. Andererseits muss er sich mit der „kleinen Erzählung“ auseinandersetzen, nämlich mit seiner eigenen Biografie. Die Reise gerät zu einer Art Höllenfahrt durch die moderne Zeit. Der Roman verarbeitet sehr viel autobiographisches Material. Ich bin in den vergangenen Jahren mit einer Theaterproduktion in die unterschiedlichsten Länder gereist, übrigens auch mehrmals nach Rumänien, und die Megalopolis des Romans, die zwar nicht genannt wird, habe ich aus den unterschiedlichsten Erfahrungen in den von mir bereisten Städten komponiert. Es gibt kein Bild im Roman, das ich nicht auch gesehen und aus der eigenen Anschauung heraus literarisch umgesetzt habe.

Ihre „Trilogie des Erinnerns“ ist ja auch aus einer hochinteressanten Familienhistorie entstanden…

Ja, was mich in der „Trilogie des Erinnerns“ eigentlich interessiert hat, ist die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ich habe in meiner Familiengeschichte sehr gegensätzliche Pole, die aber auch die Entwicklung des 20. Jahrhunderts spiegeln, nämlich von einer unter monarchischen und großbürgerlichen Verhältnissen beginnenden Geschichte, über die autoritären Regimes bis hin zu den Auflösungen am Ende des 20. Jahrhunderts. So  war für mich die Familie, die ich am besten kenne,  der Stoff, um zur Darstellung der Zeitgeschichte zu gelangen.

Die Familie Ihrer Mutter stammt ursprünglich aus Köln und ist am Anfang des 20. Jahrhunderts nach Rumänien ausgewandert?

Die Familie meiner Mutter ist 1912 nach Rumänien gekommen. Der Großvater war Ingenieur und hat als Direktor die Baumwollwebereien Altrumäniens in Bukarest geleitet.  Er stammte aus einer Kölner Kaufmannsfamilie, in ihrer Bedeutung den Buddenbrooks vergleichbar. Die Familie führte in Bukarest, als bereits im westlichen Europa mit Beginn des Ersten Weltkriegs die großbürgerliche Gesellschaftsform zu Ende ging, noch immer ein sehr herrschaftliches Leben. Das hat Mutter, die mit ihrem Bruder in Bukarest aufgewachsen ist, geprägt. Für sie waren die Jahre in Rumänien die beste Zeit ihres Lebens gewesen.

Ihre Mutter hat Ihnen sehr viel über ihre Zeit und ihr Leben in Bukarest, in Rumänien erzählt?

Meine Mutter hat mir als Kind oft gesagt, sie fühle sich in der Schweiz als eine Emigrantin. Rumänien war ihr Erinnerungsland, das sie liebte und das in Erzählungen, Gerichten, Stoffen und Fotos in meiner Kindheit stark gegenwärtig war. Mein Bruder und ich wuchsen mit Mutters Bildern und Geschichten auf, Rumänien war für uns mehr als eine Länderbezeichnung. Das Wort „Rumänien“ war ein Geschmack, eine Farbe, ein gewebter Stoff, für mich als Kind eine märchenhafte Welt, und ich kann auch heute noch nicht „Rumänien“ sagen, ohne im Hintergrund diesen besonderen Duft des Wortes zu riechen.

Wann und warum musste die Familie Rumänien verlassen?

Das hing mit der Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg zusammen, als Großrumänien entstand. Es setzte ein starker Nationalismus ein. Dieser Nationalismus hatte zur Folge, dass in die Geschäfte eingegriffen wurde. Es mussten Rumänen die Geschäftsführung übernehmen. Dadurch war mein Großvater gezwungen, seine Stellung abzugeben, was sicherlich ein entscheidender Grund war, Bukarest zu verlassen, doch dürfte auch die immer stärker werdende faschistische Bewegung ein Grund gewesen sein.

Für welches Land haben sie sich entschieden?

Sie sind in den späten 30-er Jahren zurück in die Schweiz gegangen, doch haben sie dort nie wieder richtig Fuß gefasst. Sie fanden sich mit der andersgearteten Mentalität nicht mehr zurecht, die Wirtschaftskrise begann, Großvater hat sich mit dem Kauf einer Firma verspekuliert, das Vermögen ging verloren, und die Familie ist schließlich verarmt.

In der Schweiz hat ihre Mutter geheiratet. Ihr Vater war ein Schweizer?

Mein Vater stammte aus einer Industriellenfamilie und zwar aus einer „aufsteigenden“ Familie. Der väterliche Großvater war ein Self Made Man, der zu beachtlichem Einfluss gekommen war. Er stammte aus sehr armen Verhältnissen, war in der Fremdenlegion gewesen, aber schaffte es dennoch, Direktor von Eisen- und Stahlwerken zu werden („Das schwarze Eisen“). Die Gegensätze zwischen diesem autoritären, gewaltigen Mann, der reich geworden war, und dem verarmtem Herrn mit seinen vornehmen, orientalischen Manieren hätte nicht größer sein können. Sie hielten gegenseitig gar nichts voneinander. Für uns Kinder jedoch hatten beide Seiten eine große, jedoch nicht zu vereinbarende Attraktivität. Der Gegensatz ließ sich nicht bewältigen.

Ihre Mutter wurde krank, die Demenz schritt fort und sie konnten sich nur noch sehr schwer mit ihr unterhalten?

Ja, das ist richtig.

Ihre Mutter sprach viel über Ihre rumänische Zeit, wie Sie zu Beginn unseres Gesprächs sagten und Ihnen kam die Idee, darüber ein Buch zu schreiben?

Nein, erst, nachdem ich Rumänien besucht hatte. Meine Mutter wollte nie zurück nach Rumänien fahren, weil sie ihre schönen Erinnerungen nicht durch die veränderte Gegenwart zerstören lassen wollte. Doch als sie gebrechlich und nicht mehr reisefähig war, sagte sie zu mir: „Ich möchte doch gerne wissen, ob es mein Rumänien noch gibt“. „Gut“, sagte ich, „dann gehe ich an Deiner Stelle und schaue, was ich von Deinem Rumänien noch finde.“ So reiste ich nach Bukarest. Ich hatte vom Schriftstellerverband eine Unterkunft in einem Privathaus bekommen. Das war ein Glücksfall. Es war ein großzügiges Bürgerhaus der Belle Epoche. Ich fühlte mich gleich im Milieu meiner Großeltern angekommen, blieb in den großzügigen Räumen und verließ das Haus  drei Tage lang nicht. Einen rumänischen Autor hatte ich zuvor in der Schweiz kennen gelernt, der sich anbot, mir behilflich zu sein. Ich traf ihn in Bukarest und erzählte ihm von meinem Projekt, das Haus meiner Mutter zu finden. Das Foto mit dem Haus hatte ich bei mir: Es war bei uns zu Hause eine Ikone! Sie stand für das bessere und vornehmere Leben in Rumänien, das Mutter in der Schweiz vermisste. Ich erzählte meinem rumänischen Freund, dass ich in den Süden der Stadt gehen wollte. Doch er machte mir wenig Hoffnung. Gerade dort sei zu Ceaușescus  Zeiten ein ganzes Quartier zerstört worden, ich würde keine alten Häuser mehr finden. Mutters Album unterm Arm bin ich dennoch losgezogen, wollte allein und unbegleitet die Straße finden, die es vielleicht nicht mehr gab. Über den Bulevardul Unirii kam ich in einen Stadtteil mit vielen Neubauten, auch mit unfertigen Häusern. Je weiter ich vordrang, desto geringer wurde meine Hoffnung, Mutters Haus zu finden. Ich begann bereits zu resignieren, als ich zu einem Platz nahe der Dâmbovița kam  – und hatte ein merkwürdiges Erlebnis. Ich schaute mich um und sah auf einem Hügel eine Biserica und dachte, das ist doch „unsere“ Biserica des Quartiers. Und während ich mir sagte, dass ich das unmöglich wissen könne, erkannte ich in dem Gebäude „Timpuri noi“ die ehemalige Fabrik Lemaître, begann die Straße entlang der Dâmbovița zu rennen. Ich war mir absolut sicher, zu finden, was ich suchte! Der Moment, da ich mit dem offenen Album meiner Mutter vor dem Haus stand, es an jenem Nachmittag aus der Traumwelt meiner Kindheit in die Wirklichkeit Bukarests hinüber getreten sah, werde ich nie vergessen. Ich war zutiefst erschüttert und wusste gleichzeitig, dass ich einen außergewöhnlichen Romanstoff gefunden hatte.

Wann haben Sie die „Trilogie des Erinnerns“ beendet?

Die Trilogie des Erinnerns besteht aus den Romanen „Die verschluckte Musik“, „Das schwarze Eisen“ und „Die besseren Zeiten“. Die Romane sind  in der Zeit zwischen 2001 und 2006 erschienen. Zwei der Romane sind ins Rumänische übersetzt worden und bei Polirom erschienen: „Muzica înghețată“ und „Vremurile mai bune“, beide von der Dichterin und Übersetzerin Nora Iuga übersetzt. Mein Rumänischlehrer in der Schweiz, ein alter Arzt, der auch in Rumänien aufgewachsen ist, ein ähnliches Schicksal wie meine Mutter hatte, las „Die verschluckte Musik“, die in Bukarest spielt, sowohl in deutscher, als auch in rumänischer Sprache. Ich hätte mit der Übersetzung ein sehr großes Glück gehabt, sagte er. Nora Iuga habe den Roman kongenial übersetzt!

Danke für das Gespräch!

 

Christian Haller bei der Lesung im Juli 2013 im Literarischen Kolloquium Berlin.                                       

Foto: Christel WOLLMANN-FIEDLER

 

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