„Integrative Gruppe” hat Erfolg

Ausgabe Nr. 2364
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Das Diakoniewerk Hermannstadt will auch eine neue Werkstatt bauen

Fünf Personen mit geistiger Behinderung wurde in einer betreuten Gruppe in einem Hermannstädter Werk erfolgreich angestellt, es ist die erste Zusammenarbeit zwischen dem Diakoniewerk Hermannstadt und einer Fabrik. Das war Erfolg für alle Beteiligten, erklärt die Leiterin des Diakoniewerkes, Ana-Maria Palcu, denn in Rumänien ist es nicht selbstverständlich, dass Personen mit schwerer geistiger Behinderung oder sogar mit mehrfachen Behinderungen eine Arbeitsstelle finden. Die Gruppe wird täglich in der Fabrik von einer Sozialarbeiterin betreut.

Der Begriff „integrative Beschäftigung” ist in Rumänien noch nicht wirklich bekannt, jedoch hat das Diakoniewerk im Ausland bereits jahrelange Erfahrung in diesem Bereich. Ana-Maria Palcu: „Menschen mit Behinderung werden in einem Betrieb oder Werk aufgenommen und betreut, so dass sie hier arbeiten können. Das sind nicht geschützte Betriebe, wo Personen mit eingeschränkten Fähigkeiten hauptsächlich unter sich sind, sozusagen wie  auf einer Insel, sondern hier arbeiten sie in dem sogenannten ,normalen‘ Arbeitsfeld, in einerm ,normalen‘ Arbeitsklima. Eine Gruppe von vier bis fünf Personen mit Behinderung arbeitet acht Stunden pro Tag, betreut von einem Pädagogen oder einem Sozialarbeiter.”

Wichtig war es für die Leitung des Diakoniewerkes, erstmals in Hermannstadt ein Unternehmen zu finden, wo ein Pilotprojekt durchführbar war. „Im September ist die Sozialarbeiterin alleinen gegangen, um zu sehen, was für Arbeit es da für unsere Leute geben könnte, dann haben wir mit einer Person begonnen. Schrittweise haben wir dann die Gruppe vergrößert, jetzt im Januar wird die fünfte und letzte Person dieser Gruppe angestellt.”

Die Gesetzgebung ist allerdings anders als z. B. in Österreich, wo Ana-Maria Palcu Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt hat. Hierzulande müssen die Personen mit Behinderungen angestellt werden, wie jeder andere Mitarbeiter auch, was nicht unbedingt von Vorteil sein muss, erklärte die Leiterin des Diakoniewerkes. „Einerseits ist es gut, dass unsere Leute jetzt Arbeitsverträge haben, allerdings ist leider auch der ganze Druck auf sie, wie für Personen, die keine Behinderung haben, dabei können unsere Leute nicht alle Arbeitsschritte durchführen. Es kann so zu Missverständnissen oder Spannungen kommen. Wir sind allerdings glücklich, dass wir eine Firma gefunden haben, die sehr sozial eingestellt ist, und die Mitarbeiter waren sehr offen. Deswegen hoffen wir, diese Risiken aus dem Weg geräumt zu haben.”

Geplant war eigentlich, dass diese Personen weiterhin in der Struktur des Diakoniewerkes bleiben, allerdings nicht im Tageszentrum, sondern im Werk betreut werden, das war allerdings wegen mangelnder Gesetzgebung nicht möglich. Das bleibt allerdings eine gute Erfahrung, für alle Beteiligten. Palcu: „Es ist nicht gerade das, was wir uns gewünscht haben, es ist aber trotzdem ein Erfolg für alle.”

Hauptsächlich Kartons werden hier hergestellt, die meisten Tätigkeiten sind manuell, wie zum Beispiel aus der Form brechen oder falten. Die gute Erfahrung führ schon zum nächsten Plan, eine weitere Gruppe dieser Art aufzubauen. Es bleibt noch offen, ob man den gleichen Betrieb oder einen Betrieb mit ähnlichen Arbeitsaufgabenansprechen wird, oder ob etwas Neues gesucht werden soll. Beachten muss man nur, dass die Produktion manuell stattfindet, und dass die Arbeitsschritte einfach sind.

Es war allerdings ein jahrelanger Prozess, dass die Personen aus dieser Gruppe überhaupt gefördert und auf die Arbeit vorbereitet wurden. Da in Rumänien Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten kaum Werkstätten finden, wo sinnvolle Arbeit und Beschäftigung angeboten werden, leben viele von ihnen isoliert in ihren Familien, ohne Aussicht auf entsprechende Förderung und Entwicklung. Das haben sie allerdings in der Werkstatt des Diakoniewerks gefunden, die 2007 eröffnet wurde. Angeboten werden Arbeiten mit Holz, Wachsguss, Filz sowie in Hauswirtschaft und gewerblicher Fertigung, sie werden in Fördergruppen betreut, so dass sie hier u.a. Arbeitserfahrungen sammeln konnten. „Bei uns haben sie Erfahrungen gesammelt und gelernt, was ein geregelter Tagesablauf mit sich bringt, sie waren bereits an bestimmte Strukturen gewohnt, was sehr wichtig war. Die Etappe im Diakoniewerk war sehr wichtig, da sie zum Beispiel  gelernt haben, um eine bestimmte Uhrzeit aufzustehen, so dass sie auch pünktlich beim Arbeitsplatz sein können. Wir haben dadurch auch die Familien unterstützt und haben uns auf jede Person einzeln eingestellt.” 

Auch wenn durch diese Gruppe aus der Fabrik einige Plätze im Diakoniewerk frei wurden, so dass hier weitere fünf Personen aufgenommen werden konnten, herrscht noch Plätzemangel. Unter anderem gibt es sehr viele Bewerbungen für die vom Diakoniewerk angebotenen Beschäftigungen, denen man noch nicht nachgehen kann. Das ist der Grund, weswegen man sich auf den Bau einer neuen und größeren Werkstatt in Schellenberg vorbereitet, ein Grundstück wurde bereits gekauft und die ersten Behördengänge erledigt. In zwei bis drei Jahren soll das neue Haus stehen. Kurzfristig gibt es auch Pläne, dieses Jahr die Werkstatt in der Fleischergasse in eine „geschützte Werkstatt” (rum. „unitate protejată”) umzuwandeln, so dass man hier auch Menschen mit Behinderung anstellen kann. „Wir bleiben natürlich aber auch weiterhin im Kontakt mit  dem Betrieb, wo unsere Gruppe bereits arbeitet.” 18 Plätze hat das Diakoniewerk bisher, in der neuen Werkstatt soll eine Gruppe von bis zu 30 Personen Beschäftigung finden. „Wir haben große Pläne, wie man merkt”, gibt die Leiterin zuversichtlich zu, „aber wir packen das auch.”

Ruxandra STĂNESCU

 

Ana-Maria Palcu (2. v. l.) mit der Gruppe im Oktober – inzwischen sitzen sie zu fünft.                                                                          Fotos: Diakoniewerk

In der Behindertenwerkstatt  lernt man, einer geregelten Arbeit nachzugehen, aber auch Kontakte zu den Kollegen zu pflegen. Foto: Diakoniewerk

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft, Wirtschaft.