Richtungsweisende Persönlichkeit

Ausgabe Nr. 2358
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Prof. Dr. Dr.h.c. Paul Philippi zum 90. Geburtstag

Vor einer Woche erwähnte Prof. Dr. Karl Schwarz aus Wien gelegentlich einer Tagung in Neppendorf, mit welch erstaunlichem Mut der junge Paul Philippi im Jahr 1953 es wagte, gegenüber dem hochberühmten und damals jüngst emeritierten Kirchenhistoriker Prof. Dr. Karl Heussi Thesen aufzustellen und, selbst nachdem dieser eine „Richtigstellung“ veröffentlicht hatte, auch weiter zu verfechten. Es ging dabei um die religiöse Freiheit als einem europäischen Modellfall im Siebenbürgen des 16. und 17. Jahrhunderts.

Seither sind 60 Jahre vergangen, doch die glänzende Fähigkeit, schlagfertig und fest begründet zu argumentieren, kennzeichnet Prof.  Dr. Paul Philippi auch heute noch. Er wird deshalb von vielen bewundert, andere aber widersprechen ihm oder wenden sich resigniert von ihm ab. Tatsache ist, dass seine optimistische Grundhaltung von einigen geteilt, von anderen gar nicht verstanden wird, denn es gibt Dinge, die man nur versteht, wenn man einen ähnlichen Ansatzpunkt hat. Auch dass er niemals bereit ist leichtfertig aufzugeben, kann nur verstehen, wer ähnlich empfindet.

Der am 21. November 1923 in Kronstadt geborene Paul Philippi teilte das Schicksal seiner Generation, als er 1943 mit 20 Jahren in den Krieg zog. Nach seiner Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft studierte er in Erlangen und Zürich Geschichte und Theologie. Seine Grundhaltung war auf eine Zukunft in Siebenbürgen gerichtet, er wollte die geschichtlichen Erfahrungen seiner siebenbürgischen Heimat für ihre Zukunft auswerten. Als Berufsziel schwebte ihm sowohl ein Lehrer für siebenbürgische Geschichte als auch ein evangelischer Pfarrer in Siebenbürgen vor. Die Möglichkeiten der 1950-er Jahre schienen diesem Ziel jedoch nicht günstig zu sein. Dagegen erkannte er Chancen in der akademischen Laufbahn und stieg auch rasch auf. Gleichzeitig gründete er eine Familie, freute sich seiner fünf Kinder und konnte bald ein schönes Haus sein eigen nennen. Als Professor in Heidelberg und Direktor des neu entstandenen Institutes für Diakoniewissenschaft hatte er eine Position erreicht, die kaum jemand aufzugeben bereit ist. Seine innere Haltung aber drängte ihn, nach Siebenbürgen zu kommen. So übernahm er 1979 zunächst eine Gastprofessur für Praktische Theologie am Theologischen Institut in Hermannstadt, ab 1983 blieb er dann definitiv hier, das war in seinem sechzigsten Lebensjahr. Dieser Schritt war vielen unverständlich, sowohl in Deutschland als auch in Siebenbürgen. Ohne seine große Liebe zur Heimat und sein ursprüngliches Berufsziel ist er auch nicht zu verstehen. Paul Philippi war von einer angesehenen Position herabgestiegen und wurde darüber hinaus von vielen hinterfragt, doch lehrte und predigte er unverdrossen weiter. Irmele Philippi, seine treue Frau, verließ ihr Haus und die Nähe ihrer Kinder und folgte ihrem Mann, was ebenfalls ungewöhnlich ist, zumal sie in Hermannstadt nicht einmal eine sichere Wohnung hatten. 

Im Dezember 1989 kam der große Umbruch und in den darauf folgenden Monaten entfaltete sich der spektakuläre Exodus der Deutschen aus Rumänien. Letzterer entsprach gewiss nicht dem Wunsch eines Paul Philippi, doch ließ er sich auch dadurch nicht beirren, hatten wir doch in den Jahren davor nach einer Hoffnung ohne Illusion Ausschau gehalten. Nun war eine neue Situation da, nicht allen Wünschen entsprechend, aber auch keineswegs die gleiche wie vor der Wende. Dieser neuen Situation mit all ihren Schwierigkeiten musste mutig ins Auge gesehen werden, zugleich durften aber auch neue Chancen erkannt und ergriffen werden. In dieser Hinsicht erwies sich Paul Philippi in den schwierigen und unsicheren 1990-er Jahren als unermüdlicher Mitarbeiter und Initiator, ja noch mehr: als richtungweisende Persönlichkeit. So erscheint er als Mitbegründer des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt wie auch des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien und übernahm 1992 den Vorsitz des Letzteren. In dieser Funktion bewies er erneut seine Fähigkeit, fundiert zu argumentieren. Auch den Behörden gegenüber war er kein bequemer Gesprächspartner. So entwickelte er als 70-jähriger und weit darüber hinaus eine wichtige politische Tätigkeit. Als er schließlich den Vorsitz des DFDR übergab, wurde er zum Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit gewählt, was die Besonderheit seiner Bedeutung zum Ausdruck bringt.

Der diese Zeilen schreibt, hat auch persönliche Erinnerungen, die ihn mit Paul Philippi verbinden. Da sind die Jahre, da Philippis als Übergangslösung in der Stadtpfarrwohnung Tür an Tür mit uns wohnten. Da sehe ich im Dezember 1989, als alles drunter und drüber ging, Paul Philippi mit einem handfesten Stab bewaffnet um die Kirche schreiten und nach dem Rechten sehen. Da erinnere ich mich der Grundsteinlegung der orthodoxen Kirche in Deutsch-Zepling, wo grundfalsche Dinge zur Ortsgeschichte behauptet wurden, die Paul Philippi kompetent und auch mit lauter Stimme zurechtrückte.

So wünscht dem Jubilar auch fernerhin Gottes Beistand und Segen

Wolfgang REHNER

Posted in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft.