Erbe bewahren und Zukunft gewinnen

Ausgabe Nr. 2352
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Gespräch mit S. E. Werner Hans Lauk, Deutscher Botschafter in Bukarest

 

Einen Antrittsbesuch in Hermannstadt machte der neue deutsche Botschafter Werner Hans Lauk am vergangenen Freitag. Der hohe Gast hatte Gespräche mit Bürgermeister Klaus Johannis, dem DFDR-Landesvorsitzenden Paul Jürgen Porr, er besuchte u. a. das Teutsch-Haus, das Brukenthalmuseum, die Brukenthalschule, das Deutsche Kulturzentrum und nicht zuletzt die Redaktion der Hermannstädter Zeitung, wo er der Chefredakteurin Beatrice Ungar folgendes Interview gewährte:

 Welches sind Ihre ersten  Eindrücke von Hermannstadt?

Ich bin begeistert, einmal von der Geschlossenheit dieses letztlich mittelalterlichen Ensembles, das zum Teil restauriert ist und offensichtlich sehr liebevoll restauriert ist von Bürgerinnen und Bürgern. Es ist zu wünschen, dass dieser Prozess weitergeht und dieses einzigartige Ensemble dann auch attraktiv ist und bleibt für den Tourismus. Ich habe auch beim Frühstück schon viel Deutsch gehört, aber auch Spanisch und Englisch. Das ist prima: Wir haben viele Besucher aus Deutschland getroffen und nicht nur solche, die einen ganz persönlichen Bezug hatten, sondern Menschen, die diese Stadt und diese Region und die Kultur der deutschen Minderheit, die hier spürbar ist, erleben wollen. Ich sehe einen großen Aktivposten was den Tourismus anbelangt auch in der Zukunft. Das hängt natürlich auch zusammen mit der Frage der Infrastruktur, wie gut und wie schnell können auch Touristen sich bewegen. Da ist man dran. Es ist im Grunde dasselbe, was auch für die Wirtschaft gilt: Mobilitätsinfrastruktur ist wichtig. Hier hat man das sehr lange erkannt und arbeitet daran.

Die deutsche Minderheit in Rumänien sei etwas Besonderes unter den deutschen Minderheiten, sagten Sie beim Sachsentreffen in Schäßburg…

Ja, das stimmt doch. Wir haben hier eine deutsche Minderheit, die, wenn man die Siebenbürger Sachsen nimmt, über 850 Jahre ihre Tradition, ihre Kultur und ihre Sprache erhalten und gelebt hat. Und das letztere ist, glaube ich, ganz wichtig: gelebt hat. Aber nie in der Abgrenzung sondern immer in der Bewahrung ihrer Kultur als Teil ihres Umfelds. Sie waren nie ein Staat im Staat, sie waren immer eine Brücke, Und das ist es auch, was anerkannt und geschätzt wird. Man fühlt hier nachgerade die Offenheit der Mehrheitsbevölkerung für die deutsche Minderheit, die sich auch in der vorzüglichen Minderheitenpolitik Rumäniens niederschlägt. Es spricht doch für sich, dass im Brukenthalgymnasium, obwohl der Anteil der deutschen Minderheitsbevölkerung sich bei 2-3 Prozent bewegt, eine große Zahl Schülerinnen und Schüler lernen.

Es hat mich sehr gefreut, mich mit Schülerinnen und Schülern der Oberklasse auszutauschen, die mir auch in bestem Deutsch ihre Berufswünsche, ihre Gründe, warum sie auf der Schule sind, erläutert haben, und ich finde, das macht viel Mut, zu sehen, wie sich diese intelligenten jungen Leute in dieser vorzüglichen Schule fachlich aber auch sprachlich bilden und ihrerseits Studienmöglichkeiten sowohl hier als auch in Deutschland für interessante Berufe aussuchen wollen. Ich finde gerade, dass das Thema Bildung und nicht nur schulische Bildung sondern vor allem qualifizierte Berufsbildung auch für die Zukunft ein ganz entscheidendes Thema ist, um im Sinne auch der Minderheit und letztlich der Gesamtregion, das Erbe zu bewahren und gleichzeitig die Zukunft zu gewinnen. Und das war auch ein Thema, das ich mit Bürgermeister Klaus Johannis angesprochen habe: Meinen Einsatz für die Ausweitung unserer noch in der Phase der Pilotprojekte existierenden aber auch von ihm als wichtig anerkannten Ausbaupläne der dualen Berufsausbildung auch für Hermannstadt.

Das Thema ist nicht neu…

In Kronstadt gibt es ein sehr gut laufendes Pilotprojekt. Ich glaube, und da waren wir uns auch einig, wichtig ist, das man ohne die universitäre Bildung und ihre Abschlüsse etwa geringschätzen zu wollen, man aber doch feststellen muss, dass jede funktionierende Industriegesellschaft qualifizierte Facharbeiter braucht. Das ist auch das Rückgrat der deutschen Industrie und ihres Erfolgs. Wir wollen dazu beitragen und helfen, dass es wieder stärker angenommen wird. Dabei ist es auch wichtig, dass die Abschlüsse, die in diesen dualen Berufsbildungsgängen erworben werden – es handelt sich um sehr moderne Bildungsgänge, die auch in der modernen Industriewelt gebraucht werden – auch wirklich etwas wert sind. Sie werden auch bezahlt. Und von daher ist es wichtig, für die soziale Akzeptanz dieser Berufsbildungsgänge und ihrer Abschlüsse als wirklich wertvolle Berufsabschlüsse zu werben. In einer modernen arbeitsteiligen Industriegesellschaft braucht man Spezialisten. Das sind  qualifizierte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und sie verdienen auch Respekt. Es macht sich im besten Sinne des Wortes bezahlt.

Wie fanden Sie das Sachsentreffen in Schäßburg?

Ich fand es im Zusammenhang mit dieser schönen alten mittelalterlichen Burgstadt einen guten Einstieg, um wichtige Repräsentanten zu treffen und mich vorzustellen. Was mich gefreut hat, war zum einen, dass viele Menschen auch von sehr weither gekommen sind, um hier Gemeinschaft, Gemeinsamkeit, Zusammenhalt, aber auch Tradition und Kultur zu pflegen. Jugendliche haben Tänze aufgeführt. Das korrespondiert mit meinem Besuch am Brukenthalgymnasium, wo mir Direktor Gerold Hermann erzählt hat, dass von den Schülerinnen und Schülern nahezu ein Drittel sich in Tanzgruppen organisieren und engagieren. Das finde ich ganz außergewöhnlich. Das zeigt doch, dass auch junge Menschen an der Bewahrung dieser kulturellen Schätze interessiert sind. Das zweite, was mich gefreut hat, war, dass auch viele Siebenbürger Sachsen angereist sind aus den deutschsprachigen Ländern, um auf diese Weise ihre Verbundenheit zu zeigen. Heute Abend treffe ich die Mitglieder des Deutschen Wirtschaftsclubs Siebenbürgen und da sind eine ganze Reihe Menschen dabei, die ausgereist waren und zurückgekommen sind. Das habe ich auch besprochen mit Bürgermeister Johannis, welchen wertvollen Beitrag diese Menschen gerade auch im Wirtschaftlichen leisten. Die veränderte Situation, die zunehmend gute Infrastruktur hier, die viele deutsche Unternehmen anzieht, bietet auch Rückkehrern eine gute Möglichkeit, im Land ihrer Eltern und Großeltern ihrerseits wieder Fuß zu fassen und sich wirtschaftlich zu betätigen.

Es gibt zunehmend Fälle, wo ich sage, dass diese Art des Patriotismus für das Land der Vorfahren eine sehr positive Wirkung hat. Ich  freue mich, wenn ich durch die Stadt gehe und so viele Touristen und andere sehe, die sich kurzfristig oder auch längerfristig heimisch fühlen.

Werden Sie in den nächsten Wochen auch die anderen Siedlungsgebiete der Rumäniendeutschen besuchen?

Ja, ich werde am übernächsten Wochenende in Kronstadt sein, im Oktober folgen Antrittsbesuche in Temeswar und Klausenburg. Es werden möglichst bald und umfassend alle Siedlungsgebiete von mir besucht. Ich denke, es wird auch privat die Möglichkeit geben, im Land zu reisen und mir ein umfassendes Bild zu schaffen. Rumänien bietet so viele Möglichkeiten, wunderschöne Landschaften und vor allem überall  freundliche Aufnahme und Gastfreundschaft, dass ich überwältigt bin. Ich muss gestehen, dass ich mir auch Hermannstadt nicht so groß vorgestellt habe. Man sieht immer wieder Bilder vom Kleinen und Großen Ring, aber dass das Ensemble so groß ist, war für mich neu. Ich finde es prima.

Wann hatten Sie die ersten Kontakte mit dem DFDR?

Ich habe am ersten Tag meines Aufenthalts in Bukarest den DFDR-Abgeordneten Ovidiu Ganț kennengelernt. Wir sehen uns inzwischen regelmäßig und ich glaube, das ist auch wichtig, dass wir einen sehr engen Kontakt halten. Dies habe ich auch vereinbart mit Bürgermeister Johannis und auch mit dem DFDR-Landesvorsitzenden Dr. Paul Jürgen Porr. Wir haben noch schnell Herrn Martin Bottesch zum 60. gratuliert. Das war sehr schön. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die sich engagieren und die auch wie jetzt in Schäßburg weite Wege auf sich nehmen und diese Veranstaltungen mittragen. Es geht nicht nur um Organisation sondern auch um das ganz persönliche Engagement jedes Einzelnen. Nur so lässt sich das auch weiter tragen. Das Gute und Schöne ist, dass zwei Dinge zusammenkommen: Einerseits der Aufbau auf jahrhundertealter Tradition und  andererseits, das Ganze zukunftsfähig zu machen, denn nur dann wird es  weiterleben können. Insofern war auch das Motto des Sachsentreffens genau das richtige, weil es eben beide Aspekte miteinander verbunden hat: Die Tradition zu wahren und zukunftsfähig zu machen.  Dabei spielt Sprache eine große Rolle, und ich bin erfreut zu sehen, dass hier die Nachfrage in Sachen Bildung in deutscher Sprache, sei es Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Muttersprache, so einen großen Zulauf erhält. Ich sage es mal mit den Worten der früheren Präsidentin des Goethe-Institus, Jutta Limbach: „Englisch ist ein Muss, Deutsch ist ein Plus“. Und dieses Plus weiter zu fördern und auch erlebbar zu machen, wird auch einer meiner Schwerpunkte sein.

Danke für das Gespräch.

Foto: Den ersten Termin bei seinem ersten Hermannstadt-Besuch am letzten Wochenende hatte der neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, S. E. Werner Hans Lauk (rechts) mit Hermannstadts Bürgermeister Klaus Johannis.                                                                   

Foto: Daniel BӐLŢAT

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