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Am 22. Januar d. J. las Dr. phil. Heike Andra Joeckle aus ihrem Roman, präsentierte Hörspiele und erzählte über ihre Erfahrungen als Stadtschreiberin in Hermannstadt.
Joeckle ist eine deutsche Schriftstellerin, die sich seit Oktober 2009 in Hermannstadt aufhält. Bis Mitte Januar soll sie einen Text verfassen, der ins Rumänische übersetzt wird und Ende Februar mit Schwarzweißfotos der Autorin im Honterus Verlag erscheinen wird. Es wurde ihr empfohlen, Hermannstadt auch zu „erwähnen“. „Ganz schwierig, ‘nur zu erwähnen’, wenn man hier so vieles entdeckt“, gibt sie zu. Ausdrucksmittel seien aber nicht nur Worte, Fotos spielen auch eine Rolle.
Wie nie zuvor beteiligten sich viele Literaturliebhaber an der Lesung. Die Stadtschreiberin machte ihre „Hausaufgaben“ gründlich. Den Einstieg in ihren Roman fand sie, indem sie einen Argentinischen Tanz spielte. Sie las dann Passagen aus dem Roman, an dem sie schreibt. Der Titel des Romans „Lass o leise es tangolange Küsse feigen“ verursachte skeptische Blicke bei den Zuhörern. Die Stadtschreiberin erklärte ihnen die „Geheimschrift“: Der Titel sei ein Zitat von Oskar Pastior, ein Hermannstädter Dichter, und vermittle durchs Duzen die Gleichstellung des Schriftstellers mit seinen Lesern. „O“ mag pathetisch klingen, aber das sei genau die Absicht, gemeinsam mit der l-Alliteration, das Melodische wiederzugeben.
Wortspiele, Alliterationen, stimmungsbedingte Assoziationen und Gebrauch von Fachsprache in Prosa weisen auf die Komplexität der Sprache in Joeckles Roman hin. Eine Art Mischung aus Ausdrucksweisen, die von konservativen Lesern nicht besonders hochgeschätzt wird. Sie schnürt den Leser mit ihrer Sprache fest und lenkt seine Gedanken und Gefühle genauso wie eine Puppenspielerin. Der ganze Prozess wird mit jeder (vor)gelesenen Zeile spannender. Wahrnehmen wird schlau imprägniert. Man betritt die Welt der Personen, tanzt ihren Tango, wird im Abrazo (spanisch für „Umarmung“) gefangen genommen, spürt den fließenden Schweiß auf der Stirn, auf dem Kinn, auf dem ganzen Körper und atmet mit ein. Und all das mit expressiven Bildern, mit sprudelnden Metaphern, die bei den Zuhörern noch lange verweilen.
Die innere Aggressivität der modernen Frau wird durch eine Art „braven“ inneren Monolog dargestellt, trotzdem in einem starken assoziativen Gedankenfluss, der die weibliche Eifersucht beim Beobachten ihres ehemaligen Freundes mit einer anderen Frau künstlerisch versprachlicht.
Mit ihrer Faszination für die Sprache bestätigte die Autorin die allgemein gültige Aussage, dass Literatur nicht zufällig ist, nicht zufällig sein kann, wenn es sich um die Ästhetik des Wortes handelt. Das habe sie von dem Büchnerpreisträger Oskar Pastior erfahren, der die Welt klanglich und intellektuell gestaltete und dessen Einfluß auf Joeckles Schreibstil unbestreitbar ist.
Auffallend bei Joeckle ist die Suche nach sprachlicher Genauigkeit. Wenn ein Schriftsteller sich um Präzision bemüht, gibt es keinen Platz für falsche Interpretationen. „Ich will nicht meine Leser verlieren, deshalb versuche ich, alles möglichst genau und dringlich so darzustellen, wie ich es mir vorgestellt habe“, erklärt Joeckle.
Um diese Kunst zu schaffen, braucht man Einsamkeit. Denn „Schreiben ist keine Party“, sagt sie, das wisse natürlich auch Herta Müller, die sie zitiert: „Schreiben ist eine Sache des Alleinseins“. Die Gefahr bestünde aber, dass man in der irrealen Welt hängen bleibt.
Neben der Lesung ihres Romans präsentierte die Feature-Schreiberin auch Hörproben aus Radiosendungen, die Deutschlandradio ausstrahlte. Den Zuhörern machte sie bekannt, wie komplex der Prozess der Verwandlung des Geschriebenen ins Gesprochene sei. Da wirkt die Aussprache der Worte als belebend. Bei O-Tönen gibt es viele Schichten in den Gesprächen und beim intensiven Zuhören entdeckt man sie.
Am Ende des Abends erzählte Joeckle über ihre kulturbedingten Erlebnisse als Stadtschreiberin in Hermannstadt. Besonders interessant war die Anmerkung über die linguistischen Unterschiede zwischen der deutschen und der rumänischen Sprache, womit sie die Teilnehmer zu witzigen Diskussionen über Ausdrücke wie u.a. „die Felder schlagen“ (a bate campii) statt „vom Thema abweichen“ oder „jemandem ein Telefon geben“ (a da un telefon cuiva) statt „mit jemandem telefonieren“ anregte.
Elena STOICA
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