„Mit Pflanzen ist es wie mit Menschen”

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Vital und fast immer optimistisch: Biologielehrerin Marga Grau ist 85 geworden

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Viele GrundschullehrerInnen und Päda-AbsolventInnen erinnern sich auch Jahrzehnte später an die Ausflüge in der Schulzeit mit der Biolehrerin Marga Grau. Alina erinnert sich an das Biolabor und besonders an den ausgestopften Storch, Andreea an die Praktikumsstunden, als Marga Grau aus der hintersten Ecke der Klasse rief: „Der Wolf hat scharfe Zähne, Kinder” und dabei die Zähne fletschte, Delia weiß noch ganz genau, dass sie auch noch im Rentenalter wie ein Teenie Fahrrad fuhr und Cosmina – die übrigens noch immer jede ihrer Schülergeneration in den Garten der Biolehrerin bringt, weil sie so schön erklärt – erinnert sich an den kurzen Ausflug im Erlenpark um sechs Uhr morgens, als sie das Zwitschern der Vögel erkennen lernten und wie viel dabei gelacht wurde. Marga Grau ist nun 85 geworden und noch immer so energisch. Kurz vor ihrem Geburtstag führte HZ-Redakteurin Ruxandra S t ă n e s c u ein Gespräch mit ihr.

 

Unsere Leser kennen Sie als Lehrerin, wissen vielleicht weniger über Ihre Kindheit und Schulzeit…

Geboren wurde ich am 29. Juli 1932 in Hermannstadt in meinem Großelternhaus, also in diesem Haus hier. Mein Großvater hat es 1914 gekauft und ist dort mit seinen beiden Töchtern eingezogen, eine davon war meine Mutter, die 1924 auch hier im Haus geheiratet hat. 1926 kam dann mein Bruder zur Welt und 1932 kam ich dann, das Baby. Mein Großvater hat auch das Nachbarhaus gekauft, dort hat dann meine Tante mit ihren drei Kindern gewohnt und wir waren bei allen Festen und Geburtstagen zusammen. Ich bin hier als glückliches Kind in einem großen Garten aufgewachsen. Der Garten war von meinem Vater eingerichtet als Stauden-, Wohn- und Spielgarten. Alle Wege waren fest gewalzt und ich habe als Kind niemals auf der Straße gespielt, nur im Garten. Ich bin dann in die Schule in die Banatului-Straße gegangen, in der während des Krieges ein Lazarett war, so dass unsere Schule in verschiedene Gebäude umziehen musste. 1948 kam dann die Schulreform und die Verstaatlichung der kirchlichen Schulen, so dass ich nach der Quinta – also nach der neuten Klasse – in eine rumänische Schule gehen musste, weil es keine deutschen Lyzeen in Hermannstadt gab. In den ersten zwei Wochen war es sehr schwer… dann ging es aber.

Gab es deutsche Lyzeen in anderen Ortschaften?

Ja, ich wäre gerne nach Schäßburg ins Pädagogische Lyzeum gegangen oder nach Kronstadt in die Honterus-Schule, doch ich wollte das meinen Eltern finanziell nicht zumuten. Mein Großvater war als Ausbeuter gestempelt und hatte keine Rente, meine Mutter war immer Hausfrau gewesen und hatte auch kein Einkommen und mein Vater war letzter Beamter der Sparkassa, bevor sie aufgelöst wurde und nach der Übernahme von der Staatsbank wurde er als Anfänger mit Anfangsgehalt eingestuft. Nach zwei Jahren hat man ihn in den Ruhestand geschickt und so hatte er eine ganz kleine Rente. Ich bin also in Hermannstadt geblieben und habe hier bis zum Abitur die Schule – erst hieß sie „Domniţa Ileana”, dann „Liceul de fete” – besucht.

Sie haben dann weiter studiert…

Ja, ich habe in Klausenburg Naturwissenschaften studiert – damals hieß es noch nicht Biologie – und das waren die schönsten Jahre meines Lebens, wenn ich jetzt zurückblicke. Wir haben viele Ausflüge gemacht und waren dort sehr viele Freunde zusammen… Dann habe ich absolviert und weil es keine Stellen in Hermannstadt gab, habe ich Frauendorf gewählt. Nach einem Jahr starb leider 1956 mein Vater und ich wollte auf jeden Fall nach Hause. Weil es keine Biologie-Stellen gab, habe ich an der Brukenthalschule erst Chemie und Physik und später dann Bio unterrichtet. Als 1960 ein Biologielehrer aus Klausenburg kam, ging ich an die Schule Nr. 15 und habe dann acht Jahre unterrichtet und war davon vier Jahre auch stellvertretende Direktorin.

Dann gingen sie ans Päda, wo man Sie auch hauptsächlich kennt…

Ja, ans Päda wurde ich gerufen, auch als stellvertretende Direktorin und bin bis 1987 geblieben, als ich mit 55 in Pension gegangen bin – das war damals das Rentenalter. Ich hätte noch zwei Jahre bleiben können, aber meine Mutter war sehbehindert und hat mich gebraucht.

Sie sind aber nicht in Rente geblieben…

Ja, meine Mutter hat bemerkt, dass ich nichts zu erzählen habe, wenn ich nur zu Hause bin und so bin ich dann nach fünf Jahren für weitere fünf wieder ans Päda gegangen und 1997 dann endgültig in den Ruhestand getreten. Ich war auch zwei Legislaturperioden im Stadtrat dabei.

Gelangweilt haben sie sich aber danach nicht…

Nein, auch jetzt habe ich die Woche durchgeplant… Am Sonntag gehe ich in den Gottesdienst und im Sommer ist es besonders schön, weil immer ein ehemaliger Schüler oder eine Schülerin zu mir kommt und mich umarmt, am Dienstag gehe ich in den Handarbeitskreis, wo ich stricke und nähe, mittwochs mache ich meistens einen Besuch im Altenheim, wo ich zwei Freundinnen habe, am Donnerstag gehe ich ins Konzert und freitags mache ich meistens auch einen Besuch – bis vor Kurzem habe ich immer Susanna Schlattner besucht, die Musiklehrerin am Päda war. Außerdem ist einmal im Monat am Dienstag Seniorentreffen beim Hermannstädter Forum, wo ich noch im Vorstand bin – ich bin dafür zuständig. Im Winter tippe ich auch am Computer alte Briefe meiner Familie, die ich dann an die Verwandtschaft verschenke. Jetzt im Sommer haben wir keinen Handarbeitskreis, dafür aber jede Menge Arbeit im Garten – leider kann ich nicht länger als zwei Stunden arbeiten – und da gibt es noch die vielen Klassentreffen – nächste Woche bin ich zum Beispiel zu zwei eingeladen worden. Und nach dem ganzen Rummel mit den Sachsentreffen will ich in Michelsberg mit meiner Verwandtschaft meinen 85. Geburtstag feiern.

Dafür muss Ihre Familie einreisen.

Ja, alle meine Verwandten sind der Reihe nach ausgewandert. Wir sind dann nur zu dritt geblieben, mein Mann und ich und meine Mutter. Wir hatten auch die Ausreise beantragt, denn in den 80-er Jahren war die Lebensmittellage so schlecht, aber wir hatten keine Verwandten ersten Grades. Dann kam die Wende ’89 und dann haben wir die Pässe zum Auswandern bekommen. Die haben wir zurückgegeben und haben uns Besuchspässe gemacht und sind dann jedes Jahr auf Besuch gefahren.

Bereuen Sie das?

Nein, nein, wir haben diese Entscheidung, hier zu bleiben, nie bereut und ich bereue es auch jetzt nicht.

Woher kommt Ihre Liebe zur Biologie?

Einmal davon, dass ich in diesem großen Steingarten aufgewachsen bin, den mein Vater als Hobbygärtner eingerichtet hat, aber auch von meinem Vetter Richard Schuller, genannt Schuki, der zwei Jahre vor mir die Universität besucht hat und dem ich nachgeeifert habe. Und ich würde jetzt noch immer das gleiche wählen, Biologie und Lehramt.

Ihren Schülern haben Sie auch die Liebe für die Pflanzen weiter gegeben…

Ich habe meinen Schülern immer gesagt, dass es mit den Pflanzen wie mit den Menschen ist: Wenn du in einer Menschenmenge bist und niemanden kennst, fühlst du dich nicht wohl, aber wenn du irgendwo hin gehst, wo du Bekannte hast, fühlst du dich wohl. Genauso ist es mit den Pflanzen. Wenn du in die Natur gehst und „hoppla, das ist eine Eiche” oder „uuuu, das ist eine schöne Birke” sagen kannst, dann fühlst du dich zu Hause. Und es ist schön, wenn die Lehrer die Pflanzen kennen, dann können sie sehr gut mit ihren Schülern auf den Ausflügen „botanisieren”.

Darum haben Sie auch ein Handbuch herausgebracht.

Ja, das Buch ist auch noch vorhanden im hora-Verlag, und in den Schiller- und Erasmus-Bücherhandlungen. Das Besondere an diesem Buch ist die Zweisprachigkeit und es ist somit für Lehrer und Eltern sehr nützlich.

Planen Sie, ein weiteres Buch zu schreiben?

Nein, ich arbeite nur noch an der Weiterführung einer Familienchronik.

Woher kommt Ihre Vitalität?

Die kommt von meiner Mutter, die fast 99 geworden ist und bis zum Schluss geistig voll da war, auch wenn sie mit den Augen ein Problem hatte. Mein Vater war eher ein ruhiger…

Außerdem turne ich jeden Morgen eine halbe Stunde und gehe fast überall hin zu Fuß, denn Auto und Fahrrad habe ich verschenkt, weil der Verkehr zu groß war.

Haben Sie eine Empfehlung an die junge Generation?

Optimistisch zu sein. Optimismus ist sehr wichtig und ich bin – war – eigentlich eine Optimistin, jetzt vielleicht nicht mehr so, besonders am Abend, aber Optimismus ist sehr wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Marga Grau freut sich im eigenen Garten, dass jetzt gerade der Sonnenhut schön blüht.                                                

Foto: die Verfasserin