„…dass sich die Geschichte nicht wiederholt”

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Gedenkstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung in Berlin

 

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„Wir wünschen uns, dass sich die Geschichte nicht wiederholt“, sagte Rumäniens Staatspräsident Klaus Johannis bei der zum dritten Mal veranstalteten „Gedenkstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung” am 20. Juni d. J. in Berlin. Die aktuellen Herausforderungen ließen sich aber nur meistern, „wenn wir zeigen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben“.

 

Mit ihrer Feierstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung, wurde von der Bundesregierung ein Bogen von den Vertriebenen 1945 bis zur Situation der heutigen Flüchtlinge geschlagen. Seine Begrüßungsrede begann der Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit dem bekanntesten Gedicht der Romantik: „Mondnacht“, von Joseph von Eichendorff: „Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst,/dass sie im Blütenschimmer/von ihm nun träumen müsst./ Die Luft ging durch die Felder,/ die Ähren wogten sacht,/ es rauschten leis die Wälder,/ so sternklar war die Nacht.//                           Und meine Seele spannte/ weit ihre Flügel aus,/ flog durch die stillen Lande,/ als flöge sie nach Haus“.

Dieses Gedicht, ebenso wie die Dramen von Gerhart Hauptmann, oder die Schriften von Immanuel Kant, gehören zu dem identitätsstiftenden Kulturerbe, zu unserer gemeinsamen Literaturgeschichte. Denn der Blick zurück in die Geschichte ist geprägt durch Kulturräume, durch Landschaften, durch Traditionen und durch religiöse Mentalitäten. Aber zu unterschiedlich waren oft die Mentalitäten, zu groß waren Not, Angst und Sorge. „Und dennoch haben Sie, die überlebenden Flüchtlinge und Vertriebene, das Nachkriegs-Deutschland tatkräftig mit aufgebaut, und auf diese Weise eine neue Heimat gefunden. Heute, fast 70 Jahre später, erleben wir in der Welt wieder und immer noch Krieg, Gewalt, Flucht und Vertreibung. Frieden zu leben und zu erhalten, das ist die Lehre aus der Geschichte, die die Alten den Jungen weiterzugeben haben. Dazu dient dieser Gedenktag! Und er dient dazu, sich aus einer richtig verstandenen Erinnerung an das eigene kulturelle Erbe immer wieder aufs Neue gegen Krieg, Flucht und Vertreibung einzusetzen, an unserem Gedenktag, der zugleich der Weltflüchtlingstag ist.“ Soweit Bundesinnenminister de Maizière.

Dietrich Brauer, Erzbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland, sprach das Schicksal der Kirche sowie die Todesangst der Gemeindemitglieder Ende der 30-er Jahre an. Einer Kirche, die als „Salzburger Kirche“ 1732 von 16.000 Salzburgern in Gumbinnen, ehemals Ostpreußen, gegründet wurde. Als sogenannte „Exulanten“ mussten sie das geistliche Fürst-Erzbistum Salzburg unter Leopold Anton von Firmian verlassen. Durch Kriegseinwirkungen wurde die Kirche stark beschädigt, 1995 mit deutscher Hilfe vollständig wiederaufgebaut, und am Reformationstag 1995 feierlich eingeweiht.

Dass mit Rumäniens Staatspräsident Klaus Johannis, erstmals ein ausländischer Würdenträger bei dieser Gedenkstunde sprach, bezeichnete Innenminister de Maizière als „schöne, große Geste“.

Johannis erinnerte zunächst daran, dass der Schlüterhof, Ort des Gedenktages, zunächst als Paradehof zur Präsentation von Geschützen diente! Und heute „als Plattform des Gedenkens“.Er betonte, dass der Gedenktag eine Mahnung sei, in die Vergangenheit zu schauen: „Es ist unsere Pflicht derer zu gedenken, die gezwungen wurden ins Ungewisse zu ziehen“. Er würdigte die Deportation der 70.000 Rumäniendeutschen im Januar 1945, zum Wiederaufbau in die ehemalige UdSSR, ihr Leid und ihre Opfer. Viele seien „Gefangene der eigenen Erinnerung“. Diese historische Realität gehöre zu einer besseren Wahrnehmung, „über wer wir sind, und was wir in Zukunft zu tun haben, dazu“.

In diesem Zusammenhang zitierte er aus dem Buch „Atemschaukel“ von Herta Müller: „Wie läuft man auf der Welt herum, wenn man nichts mehr zu sagen hat, außer dass man Hunger hat“.

Rumänien ermuntere die deutsche Minderheit im Land eine aktive Rolle zu spielen. Man habe nicht nur wichtige Maßnahmen zum Gedenken an die Opfer des Kommunismus getroffen, sondern auch Entschädigungen gezahlt und Restitutionen durchgeführt. Die Minderheitenpolitik Rumäniens sei daher ein Vorbild für Europa.

Johannis unterstrich, dass sich die aktuellen Herausforderungen nur meistern ließen, „wenn wir zeigen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben“. Er erinnerte in diesem Kontext an die weltweiten Krisenherde wie etwa Syrien, Jemen, Somalia oder Nigeria, wo Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen seien. Europa sei ein Ort der Sicherheit für die Flüchtlinge. Er sprach auch die Angst vor Terror in Europa an: „Wir sind Zeugen eines wachsenden Nationalismus in Europa“. Deshalb müsse Europa seine Werte wie Toleranz und kulturelle Vielfalt schützen, und Solidarität bei der Umverteilung der Flüchtlinge zeigen. In diesem Zusammenhang würdigte Johannis die „außerordentliche humanitäre Leistung Deutschlands“ in der Flüchtlingskrise.

Abschließend zog er ein positives Fazit: der Gedenktag zeige, dass die Welt aus ihren Fehlern gelernt habe.

Der syrische Flüchtling Ghifar Taher Agha sagte in seiner kurzen Ansprache, dass „Flucht, Vertreibung, Ankommen und Heimat“ die Hoffnung aller Flüchtlinge sei. „Danke für das Ankommen in Deutschland und danke für die Heimat“.

Der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius, MdB, sprach ein kurzes Schlusswort. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkstunde durch das Kammerorchester der Initiative „Bridges – Musik verbindet”.

Elke SABIEL (Ehrenvorsitzende Verein der ehemaligen Russlanddeportierten)

 

Rumäniens Staatspräsident Klaus Johannis mit dem Bundestagsabgeordneten Klaus Brähmig und dem Bundesbeauftragten für Aussiedler und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk (v. l. n. r.). Foto: die Verfasserin