Von der Piccoloflöte

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Wort des Ehrenvorsitzenden Univ.-Prof. Dr. Dres. h.c. Paul Philippi
an die Vertreterversammlung des DFDR am 10.12.2016 in Hermannstadt

3-jahrbuch2017 Vor zwei Jahren hat Rumänien seinen neuen Staatspräsidenten gewählt. Dass es ein „Minderheitler“ geworden ist, hat allgemein verwundert. Und es wurde vielerorts als ein gutes Zeichen für die europäische Aufgeschlossenheit unseres Landes gewertet. Jetzt aber naht das Jubiläumsjahr 2018 und in dessen Sog mehren sich in der Politik Töne, wie sie 2014, im Wahlkampf um die Präsidentschaft, als gegenläufige Stimmen auch schon laut geworden waren. Sie richteten sich damals gegen „den Minderheitler”. Neuerdings hört man diese Stimmen offen an alte ethnisch-nationalistische Emotionen appellieren. An Emotionen, die man politisch eigentlich für im Grundsatz überwunden halten konnte. Denn Rumänien hatte nach 1990 an europäischer Reife zugenommen und manche der ultranationalistischen Parteien waren bedeutungslos geworden. Die Minderheitengesetzgebung unseres Landes z. B. kann sich in Europa schon sehen lassen. Aber als Vertreter der deutschen Gemeinschaften Rumäniens werden wir auch auf die verstärkt aufkommenden Stimmen des alten Ultranationalismus aufmerksam achten müssen: Erinnern wir uns:

Bei der Verabschiedung des Unterrichtsgesetzes im Jahr 1995 sprach sich unser Abgeordneter im Parlament dafür aus, für die Lehrpläne der Schulen nicht die „Geschichte der Rumänen“ vorzuschreiben, sondern die „Geschichte Rumäniens“; denn diese umfasst mehr als nur die „der Rumänen“ Das war, wie ich meine, ein mutiger und durchaus patriotischer Vorstoß unseres Abgeordneten. Der Antrag wurde damals abgeschmettert. Für die Mehrheit der Parlamentarier war unser Land eben nur das „wiederhergestellte“, das „einheitliche“ Land „der Rumänen“, so, wie es die Väter der Verfassung des Jahres 1923 für Großrumänien festgeschrieben hatten – gegen die Stimmen der rund 30 Prozent Minderheiten (bei der Volkszählung von 1930 zählten diese noch 28,1 Prozent). Dabei hatten sich damals unsere deutschen Gemeinschaften für Großrumänien ausgesprochen und ihr Mehrheits- und Brudervolk zur Erfüllung seiner nationalen Einheit beglückwünscht: für das Großrumänien vom 1. Dezember 1918, das Datum, das wir heute als Nationalfeiertag begehen. Aber in Bukarest lebte man noch in der Wahnvorstellung, die erreichte staatliche Einheit aller Rumänen könne nur durch die forcierte Einheitlichkeit des in Wirklichkeit uneinheitlichen Landes bewahrt werden. Diese Fehlvorstellung wurde dann, wir wissen es, im kommunistischen Sozialismus durch die Zwangsidee der „unificare“ noch gedoppelt. Für die Minderheiten war der ethnisch-nationale Unitarismus wahrscheinlich noch bedrohlicher geworden, als der sozialistische es dann tatsächlich wurde.

Nun ist es freilich zu begreifen, dass sich der junge Staat Rumänien 1923 als Nationalstaat verstehen wollte und um seine Einheit besorgt war. Da wollte man nicht einem Multikulturalismus das Wort reden. Die südosteuropäischen Völker hatten alle und öfter mit politischen Eingriffen ihrer Nachbarstaaten zu tun gehabt als die Mitteleuropäer der heutigen EU. Hier hatte man mit Multikulturalismus nichts im Sinn. In der Atmosphäre der 1920er und 30er Jahre war es schwer, ethnisch-nationalistischem Denken zu entgehen.

So war es damals. Heute wieder, wo multikulturelle Beliebigkeit die Welt überschwemmt, ist es verständlich, wenn verunsicherte Köpfe auf die Denkmuster der Jahre um 1930 zurückgreifen, auf Denkmuster also, die damals gemeint hatten, mit dem Bild vom „einheitlichen nationalen Staat”, vom „stat naţional unitar“, die Sicherheitsformel für den Bestand gefunden zu haben. Seit damals ist der Anteil der Minderheiten, der 1918 fast 30 Prozent betrug, auf heute etwa 10 bis 14 Prozent geschrumpft.

Wie argumentieren wir zwischen „multikulti“ und „unificare“?

Ich habe mir erlaubt, unseren Presseorganen zu empfehlen, die Rede von der Multikulturalität zu vermeiden, soweit sie in eigener Kompetenz von unseren Regionen Banat, Siebenbürgen, Sathmar und Bukowina schreiben. Am Ausdruck „Multikulturaltät“ haftet der Geschmack von austauschbarer, vermischbarer Beliebigkeit. Austauschbar und vermischbar aber war und ist die Vielfalt Rumäniens nicht. Diese Vielfalt hat geprägte, charakteristische Konturen. Diese geprägten Konturen gehören zur Wirklichkeit, zu der historisch gewachsenen Gestalt des Landes. Sie sind zählbar, vorzeigbar und untereinander erwiesenermaßen verträglich. Sie sind nicht multi-, eher plurikulturell. Für diese Plurikulturalität sollten wir als Minderheit eintreten.Von Pluralität zu sprechen, liegt im Interesse Rumäniens! Denn geprägte Pluralität ist ein Markenzeichen unseres Landes. Diese Pluralität ist ein „Brand“, mit dem unser Land in der EU punkten kann.

Ein Weiteres: Wir freuen uns, dass unserer deutschen Minderheit allgemein eine Brückenfunktion zuerkannt wird – zwischen den Staaten Rumänien und Deutschland. Wir sind bestrebt, diese Funktion positiv auszubauen, im Interesse aller drei Partner: im Interesse Rumäniens, dem Deutschlands und dem unserer selbst, der Deutschen Rumäniens. Aber wir legen Wert darauf, nicht nur wegen dieser Funktion geschätzt und geschützt zu sein. Wir sind in Rumänien nicht deutsche Zukömmlinge; so, als hätte es je ein Rumänien ohne uns gegeben! Wir waren als geprägte und politische Gemeinschaften schon längst da, als Rumänien zu uns kam. Bei seiner Gründung hat es uns hier vorgefunden und mit übernommen. Wir gehören zu seinen Grundbausteinen.

Wir möchten daher politisch nicht nur als Minderheit wahrgenommen werden – also in Betracht unserer Minderzahl – sondern als konstituierende, hierher gehörige Gemeinschaften (als „communautés“, wie wir staatsrechtlich schon genannt worden sind), als Gemeinschaften, die als solche zur Identität Rumäniens gehören. Wir freuen uns, für die Beziehungen zu Deutschland und zum ganzen deutschen Kulturraum von Nutzen zu sein. Aber wir wollen nicht nur um dieses Nutzens willen politisch geschützt und geschätzt werden, vielmehr wegen unseres innenpolitischen Vorhandenseins.

Allen rumänischen Mitbürgern, unsern Freunden in Deutschland und auch uns, den Siebenbürger Sachsen, uns, den Banater und Sathmarer Schwaben und uns Buchenländern wollen wir als wir selbst etwas wert sein und als solche, als deutsche Gemeinschaften Rumäniens, im Konzert der Staaten unsere Piccoloflöte spielen. Wer Beethovens Egmont-Ouvertüre im Ohr hat, weiß, was für eine Rolle der kleinen Piccoloflöte im großen Orchester zukommen kann!

Nur kommt es eben sehr drauf an, dass sie deutlich gespielt wird, die Piccoloflöte! Und dazu sind wir als Forum in diesen Jahren aufgefordert. Wir brauchen auf die neuen alten Nationalisten nicht aufgeregt zu reagieren. Aber wir sollten in den Jahren bis 2018/2020 unsere Position ruhig und klar einerseits politisch vertreten, sie jedoch andererseits auch außerhalb politischer Vertretung durch überzeugendes gemeinsames Handeln zum Ausdruck bringen – in der Kultur und auch in der Wirtschaft. Die Jahre bis zur Feier der „großen Vereinigung“ könnten für uns und unser Land wichtig werden.

 

Deutsches Jahrbuch für Rumänien 2017. Allgemeine Zeitung für Rumänien, Bukarest 2016, 310 Seiten, ISBN 372722. Das Buch wird kostenlos vertrieben und liegt beim Sitz des Deutschen Forums auf.

 

 

Anmerkung der Redaktion: Das „Wort des Ehrenvorsitzenden” ist auch im „Deutschen Jahrbuch für Rumänien 2017″ nachzulesen.