Ein Viertel Jahrhundert Hermannstadt

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Ein Tag als Fremder in der Heimat  / Von Sepp LEONBACHER

Vor 25 Jahren gab es noch keine Fahrkartenautomaten, kein Mobiltelefon, keinen Laptop, kein Tablet oder gar Smartphones. Niemand „ging“ ins Internet oder googelte. Man kannte nur Intershop (die älteren Leserinnen und Leser, die einmal im Besitz von Devisen waren bzw. Besuch aus Deutschland hatten, werden ihn noch kennen) und man gurgelte noch nach dem Zähneputzen. 

Aber – es gab schon damals Leben in Hermannstadt – und es lebte sich nicht schlecht dort!

Trotzdem verließ damals eine nicht unerhebliche Anzahl an Rumäniendeutschen ihre Heimat aus bis heute nicht zu 100 Prozent nachvollziehbaren Gründen. Die Ausreisewelle oder vielmehr Lawine vollzog sich in kürzester Zeit und entvölkerte ganze Ortschaften in Siebenbürgen. Soweit die bereits bekannte Historie dieses Gebietes.

 Nach nunmehr genau 25 Jahren machten wir,  zwei ehemalige Hermannstädter, uns auf den Weg, die alte Heimat zu sehen und zu erkunden.

Nach der Landung mit einer Maschine aus Dortmund finden wir uns in einem recht kleinen, aber schmucken und sauberen, dreisprachig ausgeschilderten Flughafen wieder. Mit dem Taxi ging es vorbei an einem großen Gewerbegebiet auf gut ausgebauten Straßen. Fast könnte man meinen, Deutschland noch gar nicht verlassen zu haben. Überall eine gute Infrastruktur, Kreisel mit Springbrunnen und Blumen verziert, intelligente Ampeln, Fußgängerüberwege mit einem „Count down“- System, wie es heute auf Neuhochdeutsch heißt, und sogar der grüne Abbiegepfeil wird geschickt eingesetzt, um den Verkehr zu entzerren. Lediglich ein Schild mit einem Verbot für das Fahren von Pferdewagen in diesem Bereich erinnert uns daran, dass hier einmal Flickenstraßen, Kopfsteinpflaster und so mancher  Pferdewagen als günstiges Transportmittel das Straßenbild prägten.

Die in den frühen 1980-er Jahren als Sinnbild der Moderne in Hermannstadt verkehrenden Trolleybusse samt ihren Masten sind aus dem Stadtbild verschwunden und gehören im wahrsten Sinne des Wortes nun zum alten Eisen. Die alten, nach Motorin, wie es damals noch hieß, stinkenden Busse, welche mir in meiner Kindheit so manches Unwohlsein verursachten, teilten das gleiche Schicksal. Stattdessen prägen moderne Busse das neue Bild. Ich bin beinahe erschrocken, als der erste Βus auf die Minute genau in unserer Haltestelle eintrifft. Als sich dies am gleichen Tag noch zwei weitere Male wiederholt, sehe ich mich genötigt, mein altes Bild vom Hermannstädter öffentlichen Verkehr komplett zu revidieren.

Dem Leser, welcher das alles      als selbstverständlich voraussetzt, sei gesagt, dass noch vor 25 Jahren das Ankommen des Busses in der Haltestelle reine Glückssache war. Oft kamen mir in Neppendorf Menschen aus Richtung Flughafen auf dem Weg in die Stadt entgegen, die berichteten, dass der Bus unterwegs kaputt liegen geblieben war. Manchmal kam er tatsächlich noch eine halbe bis dreiviertel Stunde später. Manchmal kam er gar nicht, und wenn er mal pünktlich war, war er meistens so voll, dass man nicht mehr oder kaum herein kam. Für ganz Mutige ließ der nette Busfahrer im Sommer die Türen offen – sie konnten sich auf eigene Gefahr als Trittbrettfahrer im wahrsten Sinne des Wortes beweisen – ein Bild, welches man heute nur noch aus Staaten vorwiegend aus der südlichen Hemisphäre kennt.

Zur Winterzeit in den späten 80-ern wurde dann die Alba-Iulia-Straße zwischen dem Continental Forum Hotel (ehemals Bulevard-Hotel) und dem Dumbrava-Kaufhaus aufgrund des zeitweiligen Fahrverbotes der ohnehin geringen Anzahl an Pkws von uns Schülern gar manchmal als Rodelpiste gebraucht, ein Bild das man sich bei der aktuellen Verkehrsdichte kaum noch vorzustellen vermag an einer der meistbefahrenen Straßen mitten im Zentrum der Stadt. Nur ab und zu wurde unser Treiben von einem mit Schneeketten ausgerüsteten Zubringer-LKW für die Läden oder Fabriken der Stadt unterbrochen, der über die meist ungeräumten Straßen zu seinem Ziel zu kommen versuchte…

Auf unserem Weg zum Wochenmarkt geht es dann vorbei am Zibin, dem blauen Band, welches sich mitten durch Hermannstadt schlängelt. Herrlich eingefasst mit den Trauerweiden, die ich noch aus meiner Kindheit kenne und die einen so schönen Kontrast zu dem ruhig dahinfließenden Wasser geben. Als leicht störend empfinde ich die streckenweise vielen gebrauchten Auto-Reifen, die im Fluss schwimmen – ob das wohl ein neuer Werbegag eines Reifenherstellers ist? Oder üben hier die Kajakfahrer Slalomfahren? Es sollte jedenfalls in einer ansonsten blitzsauberen Stadt möglich sein, dieses kleine Schönheitsmanko zu beseitigen…

Mobiltelefone scheinen hier wie überall mittlerweile üblich allgegenwärtig – ein notwendiges Übel in einer digitalen Welt. Früher wusste man genau, was man von einer einem entgegen kommenden Person ohne sichtbaren Gesprächspartner halten sollte, die (Selbst-)Gespräche führte. Heute ist es schon wesentlich schwieriger geworden zu differenzieren…

Unterwegs sehen wir in einer Seitenstraße einen „Cioban“, einen Hirten auf seinem Pferdewagen. Er ist eifrig und wild gestikulierend am Telefonieren, während er sein Gefährt geschickt durch den Verkehr lenkt. Ob das Verbot des Telefonierens am Steuer wohl auch für diese Art von Verkehrsmittel gilt? Jedenfalls ist es ein schönes Beispiel der Vereinbarkeit von Tradition und Moderne. Wir erfahren einmal mehr Hermannstadt als eine Stadt der Gegensätze, was seine Attraktivität aber keineswegs schmälert, im Gegenteil! Viele Straßen und Gassen erstrahlen perfekt saniert oder runderneuert, die ganze Elektrik ist nach westlichem Vorbild unterirdisch verlegt, nur noch wenige kleine Gässchen mit einem undefinierbaren Drahtgewirr und Massen an etlichen Metern unnötiger, toten Leitungen zeugen noch von einer anderen Zeit. Wahrscheinlich wollte der Elektriker nur sicherstellen, dass bei einer möglichen Reparatur auch gleich das benötigte Kabel verfügbar ist. 

Überall in der Stadt sehen wir eine Vielzahl an neuen, uns noch gänzlich unbekannten Hochhäusern, die vom neuen Wohlstand Hermannstadts zeugen. Hier erleben wir zum wiederholten Mal Hermannstadt als Ort der Gegensätze – eine meist sehr gelungene Mischung. Aber gehören zwölfstöckige Wohnblocks in Nachbars Garten? Oftmals werden in gewachsenen Wohngebieten Häuser abgerissen und neue Blocks gebaut. Gegen Wohnblocks in einer modernen Großstadt ist nun wahrlich nichts einzuwenden, aber dafür zu sorgen, dass dem netten Kleingärtner von nebenan gleich dutzende Familien aus dem ersten bis zwölften Stock bei der Arbeit zusehen können, ist der Gegensätze zu viel…

Bei einem unseren ersten Spaziergänge durch die Altstadt fällt gleich auf, dass das historische Hermannstädter Wappen, in der sozialistischen Ära verpönt, um nicht zu sagen unerwünscht, mittlerweile auf jedem Kanaldeckel, auf jeder Laterne oder gar auf Parkscheinautomaten prangt. Überall besinnt man sich der geschichtlichen Wurzeln und zeigt sich selbstbewusst der Welt als moderne Stadt mit einer großen Tradition. Viele Häuser im alten Zentrum erstrahlen in neuem Glanz, während so manches Kleinod in den Seitenstraßen noch darauf wartet, von einem tatkräftigen und solventen Investor „wiederentdeckt“ zu werden.

Ein großes Manko hat die Modernisierung und Industrialisierung allerdings auch hierzulande – die Familien, welche zu meiner Kinderzeit zu 80 Prozent im Umkreis von maximal 50 km wohnten, werden – der Globalisierung sei Dank – nun auf hunderte Kilometer Umkreis verteilt, was mit Sicherheit auch positive Seiten hat, aber im Umkehrschluss mittelfristig genau wie im Westen Europas eine Belastung für die traditionelle Familie darstellt.

Abends sitzen wir dann entspannt und müde ob der zahlreichen Eindrücke in einem der zahlreichen Cafés und genießen einen Hauch von südländischem Flair auf dem nördlichen Balkan. An den umliegenden Tischen wird oft Deutsch oder Englisch gesprochen, immer mehr Japaner finden den Weg hierher. Diese Eindrücke begleiten uns schon den ganzen Tag über. Den Begriff oder vielmehr das Prädikat „Multikulti“ hat Hermannstadt sowieso viel eher verdient als manche westliche Region, die solches für sich in Anspruch nimmt. Hier leben seit Jahrhunderten Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Religion friedlich zusammen – vielleicht schon allein deshalb ein lohnenswertes und interessantes Reiseziel für westliche Politiker.

Nachts dann – ein Laster, welches wir aus Deutschland mitgebracht haben – wird noch einmal kurz vor dem Zu-Bett-Gehen der Fernseher eingeschaltet. Völlig ungewohnt, die viele Werbung im rumänischen Fernsehen. Willkommen in der ach so schönen, modernen Welt… Es läuft gerade Toilettenpapierwerbung, die ich in dieser Form aus Deutschland auch noch nicht kenne. Unwillkürlich muss ich schmunzeln. Früher musste man Klopapier kaufen, wenn gerade was im Laden zu haben war. Dann wurde für Wochen im Voraus gehortet – ansonsten wäre die Situation daheim ziemlich besch…eiden gewesen, da wäre höchstens noch die Tageszeitung geblieben. Aber da waren ja meist viele Bilder unseres „Genossen" drauf, und das bringt man dann nicht ohne Weiteres übers Herz. Es sei mir an dieser Stelle etwas Sarkasmus erlaubt: vielleicht könnte die Firma, welche gerade Werbung machte, ja einfach das Angebot verknappen – dann bedarf es garantiert keiner Werbung bei diesem so begehrten Gut, dann findet es garantiert wieder reißenden Absatz, schießt es mir durch den Kopf.

Müde und glücklich fallen wir nach einem ereignis- und eindrucksreichen Tag ins Bett. Insgesamt haben wir Hermannstadt als das (wieder-)entdeckt, was es schon seit Jahrhunderten ist – ein Schmuckstück im Karpatenbogen mit Potential zur Weltstadt. Eine in vielen Hinsichten reiche Stadt scheint ab 2007 aus dem Dornröschenschlaf erwacht und hat spätestens seitdem einen ungeahnten Aufschwung erfahren. Ich habe viele Menschen erlebt, die zurecht stolz auf IHRE Stadt und sich deren Geschichte bewusst sind…

Viel zu schnell verrinnt die Zeit wie so Vieles, was schön ist. Tage später, am 20. Juni 2015 verlassen wir nach genau 25 Jahren erneut die Stätte meiner Kindheit, dieses Mal mit dem festen Entschluss, schon bald wieder hierher zu kommen… 

 

Blick von der neuen Zibinsbrücke am Zibinsmarkt auf den Ratturm und den Turm der evangelischen Stadtpfarrkirche.                     

Foto: Fred NUSS