Lebens- und Energiequelle der Gemeinschaften

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Grußwort zum 27. Sachsentreffen / Von Klaus JOHANNIS, Rumäniens Staatspräsident

 

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Herzlich willkommen in Rumänien, in der historischen Haupt- und Hermannstadt, in unserem schönen Siebenbürgen.

Es ist mir eine große Freude, bei diesem Treffen all jene begrüßen zu dürfen, die auch weiterhin mit Stolz die Identität, die Erinnerung und den spezifischen Geist der Siebenbürger Sachsen wie einen Ehrentitel im Herzen tragen. Ich bin beeindruckt, dass sich der Große Ring als zu klein erweist, es ist das beste Zeichen dafür, dass die Veranstalter eine gute Arbeit geleistet haben und ich beglückwünsche sie dafür. Aber vor allem freue ich mich, dass ich neben den Vertretern der älteren Generation auch viele Jugendliche und Kinder erblicke.

Ihre Anwesenheit ist der Beweis dafür, dass die kommenden Generationen Siebenbürgen nicht bloß als eine Gegend betrachten werden, aus der ihre Eltern stammen sondern auch als einen Ort, der ihr Interesse erweckt, da ihre Wurzeln hier sind.

Daher wende ich mich zuerst an Euch, liebe Jugendliche. Ich bin überzeugt, dass die Tage, die Ihr hier in Siebenbürgen verbringt, schöne Erinnerungen und positive Energien hinterlassen werden. Sie werden Euch helfen, Euch selbst und Eure Herkunft besser zu verstehen, Eure Persönlichkeit zu entfalten und damit dazu beitragen, dass Ihr eines Tages einen passenden und wohlverdienten Platz in der Gesellschaft finden werdet.

Dies, weil Ihr Eure Wurzeln besser kennen werdet. Weil Ihr erkennen werdet, dass Ihr die Sprösslinge einer Gemeinschaft seid, die im Laufe mehrerer Jahrhunderte dem Ort, an dem sie sich niedergelassen hat und der gesamten Welt beispielhafte Gestalten der humanistischen Vision, des Erfindergeistes und der Beharrlichkeit geschenkt hat.

Dafür stehen Persönlichkeiten, die in die Weltgeschichte eingegangen sind, wie Johannes Honterus, Konrad Haas, Samuel von Brukenthal, Stefan Ludwig Roth, oder Hermann Oberth. Ihr Leben und Werk sowie auch das vieler anderer sind die Pfeiler, auf die sich nicht nur die sächsische Zivilisation in Siebenbürgen stützt, sondern auch die Entwicklung Rumäniens.

Vor 900 Jahren fanden unsere Vorfahren auf dem Gebiet Siebenbürgens die Voraussetzungen für ein Leben im Glauben an Gott und in Freiheit. Indem sie ihren Boden bearbeiteten und für die Wahrung ihrer Freiheit kämpften, haben die sogenannten hospites saxones et flandrenses die Basis einer starken sächsischen Gemeinschaft geschaffen, deren Geschichte auch heute noch in ihren wuchtigen Kirchenburgen, die die Zeit überdauern, sichtbar ist.

Leider hallt in vielen von ihnen heute nur noch das Echo des Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott” nach.

Die althergebrachte Volkstracht der Siebenbürger Sachsen, die jahrhundertelang zur Konfirmation und anderen Festen getragen wurde, sieht man immer seltener, oft nur noch als Museumsstücke. Vielerorts beschränkt sich das Wirken der sächsischen Gemeinschaft nur noch auf die Erhaltung ihres Kulturerbes.

Die grundlegende Botschaft der Geschichte der Siebenbürger Sachsen, zu lesen in den Steinen der Kirchenburgen, den Büchern, den Traditionen, ist jene, Gott unentwegt zu suchen und nie aufzuhören, für die Freiheit zu kämpfen. Es ist eine Mahnung, den anderen zu respektieren, Solidarität und Toleranz zu üben.

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Ganz gleich wie weit weg von der einstigen Heimat ihr heute lebt, bringen uns diese unersetzbaren Schätze Siebenbürgens wieder zusammen. Unsere Kirchenburgen gehören nicht nur den, oft entlegenen, Ortschaften Siebenbürgens, sondern auch Rumänien und der gesamten Menschheit.

Von hier, aus Hermannstadt, das vor 10 Jahren eine der beliebtesten und meistgeschätzten Europäischen Kulturhauptstädte gewesen ist, fordere ich euch auf, euren Kindern und Enkelkindern vom Lande der Sieben Burgen in unserer Muttersprache zu erzählen.

Ermutigt sie, die Werte, die uns bekannt, beliebt und respektiert gemacht haben, zu kennen, zu schätzen und sich anzueignen.

Die jahrhundertealte Geschichte der Siebenbürger Sachsen ist ein klarer Beweis dafür, dass die Freiheit der Menschen die wichtigste Lebens- und Energiequelle der Gemeinschaften ist.

Leider haben die totalitären Regimes des vergangenen Jahrhunderts die Freiheit und die Identität der Siebenbürger Sachsen sowie der anderen Minderheiten und der rumänischen Mehrheit fast bis zu ihrer Auslöschung in Frage gestellt.

Die letzten 50 Jahre des 20. Jahrhunderts haben Rumänien um seine Schätze und seine Eliten gebracht, seine Bestrebungen, die sich auf die Werte der europäischen Demokratie gestützt hatten, zunichte gemacht.

Für die Siebenbürger Sachsen kamen auch noch Deportation und Ausgrenzung nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu, wie auch die Beschlagnahmung des Bodens, den sie jahrhundertelang bearbeitet und für den sie gekämpft hatten.

Eine Folge dieses Prozesses, für den das kommunistische Regime die Verantwortung trägt, ist die Spaltung unserer Gemeinschaft, die schmerzhaft sowohl von den Ausgewanderten als auch von den Hiergebliebenen empfunden wird.

Vor hundert Jahren haben die Siebenbürger Sachsen an der Seite der rumänischen Mehrheitsbevölkerung in dem vereinten Rumänien die Einlösung des Freiheitsversprechens, das ihren Ahnen gegeben worden war, gesehen.

Ein Jahrhundert danach, im neu geschaffenen europäischen Raum, bin ich als der Präsident Rumäniens überzeugt, dass wir guten Grund haben, den kommenden Generationen Argumente und Fakten zu bieten, um das hundertjährige Rumänien als einen Ort der Chancen und des Wohlstands wiederzuentdecken.

Ich fordere Sie auf, sich diesem Projekt der Freiheit und der Toleranz anzuschließen, denn ganz gleich woher Sie heute nach Hermannstadt gekommen sind, Sie sind als Siebenbürger Sachsen hier zu Hause!

Klaus JOHANNIS

Staatspräsident Rumäniens

 

Foto 1: Staatspräsident Klaus Johannis und seine Gattin Carmen Johannis begrüßen die Teilnehmenden am Samstagmittag von der Hauptbühne am Großen Ring. Hinter ihnen sitzend einige Ehrengäste und Organisatoren (v. l. n. r.): Bundesobmann Manfred Schuller, Hans Gärtner, Vorsitzender des HOG-Verbands, Herta Daniel, Bundesvorsitzende Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Kreisratsvorsitzende Daniela Cîmpean, Bürgermeisterin Astrid Fodor, Bischof Reinhart Guib und DFDR-Vorsitzender Paul-Jürgen Porr.                  

Foto: presidency.ro

 

Foto 2: Jugendliche von der HOG Bulkesch.                      

Foto: Beatrice UNGAR