Ein Hauch von Nostalgie zwischen Tracht, Blasmusik und Wiedersehen

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Schon zu Beginn der Festwoche waren die Straßen deutlich voller als sonst. Normalerweise ist die Deutsche Sprache nichts Ungewöhnliches in den Hermannstädter Gassen, die Häufigkeit aber ließ auf den Ansturm der Massen schließen. „Früher bin ich hier zur Schule gegangen.“ Früher scheint ein Schlüsselwort zu sein. Jeder zweite Satz, den man unverhofft aufschnappt, beginnt mit früher. „Früher war hier ein Bücherladen. Hier bin ich damals konfirmiert worden. Die Stadt ist immer noch wie früher.“ Schwelgend in Erinnerungen feiern die Siebenbürger Sachsen ihr Treffen in Hermannstadt. Nur das berühmte „früher war alles besser“ bleibt aus.

 

Eben für diese Erinnerungen und die Pflege dieser Gedenken ist das Sachsentreffen Anlass. Aber nicht nur für Nostalgie und Retrospektive. Zu kurz dürfen auch nicht die Wiedersehen und der Austausch mit alten Nachbarn, Freunden und Klassenkameraden kommen. Als Treffpunkt bot sich während der heißen Tage vor allem die Kirche an. Vielmehr wie ein schattiger Marktplatz wurde sie genutzt. Die Sachsen sitzen, verweilen, quatschen. Ein Handy klingelt, der Herr nimmt ab. Ist das nun der gelebte liberal-evangelische Glaube oder schlichtweg die Flucht vor der Hitze? Kaufempfehlungen werden ausgesprochen oder Familienstammbäume der berühmtesten Ortsnamen runtergebetet – das wahrscheinlich einzige Gebet des Kirchenbesuchs.

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Es gibt aber auch Sachsen, die der Sonne trotzen und den Großen Ring als Begegnungsstätte nutzen. Familien von jung bis alt besetzen Bierzeltgarnituren, essen, trinken, lachen und verfolgen das Programm auf der Bühne. Auch die jüngsten Sachsen kennen Kultur und Bräuche und scheinen sich nicht unwohl oder fremd zu fühlen im programmatischen Schmelztiegel der siebenbürgischen Kulturen. Eine Beobachtung die darauf schließen lässt, dass die Siebenbürger Sachsen die Jugend zuverlässig mit allem Traditions-Habitus versorgen. Ob Volkstänze oder Trachtenumzug. Die Veranstaltungen sind generationsübergreifend, Teilnehmer und Publikum ebenso.

Vor allem die sächsische Jugend scheint gut organisiert zu sein. Stets sind sie in Gruppen unterwegs, verbunden vermutlich über die Heimatortsgemeinschaften und das gemeinsame Kulturerbe. Dass sie auch in Deutschland so viel Zeit miteinander verbringen ist nicht in allen Fällen zu realisieren, denn es leben nicht immer alle nebenan, etwa so wie es früher im Sachsendorf der Fall gewesen wäre. Beobachtet man die Jugend, hat man nicht den Eindruck, dass Kinder ihre Eltern auf leidige Nostalgie-Veranstaltungen begleiten müssen. Ausgelassen wird sich unterhalten und gefeiert, egal in welcher Ecke der Welt man nun wohnt. In Siebenbürgen sind sie alle daheim, wenngleich die sächsische Jugend zum Großteil nie in Siebenbürgen gelebt hat und es vermutlich auch nie wird.

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Die Ausstellungseröffnungen und Buchvorstellungen im Rahmen des Sachsentreffens waren leider nicht so zahlreich besucht wie Konzerte und Umzüge, ging es doch um Erbe der Siebenbürger-Sachsen und wie man es auch aus der Ferne unterstützen kann. Vor allem die Ausstellungen Reformation und Kirchenburgen waren adressatengerecht für alle Altersklassen beim Sachsentreffen gestaltet, sowie in allen Zielsprachen eingesetzt: Deutsch, Rumänisch, Englisch. Allerdings muss man den (ehemaligen) Einheimischen zugestehen, dass sie vermutlich den Inhalt der meisten Ausstellungen kennen oder zumindest erahnen was die Ausstellungen verbergen. In der Diaspora wird das Kulturerbe meist gründlich doziert. Zumal es sicherlich wichtig ist, die Kontakte zu pflegen und zwar nicht nur die viel erwähnten siebenbürgischen, sondern auch das Wiedersehen mit rumänischen oder ungarischen Nachbarn und Bekannten wurden freudig zelebriert. Schön ist es anzusehen, wie sich alte Bekannte in den Armen liegen, lachen, reden und sich der temporären Wiedervereinigung freuen. Alles ist so wie früher. Der gleiche Freundeskreis wie früher. Der gleiche Schulweg wie früher. Zumindest für ein Wochenende lang. Früher – als alles nicht besser war, aber anders.

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Wenngleich eine zeitweise sogar nostalgische Stimmung aufkommt und man aufgrund des Dialektes gleich als Nicht-Sachse ausgemacht werden kann, fühlt man sich nicht unwohl zwischen all den Sachsen, Rumänen, der Jugend und den Senioren, mit oder ohne Tracht. Es ist eine Kultursymbiose mit Elementen des Oktoberfests oder Mallorca, denn auch das Sachsentreffen ist nur einmal im Jahr! Und jeder ist eingeladen, nein (!) dazu angehalten, mit zu machen, zu feiern, sich zu freuen. Ein sehr wesenseigenes Zitat der vielen aufgeschnappten Zitate war: „Heute ist Hermannstadt deutsch!“ Nach genauem Beobachten ist diese Aussage haltlos und müsste besser heißen: „Heute ist Hermannstadt plurikulturell.“ Siebenbürger Sachsen, Rumänen, Österreicher, Schweizer, Deutsche, Amerikaner – alle Selbst- und Fremdbezeichnungen, egal ob nach Ethnie oder Nationalität, kommen zusammen und haben eine gute, friedliche Zeit. Eine nicht nur organisatorische Meisterleistung für fremd, daheim, auswärts und zu Hause.

Laura ECKHARDT

 

Foto 1: Beeindruckend war am Samstag der Aufmarsch der 70 Trachten-, Tanz- und Musikgruppen aus Deutschland (50), Österreich (5), den USA (2) und Rumänien (13). Unser Bild: Die Mitglieder der Volkstanzgruppe der Siebenbürger Sachsen in Wels auf dem Großen Ring hatten auch ihre Kinder mitgebracht.  

Foto 2: Die Siebenbürger Musikanten Heidenheim e. V. bei ihrem Platzkonzert während des Aufmarsches auf dem Huetplatz.                

Foto 3: In der Gruppe der TrachtenträgerInnen von der HOG Kleinschenk (beim Umzug gefolgt von der HOG Alzen) waren auch zwei gebockelte Frauen zu sehen, links die Leiterin der Gruppe, Gretel Theil.

Foto 4: Die Harmonie”- Blaskapelle des Deutschen Forums Bistritz (unser Bild, die Burzenländer Blaskapelle und die Armonia”-Blaskapelle aus Sankt Martin vertraten die in Siebenbürgen aktiven Musikgruppen.      

 

Beeindruckend war der Schilderwald der Burzenländer Trachtenlandschaft.

 

 

Blick auf den Großen Ring am Samstagmittag.

 

                         

Fotos: Fred NUSS