Schlagabtausch in vollem Gang

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Unterschriftensammlung für Präsidentschaftskandidaten hat begonnen

 

Während landauf landab die Helfer der verschiedenen politischen Parteien und Wahlbündnissen Unterschriften sammeln für die Präsidentschaftskandidaten, findet fast täglich ein Schlagabtausch zwischen den beiden Favoriten, dem amtierenden Premierminister Victor Ponta und Hermannstadts Bürgermeister und PNL-Chef Klaus Johannis statt.

 

Obwohl Ponta z. B. ursprünglich behauptete, er werde die Etnie und die Konfession seines wichtigsten Kontrahenten nicht ins Spiel bringen, geht es nach wie vor darum, bei der mehrheitlich ortodoxen Bevölkerung Ängste zu schüren, da Johannis einer anderen Konfession angehöre. Die Wahrheit wird also oft verdreht und inzwischen versucht die Regierungskoali-
tion, auch die Spielregeln für die Präsidentschaftswahlen zu „korrigieren". So soll z. B. das Wahlgesetz dahingehend verändert werden, dass jeder Wahlberechtigte wie bei den Europawahlen in jedwelchem Wahllokal in Rumänien seine Stimme abgeben dürfen soll. Geplant ist auch eine Novellierung des Gesetzes über den Status der gewählten Bürgermeister und Kommunalräte, demzufolge diese ihr Mandat nicht abgeben müssen, wenn sie die Partei wechseln.                B. U.

 

 

Nach langwierigen Modernisierungsarbeiten wurde am Freitag die Elisabethgasse für den Kfz-Verkehr freigegeben. Bürgermeister Klaus Johannis (Bildmitte) sprach die Hoffnung aus, dass die Anwohner nun  auch dazu schreiten würden, ihre Häuser auf Hochglanz zu bringen, wie das schon in anderen modernisierten Straßen in Hermannstadts Altstadt der Fall gewesen sei.                                                                      Foto: Fred NUSS

 

Kulturerbe als Gabe und Aufgabe

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Einweihung von Kirchenburg und Orgel in Kleinschenk

 

Nach langjähriger Restaurierung wurden am 16. August d. J. die Kleinschenker Kirchenburg und die historische Orgel eingeweiht. Über 150 ehemalige Kleinschenker nutzten die Gelegenheit, aus Deutschland zu kommen, um bei diesem Fest dabei zu sein. Mehr als 400 Gäste feierten zusammen. Der Verein der Freunde und Förderer Contrafort Pro Kleinschenk/Cincșor, am 29. Juli 2009 gegründet,  beging ebenfalls ein kleines Jubiläum…

 

 

Nassim Nicholas Talebs Buch „Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse" ist dem „Unsinn von Wirtschaftsprognosen" (manager magazin) gewidmet, man könnte es aber auch auf die Zukunft selbst anwenden, die eigentlich nicht prognostizierbar ist. Diesen besagten „schwarzen Schwan" beschwor Carmen Schuster, die den Contrafort-Verein gegründet hatte,  in ihrer Ansprache bei der Wiedereinweihung der sanierten Kirchenburg und der restaurierten Orgel in Kleinschenk herauf.   Sie stellte fest, dass viele berechtigte Zweifel angemeldet hatten, als sie sich 2008 entschloss, in ihrer Heimatgemeinde aktiv zu werden, um dem weiteren Verfall der Evangelischen Schule, des Pfarrhauses, der Kirchenburg, Einhalt zu gebieten. Sechs Jahre danach könne man sagen, Kleinschenk sei ein „schwarzer Schwan", ein Ereignis, mit dem aller mathematischen Wahrscheinlichkeit nach nicht zu rechnen gewesen sei und das trotz allem stattfinden konnte. Sie dankte dem Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien für die Aufnahme der Kleinschenker Kirchenburg in das EU-Kirchenprojekt, aber auch den rumänischen Behörden, die Mut bewiesen hätten, „sich für sächsische Werte zu öffnen". Ihr Dank ging an alle, die mit ihrer Professionalität an diesem Projekt beteiligt waren, das zu einer „mustergültigen Restaurierung" der Kirchenburg geführt hat, den Mitgliedern des Contrafort-Vereins, und allen Vertretern der Heimatortsgemeinschaft Kleinschenk, die sich eingesetzt haben.

Im Namen der HOG Kleinschenk dankte Gretel Theil „für die Kerze, die Carmen angezündet hat" und rief alle dazu auf, dazu beizutragen, „dass das Licht in der Kirche nicht erlösche".

Allerdings verdanke man diesen Tag mehreren Wundern,  hatte Pfarrer Stefan Cosoroabă, Leiter des Tourismus-Projekts „Entdecke die Seele Siebenbürgens" im Vorfeld gesagt. Zunächst den Menschen, die nicht aufgegeben haben und nicht sagten „es ist alles aus". Wer hätte denn 1990, als die Mehrheit der Evangelischen Kleinschenk verließen,  noch an einen Gottesdienst wie diesen in der Kleinschenker Kirche gedacht, fragte Cosoroabă. Als Wunder bezeichnen könne man auch die Tatsache, dass die Kirchenburg Kleinschenk in ein europäisches Projekt eingebunden worden ist, und nicht zuletzt habe „Gott eine Tochter Kleinschenks berufen, sich einzubringen", nämlich Carmen Schuster.

Altbischof Christoph Klein fragte in der Predigt auch: „Was geht in uns vor, wenn wir nach Jahren diese wunderbare Orgel wieder erklingen hören? Worüber staunen wir? Wir staunen darüber, was sich hier in Kleinschenk alles getan hat: Das Pfarrhaus wurde renoviert und der Begegnung und der Gemeinschaftspflege gewidmet, die ehemalige Schule ist mit Leben erfüllt worden und vieles andere mehr." Das reiche Kulturerbe, auch hier in Kleinschenk sei eine Gabe. Diese Gabe sei ihrerseits eine Aufgabe, diese „Schätze zu bewahren, zu erneuern und sie nutzbar zu machen für die Gemeinschaft". Es handele sich nämlich nicht nur um museale Objekte, sondern um Orte der Begegnung: „Solche Kirchenburgen sind weiterhin Stätten, in denen die Herrlichkeit Gottes wohnt. Auch dort, wo nur noch selten Gottesdienst gefeiert werden kann. Diese Kirchenburgen haben Öffentlichkeitscharakter, sie sind repräsentativ für die gesamte Ortschaft, sie stehen im Zentrum, sind Orientierungspunkt, Wahrzeichen, Visitenkarte und haben auch dadurch ökumenischen Charakter. Sie sind anvertraute Pfunde, mit denen wir wuchern müssen". Auch Altbischof Klein stellte fest: „Wir haben es mit einem Gott der Überraschungen zu tun".

Dem pflichteten auch die Vertreter der orthodoxen Kirche und der Gemeinde der Evangeliumschristen bei und auch Leonard Orban, Kulturbotschafter der Kirchenburgen. Orban sagte, dieses Ereignis gebe Hoffnung, dass die Siebenbürger Sachsen im europäischen Kontext einen neuen Platz gefunden haben, nach einem wenn auch „schmerzhaft" verlaufenen Transformationsprozess. Orban schloss mit den Worten: „Es hängt von uns allen ab, die positive gemeinsame Geschichte fortzuschreiben."

Der Vorsitzende des Siebenbürgenforums, Martin Bottesch, unterstrich seinerseits: „Es ist großartig, was hier geleistet wurde und es ziemt sich, auch die Hilfe derer zu würdigen, die anderswo leben, sowie die große Rolle der Heimatortsgemeinschaften für die Orte in Siebenbürgen hervorzuheben." Man unternehme immer mehr gemeinsam und man darf hoffen, dass bei allem „Nachhaltigkeit bestehe".

Die Kuratorin Gerda Theil sprach zunächst aus, was ihr am Herzen liegt. Sie dankte allen, die „uns von Deutschland aus unterstützt haben", aber auch der Landeskirche und vor allem Gott für das gute Zusammenleben und die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Die restaurierte Samuel-Maetz-Orgel stellten Ferdinand Stemmer und Barbara Dutli von der Honigberger Orgelbaulehrwerkstatt kurzweilig wie gewohnt vor. Die Organistin Ursula Philippi zog im wahrsten Sinne des Wortes alle Register dieses Ausnahme-Instruments.

Passend zu dem Namen des von Carmen Schuster initiierten Vereins „Contrafort" (zu Deutsch: Stützpfeiler), moderierte nach dem Gottesdienst Musikwart Kurt Philippi das Konzert des Ensembles Cantate Domino. Er benannte die Stützpfeiler im Chorraum auf Grund der fünf Stücke, die bei dem Konzert zu Gehör gebracht wurden: den Stützpfeiler der „unbeschwerten Lebensfreude" stelle das Tripelkonzert für Oboe, Oboe d'amore, Violine und Orchester von Carl Christian Friedrich Fasch (1736-1800), einem Zeitgenossen des Orgelbauers Samuel Maetz, dar; den „Lob- und Dankpfeiler" ließ die Sopranistin Melinda Samson mit Mozarts Solomotette für Sopran und Orchester, „Exsultate, jubilate" KV 165 erklingen; einen „Klagepfeiler" nannte Kurt Philippi ein von Ursula Philippi vorgetragenes kurzes Orgelstück aus dem von Michael Dressler 1855 verfassten Orgelbuch; das Duett und der Choral aus der Kantate „Ärgre dich, o Seele nicht" BWV 186 von Johann Sebastian Bach bildete den „Stützpfeiler des Trostes", dargeboten von den vier Gesangsolisten Melinda Samson, Liliana Bizineche (Mezzosopran), Wilhelm Schmidts (Bass) und Zsolt Garai (Tenor); zuletzt ertönte mit  dem Choral von Bach „Wohl mir, dass ich Jesu habe" der „Stützpfeiler der Zuversicht".

Zuversicht verheißen wohl auch zwei Bibelsprüche, die in der Kirchenburg zu lesen sind: An der Orgelempore zu lesen ist folgender Vers aus dem 26. Psalm: „Herr ich habe lieb die Stätte deines Hauses als den Ort, wo deine Ehre wohnt"; über dem Eingang in die Kirche prangt „Glaubet ihr nicht so bleibet ihr nicht" (Jesaja 7,9).

Beatrice UNGAR

 

 

Bild links: Die Trachtenträger kleideten sich in dem ebenfalls sanierten Pfarrhaus um und stellten sich im Pfarrgarten zum Gruppenbild auf; Bild Mitte: Die Orgel; Bild rechts: Die restaurierte Kirchenburg und davor die restaurierte Schule, in der ein Begegnungszentrum eingerichtet ist.                                                                                               Fotos: die Verfasserin

 

Von Worten und Steinen

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Zwei Lesungen mit Tobias Hülswitt in Hermannstadt

 

 

Als er die Arbeit als Steinmetz für die Schreiberei aufgab, dachte er, er hätte nun mit den Worten ein leichteres Arbeitsmaterial gefunden. Doch schon bald kam Tobias Hülwitt zur Schlussfolgerung:  „Mit Sprache ist es nicht einfacher zu arbeiten, als mit dem harten Stein“.  Gleich zwei Lesungen mit dem Berliner Schriftsteller Tobias Hülswitt fanden am Freitag und Samstag in Hermannstadt statt.

 

 

Tobias Hülswitt, wurde 1973 in Hannover geboren, arbeitete zunächst als Steinmetz, studierte dann am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und ist Dozent an der Universität der Künste Berlin und an der Akademie der Bildenden Künste in München, sowie Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2010 lebte er ein Jahr lang in Hermannstadt.

Organisiert wurden die Lesungen im Rahmen des kulturellen Programms der Schauwerkstatt der Wandergesellen von dem Verein „Casa Calfelor“ in Zusammenarbeit mit dem Verein „Deutsche Gesellschaft e.V. Berlin“. Am Freitag Nachmittag, dem 22. August, las Tobias Hülswitt im Erasmus-Büchercafe aus seinem Roman „Saga“, der im Jahr 2000 im Verlag „Kiepenheuer & Witsch“ erschien, vor. Eine Begegnung führt in seinen Geschichten zu Erinnerungen, die wiederum zu anderen Erinnerungen oder Vorstellungen führen.

Als zweites las er ein Kapitel aus einem neuen Projekt, das den Arbeitstitel „Liebe. Arbeit. Tod“ trägt. Unter anderem fand der Autor unterschiedliche Definitionen für die Liebe darin. Eines blieb den meisten Zuhörern im Erasmus-Büchercafe besonders in Erinnerung: Liebe sei, die Deformationen des einen Partners mit den Deformationen des anderen Partners kompatibel zu machen.

Eine zweite Lesung des Berliner Autors Tobias Hüswitt fand einen Tag darauf, am Samstagabend vor der Gesellenherberge („Casa Calfelor“) am Huetplatz statt. Hier las er ebenfalls aus seinem Roman „Saga“ eine Geschichte über seinen Handwerksmeister, aus der Zeit, als Hülswitt seine Lehre als Steinmetz absolvierte.

Im zweiten Teil der Lesung trug der Autor zwei Kapitel aus dem im Online-Format erschienenen Buch „Wnuki“ vor, die für heitere Stimmung in der Runde der Wandergesellen sorgten. Im Anschluss zu der Lesung wurde der Film „Satul de demult“ (Das einstige Dorf) von Dumitru Budrala gezeigt. Der Abend endete wie so viele Abende vor der Gesellenherberge mit einer entspannten Diskussionsrunde.

Cynthia PINTER

„Er war für mich ein Morgenstern"

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Fred Nuss erinnert sich an Begegnungen mit Edmund Höfer (1933-2014)

 

Der am 27. März 1933 in Lugosch geborene Presse- und Kunstfotograf Edmund Höfer verstarb am 19. August 2014 in München. Er war 30 Jahre lang bis zu seiner Aussiedlung nach Deutschland 1988 Fotoreporter bei der Bukarester Tageszeitung Neuer Weg. Desgleichen wurden in den 1980-er Jahren Umschläge von im Kriterion Verlag Bukarest herausgegebenen Büchern der Autoren Herta Müller, Richard Wagner oder William Totok mit seinen Bildern gestaltet. Die Goldmedaille, die Höfer Mitte der 1960-er Jahre bei einem internationalen Fotowettbewerb in Wien erhielt, war die erste Goldmedaille für einen Fotografen aus Rumänien. In Hermannstadt waren zuletzt Bilder des Verstorbenen in der Ausstellung Jüdisches Leben in Rumänien" 2005 im Teutsch-Haus zu sehen.

 

 

1968, ca. zwei Wochen nachdem die erste Ausgabe der Hermannstädter Zeitung erschienen war, sei Edmund Höfer nach Hermannstadt gekommen, um Aufnahmen zu machen in der Redaktion, im Auftrag der Tageszeitung Neuer Weg, erinnert sich der Hermannstädter Fotoreporter Fred Nuss. Die HZ-Redaktion befand sich damals im Gebäude der Bodenkreditanstalt (heute Rathaus) am Großen Ring, im Innenhof war das Fotolabor, das sich Fred Nuss und Horst Buchfelner teilten. Als er Edmund Höfer im Labor empfing, fand Nuss, er sei etwas kurz angebunden und hochnäsig. „Aber nachdem ich seine ersten Aufnahmen gesehen hatte, empfand ich nur noch Respekt für ihn, vor allem für seine Schnappschüsse", erzählt Nuss.

Höfer kam dann jeweils mindestens einmal im Monat nach Hermannstadt, um Auftragsbilder für den Neuen Weg zu machen, vor allem aus der Industrie. Weil er sich in Hermannstadt nicht so gut auskannte, bat er immer Fred Nuss, ihn zu begleiten. Dieser erinnert sich: „Im Stillen muss ich zugeben, dass ich ihm gerne auf die Hände geschaut habe. Ich habe versucht, herauszubekommen, wie er das Bild in seinem Kopf sieht, bevor er auf den Auslöser drückt. Zugegeben: Er war für mich ein Morgenstern. Besonders schätzte ich seine dynamische Art, zu fotografieren, seine Menschenkenntnis, seine Fähigkeit, mit wenig Licht auszukommen. Er war für mich ein Vorbild." Schließlich kamen sich die beiden Fotografen auch menschlich näher, Höfer war oft zu Gast bei Familie Nuss und Fred Nuss sagt, er sei der „glücklichste Mensch gewesen", da er mit einem der größten Fotografen Freund sein durfte.

Ein Erlebnis mit Höfer holt Fred Nuss aus dem „Nähkästchen" hervor, um dessen Wendigkeit hervorzustreichen: „Es war ein strenger, eisiger Winter und Mundi, so nannten die Freunde Edmund Höfer, hatte den Auftrag bekommen, ein Bild von den Hartenecktürmen zu machen. Ich war sehr neugierig, wie er das an dem nebligen Tag schaffen würde und ging mit. Vor dem alten Zinshaus blieb er neben einem Holzmast stehen und klopfte an ein Fenster. Als eine ältere Dame öffnete, fragte er sie, ob sie Enkel hätte. Als sie bejahte, fragte er nach einem Stück weißer Kreide. Dies bekam er auch und zeichnete damit ein Strichmännlein auf den mit Öl gestrichenen Mast. Er sah sich um und entdeckte einige Jungen, die im Schnee spielten, rief einen herzu, gab ihm die Kreide und sagte, er solle sich so neben den Mast stellen, als ob er das Männlein gezeichnet habe und stolz darauf sei. Der Junge diente als Vordergrund und Mundi hatte auch den Töpferturm ins Visier genommen. Mundi machte auch einige Fotos mit dem Mast im Vordergrund. Ich durfte den Film im Labor entwickeln und war verblüfft, wie gut die Atmosphäre eingefangen worden war. Eines der Bilder ohne Jungen wurde dann in dem Bildband 'Sibiu' abgedruckt, der 1968 im Meridiane Verlag erschienen ist, mit einem Text von Paul Schuster."

Beeindruckt war Nuss aber vor allem von den 80 großformatigen Porträts, die Höfer zu Beginn der 1970-er Jahre im Alten Rathaus in Hermannstadt ausgestellt hatte. „Die Dramatik dieser Porträts hat dermaßen auf mich gewirkt, dass ich mir wünschte, einmal auch so eine Ausstellung zu machen", gibt Nuss heute zu.

Nuss meinte im Stillen auch, dass die guten Fotos seines Bukarester Kollegen auf die gute Ausstattung und die guten Filme zurückzuführen seien, die dieser zur Verfügung hatte. Ein weiteres Erlebnis sollte ihn eines Besseren belehren.

Höfer kam eines Tages zu ihm und sagte, er habe einen dringenden Auftrag bekommen, in der Virola-Fabrik einige Fotos zu machen, und in der Eile seine Kamera in Bukarest vergessen. Nuss gab ihm eine alte 6×6-Flexaret und wünschte ihm Glück. Nach einer Stunde kehrte Höfer ins Labor zurück und Nuss staunte, nachdem er die Filme entwickelt und einige Aufnahmen vergrößert hatte: Höfer hatte einen Schweißer fotografiert, der an einem großen Rohr arbeitete, das Bild wurde, so Nuss, berühmt und auch preisgekrönt.

An diesem Tag habe er sich geschworen, sagt Nuss, nie mehr nachzufragen, mit welcher Kamera denn ein Bild entstanden sei. Er habe gelernt: „Der Apparat soll gut sein, aber der Fotograf muss besser sein."

Edmund Höfer hat dies auch in einem Herta Drozdik-Drexler gewährten Interview bestätigt. Auf die Frage „Ist, wer die bessere technische Ausrüstung hat, auch schon der bessere Fotograf?" antwortete er: „Es kommt nicht nur auf die Kamera an. Natürlich spielt die Qualität der Ausrüstung eine Rolle. Mit Hermann Heels Leica zu fotografieren war für mich schon ein besonderes Gefühl. Ich konnte damit bessere Bilder machen, als mit einem gewöhnlichen Apparat. Vom heutigen Stand der Technik gar nicht zu reden. Aber man muß mit dieser Technik auch umgehen können. Das allein genügt jedoch noch nicht. Die Allgemeinbildung spielt eine Rolle. Noch wichtiger ist Kunstverständnis. Man muß sich für Kunst interessieren, für Bildhauerei, Malerei, Musik, man muß die Kunstszene kennen, muß auf dem laufenden sein mit den Entwicklungen in der Kunst. Man braucht ein Gespür für gute Schnappschüsse, die man oft gewissermaßen voraussehen kann. Sinn für Humor kann nicht schaden. Man muß Einfälle haben, Phantasie. Und wohl auch das, was man Talent nennt und von Mutter Natur geschenkt bekommt."

Möge er in Frieden ruhen!

Beatrice UNGAR

Das von Fred Nuss erwähnte Bild mit Strichmännlein und Töpferturm im verschneiten Hermannstadt (Bild links) findet man in dem Bildband Sibiu", der 1968 im Bukarester Meridiane Verlag mit einem rumänischen Text von Paul Schuster erschienen ist (Bild rechts).