Ein roter Teppich nur für Frauen?

Streiflichter von den 71. Internationalen Filmfestspielen in Cannes

Ausgabe Nr. 2579

Nadine Labaki mit Hauptdarsteller Zain al-Rafeea bei den Dreharbeiten zu „Capharnaum“.                                               Foto: www.thenational.ae

Gleich zu Anfang wusste man, dass dieses 71. Festival von Cannes anders sein würde als früher. Weniger bekannte Namen, dafür mehr Entdeckungen. Und der, der viele Entdeckungen gemacht hatte, war kurz zuvor verstorben und das Festival wurde ihm gewidmet: Pierre Rissient, jahrelang graue Eminenz, hatte u. a. Clint Eastwood und Lino Brocka nach Cannes gebracht. Und es war das Jahr der Frauen, die offen ihren Tribut forderten, es gab auf dem roten Teppich“ sogar eine montée des marches (so wird der gemeinsame Auftritt eines Filmteams auf dem roten Teppich“ im Fachjargon genannt)nur von Frauen.

 

Eine große Anzahl von Filmen beschäftigte sich mit Problemen der Frau in der Gesellschaft, Außenseitern, Parias und Genderproblemen. In „Girl“ von dem Belgier Lukas Dhont will ein vom Spitzentanz besessener Junge lieber ein Mädchen sein (Goldene Kamera für den besten Erstlingsfilm, Fiprescipreis, gewisser Blick), „Sofia“ von Meryem Benm’Barek ist eine quasi soziologische Analyse der marokkanischen Gesellschaft, wo Frauen, die unverheiratet Kinder kriegen, eine Gefängnisstrafe riskieren.

„Asche ist reines Weiss“ über eine Frau, die für ihren Mann ins Gefängnis geht, ist gar eine einzige Liebeserklärung von Jia Zhang-Ke an seine Schauspielerin und Lebenspartnerin Zhao Tao.  In „Capharnaum“ von der Libanesin Nadine Labaki verklagt ein 12-jähriger Junge, der in den Slums lebt,  seine Eltern, weil sie ihn geboren haben. Der für ein arabisches Land außergewöhnlich gesellschaftskritische Film gefiel sehr gut und heimste mehrere Preise ein (Jurypreis, Ökumenischer Preis, Bürgerpreis).

Cannes sah diesmal auch eine stärkere Präsenz des osteuropäischen Kinos und der früheren Sowjetrepubliken. Sergei Loznitsa berichtet mit treffenden Bildern von Oleg Mutu aus der russisch abgespaltenen Region der Ukraine, „Donbass“; in „Ayka“ des Russen Sergey Dvortsevoy muss eine Kirgisin (Darstellerinnenpreis für Samal Yeslyamova) ohne gültige Papiere hart kämpfen, um in Kasachstan zu überleben. „Kalter Krieg“, eine sehr schöne tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des kalten Kriegs in Polen, Berlin, Jugoslawien und Paris  von dem Polen Pawel Pawlikowski (Regiepreis) war einer der Filme, der bei der Kritik von der Form her am meisten überzeugte.

Große Namen gab es dann doch einige, z. B. Jean-Luc Godards „Livre d’Image“ hätte 30 Minuten oder fünf Stunden dauern können. Der Altmeister (er bekam von der Jury unter Cate Blanchett eine Palme d’Or Spéciale“) hat mit viel Metier ein Bilderbuch aus Video- und Filmszenen zusammengebastelt, das man mit großem Interesse sieht. Und der Brasilianer Carlos Diegues hat in sein Alterswerk „O Grande Circus Mistico“ seine gesamten Erfahrungen aus 50 Jahren eingebracht.

Kunst ist alles im Leben und man kann dafür auch über Leichen gehen. Das ist die humorvolle Quintessenz des neuen Films von Lars von Trier, (der nun in Cannes wieder persona grata ist): „Das Haus, das Jack baute“, wo ein Serienmörder immer mehr Kadaver anhäuft und Bruno Ganz den Teufel spielt.

Um die Frage Kunst oder Geld geht es  auch in dem neuen Film des Türken Nuri Bilge Ceylan, wo ein junger Schriftsteller in „Der wilde Birnbaum“ in seine Heimatstadt zurückkommt. Lange Diskussionen, die zwar durchschimmern lassen, dass die Situation im Land im Augenblick ziemlich festgefahren ist, machen den sonst schönen Dreistundenfilm etwas schwierig anzusehen.

Zu den Spitzenreitern bei der Kritik gehörte der sehr dezente Film mit viel Ungesagtem,  „Burning“ (Fiprescipreis) von Lee Chang-Dong über einen jungen Mann, der eine Jugendfreundin wiedertrifft, die dann plötzlich spurlos verschwindet, und er vermutet, dass ihr reicher Freund etwas damit zu tun hat.

Eine Reflektion über die japanische Gesellschaft bietet Koreeda Hirokazu mit „Ladendiebe“ (Originaltitel: Shoplifters), wo eine schon in Armut lebende Familie ein kleines Mädchen bei sich aufnimmt, das bei sich zuhause missbraucht wird. Dieser Film war der Spitzenreiter bei allen und der Jury, die ihm die Goldene Palme gab.

Der Grand Prix ging an „Blackkklansman“ von Spike Lee, der einen schwarzen Polizisten den Ku Klux Klan infiltrieren lässt und sich über alle Klassen und Rassen der amerikanischen Gesellschaft lustig macht.

Der deutsche Film war spärlich vertreten, nur mit einem Film in der Reihe Ein gewisser Blick”, aber man darf natürlich Wim Wenders nicht vergessen, der einen Dokumentarfilm über den Papst gemacht hat: „Pope Francis – A Man of his Word“. Sehr informativ, sehr komplett, wo der Papst z. B. über Franz von Assisi spricht, von dem er seinen Namen hat. Er spricht auch über Ökologie und dass jeder sich einschränken sollte, dass etwa 40 Prozent der Jugend arbeitslos sei und somit ohne Ziel im Leben stehe.

In dem deutschen Film von Ulrich Köhler mit dem englischen Titel „In the Room“ (auf dem der Regisseur besteht, der vor Jahren einen Silbernen Bären für seine Schlafkrankheit“ in Berlin gewonnen hatte) wacht ein Mann eines Tages auf und ist allein auf der Welt. Die Straßen sind leergefegt bis auf einige Autowracks, aber niemand drin. Er lässt sich irgendwo in Südtirol nieder und baut Kartoffeln an. Ende der Welt oder Anfang?

Rumänien war dabei im Short film cornermit einer Reihe von etwa 15 Kurzfilmen unter dem Motto Romanian Short Wavesund in der offiziellen Festivalreihe Cinefondation, wo vor allem Filme aus Filmakademien gezeigt werden, mit „Albastru și roșu, în proporții egale“ von Georgiana Moldoveanu vertreten. Ein Mädchen schlägt darin ihrem Freund vor, Leihmutter für dessen kinderlose Frau zu sein, was der zwar annimmt, ohne dabei zu verstehen, dass er eigentlich etwas anderes will. Sicher einer der seltsamsten Filme in Cannes, der durch seine durchdachte Stilisierung besticht und in seiner Farbgebung die Handlung charakterisiert. Bei Romanian Short Wavesgab es sowohl Animation wie auch Filme über Familienprobleme, im Ausland lebende Eltern, die ihren Kindern einfach Geld schicken wie in „Sărbătoritul“ von Sabin Dorohoi über einen Jungen, der doch nur mit seinen Eltern leben will. „Granițe“ über die Schwierigkeiten eines getrennt lebenden Ehepaars mit viel Atmosphäre und einfühlsamen Bildern  von Andra Chiriac, oder auch „Miss Sueno“ von Radu Potcoavă, wo ein Mädchen nun wirklich zu naiv ist. Interessant auch „Lapsus“ von Anna Mărgineanu, die von einer Frau erzählt, die einen Zwischenhalt in ihrer Heimatstadt macht. Als sie ihrer Schwester von einem sehr unschönen Erlebnis in ihrer Kindheit erzählt, trifft sie nur auf Unverständnis. An solchen Dingen rühre man nicht.

Sehr lustig dagegen „Salix Caprea“. Ein Dorf in der Republik Moldova, wo ein wichtiger amerikanischer Besuch angekündigt wird, der dann doch nicht kommt. Die Komödie von Valeriu Andriuță zeigte, wie einige dieser Kurzfilme Talente für spätere Spielfilme hervorbringen, wie z. B. auch die rumänisch-italienische Koproduktion „Vampirismus“ (Gabriele Saffioti, Massimiliano Nardulli), eine sehr experimentelle Interpretation des Vampirmythos in Transylvanien.

Claus REHNIG

 

 

 

 

 

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