„Tränen flossen in vielen Sprachen”

Eginald Schlattners neues Buch trägt den Titel „Wasserzeichen“

Ausgabe Nr. 2573

Eginald Schlattner: Wasserzeichen. Pop Verlag Ludwigsburg, 2018, 628 Seiten, ISBN 978-3-86346-216-8

Nach drei erfolgreichen Romanen – „Der geköpfte Hahn“, „Rote Handschuhe“ und „Das Klavier im Nebel“ -, die ihm internationale Anerkennung gebracht haben, wollte Eginald Schlattner eigentlich nichts mehr schreiben und sich – laut eigener Aussage – letzten Dingen widmen: dem Ewigen Leben und der Höheren Mathematik.

Anno Domini, 2018, Deutschland, Leipziger Buchmesse: Das neue Buch Eginald Schlattners  – „Wasserzeichen” – wird vom Ludwigsburger Pop-Verlag vorgestellt. Nach fast 13 Jahren erscheint damit auch der Schlussstein der Schlattnerschen literarischen Tätigkeit; es ist ein Buch, das die schlichte Widmung „MIR“ trägt.

 

Das Werk, an dem über zehn Jahre herummodelliert wurde, lässt sich als Ergebnis sehen. Der Titel des Bandes hat eine erhebliche Geschichte hinter sich, denn bis der endgültige Titel festgelegt wurde, gab es noch drei verschiedene Varianten: „Die 7Sommer meiner Mutter. Ersonnene Chronik“, „Die Stacheln der Kastanie“ und „Bruchstriche“, wobei der letztere eher der Biografie Schlattners entsprochen hätte. Doch der Autor entschied sich letztendlich für „Wasserzeichen“.

Hierzu eine Erklärung aus einem im Januar auf dem Rothberger Pfarrhof durchgeführten Interview: „Das, was durch dieses Wort bezeichnet wird, versteckt vieles und macht manches sichtbar, je nachdem. Es birgt in sich das Verhüllte, das Verschleierte einerseits und gleichzeitig das Durchscheinende. Wobei das, was durchschimmert, durchleuchtet, wiederum von der Optik her in verschiedenen Deutungsvarianten aufscheint. Beides ist gegeben: Das Verhohlene und das Durchsichtige, das Verborgene und das Ersichtliche“.

Das Buch enthält Erzählungen aus der Zeit zwischen 1950 und 1960, die Schlattner als Rückblenden während seiner Klausuren im Nonnenkloster „Sf. Spiridon“ bei Bistritz aufgezeichnet hat. „Es gibt Zeitsprünge zwischen der Jetztzeit im Kloster, wo man sich jenseits der vernetzten Welt Erinnerungen hingibt, und andererseits den erinnerten Ereignissen von einst, die man niederschreibt. Das sind zwei Erzählebenen, die Edith Konradt reinlich auseinanderdividiert hat: Hier Kloster mit dem exotischen Alltag und den liturgischen Höhepunkten, durchkreuzt für den Schreibenden von persönlichen Eingebungen aus beispiellosen Sphären diesem Ort gemäß, ja von Erleuchtungen, die die erinnerten Geschehnisse erheben, überbieten, bitte transzendieren“.

Die Frage nach dem inneren Zusammenhang der Texte stellt sich nun akkut. Da tritt der mündige Leser in Erscheinung; er, der Rezipient, muss die für sich passende Botschaft selbst entdecken. Der Leser sollte dieser Aufgabe gerecht werden und den Inhalt vom Titel her in Bezug auf sich deuten.  Das, was man als disparate Geschichten wahrnimmt, „wird in der Rückschau im Kloster nicht nur getreu erinnert, sondern in der Ausschau auf die Wirklichkeit Gottes hin transzendiert, überschritten, überboten und somit vereinigt und abgeschlossen“.

In diesem Werk erscheinen sowohl Figuren aus den Vorgängerromanen als auch neue Gestalten, die einer „gewussten Wirklichkeit“ einzuordnen sind. Jedoch wird die  Dimension der „gewussten Wirklichkeit“ meiner Beobachtung zu Folge mit einer neuen Dimension ergänzt, und zwar geht es um die „erlebte, gelebte Wirklichkeit“ des erwiesenermaßen Tatsächlichen.

Was auffällt, anders als bisher: Neben der kraftvollen  Schilderung von erlebten Begebenheiten gibt es nunmehr Passagen geistlicher Reflexion im Umkreis  allumfassender Lebensfragen.

Das Buch hat einen betont theologischen Hintergrund, nicht nur weil der Ort der Niederschrift das Kloster ist. Soweit ich das herausgelesen habe, könnte es um Folgendes gehen: Die Beschäftigung mit Gott und seinem Plan für jeden einzelnen von uns steht im Mittelpunkt von Schlattners Aufmerksamkeit. Der Spruch über dem Haupteingang der Rothberger Kirche: „Weise mir, Herr, Deinen Weg!“ fasst die obige Aussage zusammen. Der Mensch sollte danach trachten, Gottes Weg zu erkunden und zu erfüllen, denn nur dann kann er im Einklang mit sich selbst und den anderen leben. Das ist wahrscheinlich die größte Herausforderung unseres irdischen Lebens zwischen Verfehlung und Vergebung.

Der siebenbürgischen Wirklichkeit wird erneut ein Denkmal gesetzt. Es heißt im Buch: „Tränen flossen in vielen Sprachen“ – die triste Realität im Kommunismus wird für die Völkerschaften Siebenbürgens zum gemeinsamen Schicksal. Eginald Schlattner entschärft diese Tatsachen und verdeutlicht durch seine Schrift, dass in den „vierzig Jahren Diktatur nicht nur gelitten, sondern auch gelebt und geliebt worden ist, mit allem was dazu gehört, vom Lachen bis zu Lächerlichkeiten, vom Meer bis zum Gebirge, von rauschenden Festen bis tränenreichen Abschieden. Und das gilt selbst für die zwei Jahre Arrest bei der Securitate in der Zelle 28: Auch dort, ‚am Ort und im Schatten des Todes‘, wie es im Evangelium heißt,  wurde nicht nur gelitten, sondern auch gelacht“.

Im Weiteren werden einige Aspekte aus dem Inhalt herausgegriffen, die die Leser dazu verleiten sollten, aufzuhorchen. In den Geschichten aus den 1950er und 1960er Jahren finden sich vielleicht wenige Aussagen, die einen Identifizierungsprozess der Leserschaft mit dem Geschehen erleichtern würden. Das Subjektive der Erinnerung gewinnt die Oberhand. Andererseits könnten die theologischen Gedankengänge, so von Schuldigwerden und Wiedergutmachung, den Lesenden erreichen. Wie immer, man bleibt bei der Lektüre sich selbst überlassen, muss sich selbst einen Reim auf das Gelesene machen.

Der Text beginnt mit einem Einblick in das Klosterleben, womit eine Parallele zur eigenen Identität ermöglicht wird. Die Eigenpositionierung bestätigt ein tradiertes Modell; die Siebenbürger Sachsen sind evangelisch Augsburger Bekenntnisses, die Rumänen orthodox.

Das sich ergebende Bild des Klosterdaseins vervollständigt sich im Laufe des Buches bis hin zu skurillen Begebenheiten. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Vergegenwärtigung des eigenen Schicksals und dessen Verflechtung mit geschichtlichen Ereignissen. Der Kommunismus, der den Rahmen der Erzählungen bildet, erweist sich sowohl als streckenweise scheinbar freundlich wie auch als menschenverachtend, doch wie immer dauernd zum Fürchten. Der allgegenwärtige Sicherheitsdienst leistet dem Regime blinden Gehorsam und verbreitet Angst und Schrecken. Die Siebenbürger Sachsen – einige einst Sympathisanten des Nationalsozialismus – leben im sich wandelnden Rumänien und müssen nach neuen Wegen zur Erhaltung der Identität suchen. Der Ich-Erzähler konfrontiert sich mit diesem Sachverhalt schon in seiner Jugend, als er eine Beziehung zu Susanne Sara Blau eingeht. Sie ist vom Vater her jüdisch, von der Mutter gut sächsisch und kann sich nach Belieben in die eine oder in die andere Kategorie einordnen lassen. Sie wählt zuerst ihre jüdische Identität, um aber nach einer Fahrradtour durch das sächsische Burzenland wieder zu ihren anderen Wurzeln zu finden. Es bleibt offen, ob sie sich für ihre sächsischen Herkunft entscheidet oder dem Davidsstern verpflichtet bleibt. Die Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler und Susanne Sara wird durch andere zwischenmenschlichen Beziehungen ergänzt. All diese Verbindungen führen zu einem notwendigen Reifungsprozess, der von jedem jungen Menschen erfahren werden muss. Davon hängt eigentlich auch das Überleben in einem menschenverachtenden Regime ab.

Nationalisierung, Verfolgung und Verhaftung sind drei weitere Themen, die zum Gesamtbild des Buches gehören. Der politisch bestellte „Schwarze Kirche“-Prozess wird aufgegriffen und die eigene Verhaftung Schlattners angesprochen.

Der letzte Teil des Buches widmet sich der eigentlichen Gegenwart. Ein Schlusskapitel ist Eginald Schlattners Frau gewidmet: Susanna Dorothea. Der Anfang ihrer Liebesgeschichte wird behutsam preisgegeben.

Zwischendurch folgen weitere, oft auch verschrobene Szenen zum Klosterleben. Doch bleibt das Kloster mit seiner Ikonenwand ein Ort von Schauungen und Erleuchtungen, die Lebenskonflikte in das Licht einer höheren Versöhnung  erheben, wo „Rache der Vergebung“ weicht.

Nach über 600 Seiten Text kann getrost behauptet werden, dass das siebenbürgische Gesamtbild mit einer neuen Dimension ergänzt worden ist. Der Protagonist, durchaus der Autor selbst,  hat den Kommunismus bestanden, selbst wenn er jetzt noch mit den seelischen Folgen zu kämpfen hat. „Wasserzeichen“ versucht die Seele zu reinigen, indem es zu Klärungen von Vergangenem kommt in einem irenischen Sinn.

Andreea DUMITRU

 

 

 

 

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