Motto der Messe: Leipzig liest

Stimmungsbilder von der Leipziger Buchmesse 2018

Ausgabe Nr. 2572

Die Leipziger Buchmesse hatte dieses Jahr Rumänien als Schwerpunktland.
Foto: Roland BARWINSKY

Und es gibt sie doch, trotz aller Unkenrufe: die Leser. Die Leipziger Buchmesse hat auch diesmal ganze Rudel dieser angeblich ausgestorbenen Spezies angelockt. Einem selbstvergessen in einen Text vertieften Besucher wäre bei gelegentlichem Aufblicken vielleicht ein Jugendlicher in einem knallbunten, fantastischen Mangafigurenkostüm ins Auge gesprungen und er hätte sich einen Moment lang gefragt, ob das, was er sieht, echt ist, oder nur seiner Fantasie, oder dem Text entsprungen ist, den er gerade liest.

 

Besuchern auf der Suche nach dem Stand des Schwerpunktlandes Rumänien wurde es nicht leichtgemacht, da dieser weder mit den Nationalfarben noch mit der Nationalflagge ausgestattet war. Den Organisatoren stand eine großzügig bemessene Ausstellungsfläche zur Verfügung. Der Veranstaltungsort für Besprechungen und Lesungen war sehr ansprechend gehalten, in gedeckten Blautönen, mit in Stufen angeordneten Sitzplätzen umgeben von blauen Stäben. Ansonsten waren die zur Verfügung stehenden Flächen mit Büchern tapeziert, nach Bereichen geordnet.

Der Start in die Messetage gestaltete sich ziemlich unprofessionell, da der Hauptredner zu spät kam und niemand es für nötig empfand, die wartenden Zuschauer entsprechend zu informieren. Sowohl der Kulturminister als auch die Leiterin des Rumänischen Kulturinstituts blieben dem Termin fern und zudem wurden die Teilnehmer der Eröffnungsveranstaltung nicht vorgestellt. Der Messedirektor Oliver Zille und der Botschafter Deutschlands in Rumänien, Meier-Klodt lieferten sehr ansprechende Eröffnungsreden. Georg Aescht hat durch seine treffenden Übersetzungen der Reden sehr zur Verbesserung der Atmosphäre beigetragen, trotzdem hatte die Veranstaltung etwas Unbeholfenes.

Ein weiterer Schönheitsfehler des rumänischen Messestandes: Die in Rumänien ansässigen und in Deutsch, Ungarisch oder einer anderen Minderheitensprache schreibenden Autoren sind auf der Leipziger Buchmesse nicht präsent. Es scheint so, als ob Schriftsteller, mit nur wenigen Ausnahmen, nur dann vorzeigbar sind, wenn sie ihren Lebensmittelpunkt im Ausland haben und von ausländischen Verlagen, Stiftungen, usw. gefördert werden und eine Reihe von Preisen gewonnen haben.

Frei nach Rudi Strahl: Ein irrer Duft von frischem Brot; pardon; Heu: Mircea Dinescu fungierte als Botschafter des guten Essens. Sein Stand, mit Brot, Schinken, Käse, Schnaps und Wein aus eigener Produktion, hatte regen Zulauf.

Gabriela Adameșteanu, als eine der bekanntesten zeitgenössischen Autorinnen Rumäniens, sprach über ihre Arbeitsweise. Aus ihrer Kurzprosa entwickelt sich meist unbeabsichtigt mit der Zeit ein Roman. Heimat ist für Frau Adameșteanu Sprache.

Die Fotoausstellung von Marc Schroeder zeigte in sehr anrührenden Bildern das Elend der Deportation eingegraben in die Gesichter der Porträtierten.

Der rumänische Dichter Mircea Dinescu (links) überzeugte das Publikum nicht nur als Autor, sondern auch als Botschafter des guten Essens.                    
Foto: Roland BARWINSKY

Auftritt der großen Namen der rumänischen Literatur: Nora Iuga und Norman Manea.

Nora Iuga – die Grand Dame der rumänischen Literatur. Eine bilderreiche und gleichzeitig sehr direkte Sprache ist ein Markenzeichen dieser Schriftstellerin. Durch Ihre Übersetzungen hat sie dem rumänischen Publikum zwei deutschsprachige Nobelpreisträgerinnen näher gebracht: Elfriede Jelinek und Herta Müller. Das Gespräch mit Ernest Wichner, der Texte von Frau Iuga aus dem Rumänischen ins Deutsche übertragen hat und somit ein fundierter Kenner ihrer literarischen Welt ist, war ein gelungener Schlagabtausch gespickt mit Humor und ironischen Spitzen, ein richtiger geistiger Genuss für die Zuschauer.

Norman Manea – der Grand Monsieur der rumänischen Literatur, der seit 30 Jahren im Exil in Amerika lebt, hat in seinem Gespräch mit Georg Aescht über seine Erfahrungen als Kind im KZ und die tief empfundene Heimatlosigkeit in der englischen Sprache zu Anfang seines Aufenthalts in den USA gesprochen.

Es war ein geistiges Vergnügen seinen ironisch angehauchten mit einem verschmitzten Humor vorgetragenen Ausführungen zu folgen.

Im Rahmen des Forums OstSüdOst fand die Podiumsdiskussion „Rumänien in der deutschen Gegenwartsliteratur“ statt. Die Teilnehmer, Noémi Kiss aus Ungarn und Elmar Schenkel aus Deutschland, Iris Wolff aus Siebenbürgen und William Totok aus dem Banat stellen verschiedene Aspekte des Lebens in Rumänien in das Zentrum ihrer Werke. Jan Koneffke hat die Protagonisten vorgestellt und eine kurze Einführung in das jeweilige Werk geliefert.

Allgemeines Fazit: Der passende rumänische Ausdruck: „Șantier în lucru “ – es gibt noch einige Baustellen zu beackern.

Erfreulich: Gespräche zwischen Autoren und ihren Übersetzern oder Lektoren waren immer ein Hochgenuss.

Unerfreulich: Man fühlte sich als Besucher etwas allein gelassen, es gab niemanden, der Auskunft zu den ausgestellten Büchern geben konnte, z. B. ob und wo man die ausgestellten Bücher käuflich erwerben kann.

Alice LORENZ

 

 

 

 

 

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