Aus der Opferhaltung hinausfinden

Gespräch mit Walther Gottfried Seidner im Vorfeld dessen 80. Geburtstag

Ausgabe Nr. 2570

Walther Gottfried Seidner.
Foto: Ernst Gerhard SEIDNER

Der Schriftsteller und Pfarrer Walther Gottfried Seidner hat gestern seinen 80. Geburtstag gefeiert. Dazu wünscht die Redaktion der Hermannstädter Zeitung dem Jubilar alles Gute und Gesundheit. Im Folgenden veröffentlichen wir den zweiten Teil eines Interviews, dessen erster Teil in der Ausgabe Nr. 2555 vom 17. November 2017 zu lesen war. Das Gespräch führte die Germanistin Anne Türk-König am 25. Oktober 2017 in Vorbereitung für ihren Vortrag zum Thema „Kultureller Austausch anhand einer Novelle Walther Gottfried Seidners“, den sie in der Sektion „Forum junger ForscherInnen“ bei der Jahrestagung der Hermannstädter Germanistik gehalten hat, die am 24. und 25. November 2017 im Begegnungszentrum der Lucian Blaga-Universität Hermannstadt stattgefunden hat.

 

Wir sitzen zu dritt in der niedrigen Stube unterhalb der Stadtmauer Hermannstadts und sprechen über Gott und die Welt: Pfarrer Walther Seidner bemerkt, dass sich heute der 95. Geburtstag unseres Königs jährt, der mit dem Tag der Armee zusammenfällt. Der König, mit seiner herausragenden Militäruniform, ist eine wichtige Gestalt für den Jungen Gottfried Walther in der Novelle „Die entschärfte Gewehrkugel“ gewesen. Es handelt sich um die Geschichte der verhinderten Deportation der Mutter des Jungen.

Drohte an dem Tag im Januar 1945, als die Deutschen in Hermannstadt deportiert wurden, das Vaterhaus Seidner, ein „Haus ohne Hüter“ zu werden?

Ja, mein Vater hatte sich aufgemacht, um ins Banat, nach Detta, wo sich damals die größte Holzfabrik des Landes befand, zu fahren und war nach einer einwöchigen Verspätung noch nicht heimgekehrt.

Die Thematik der Deportation wird von Erwin Wittstock in der gehobenen Sprache des Großbürgertums behandelt aber von Rumänen nur ungern gelesen. Das Werk wurde nie übersetzt und ist deswegen auch nur wenigen in der rumänischen Mehrheitsbevölkerung bekannt. Was war Ihr Anliegen, als Sie die Thematik wieder aufgriffen?

Neueren Datums ist das Thema der Deportation auch wieder von Herta Müller aufgegriffen worden. Der Anfang ihres Werkes „Die Atemschaukel“ nimmt sich wie ein Spaziergang durch Alt-Hermannstadt aus, und das Werk ist ein groß angelegter Roman der Deportation, wie sie in Oskar Pastiors Augen vollzogen wurde, mit dem sie das Werk zusammen vorbereitet hatte. Sie selbst hat die Deportation nie erlebt und ihre Romane sind etwas Fiktives, nicht Dokumentation.

Ich war siebenjährig und habe mit meiner Mutter oft über diesen schicksalhaften Tag sprechen können. Bei jedem weiteren Erzählen hat sie Einzelheiten beigesteuert und ich habe sie notiert und verarbeitet. Und Phantasie ist ja die Fähigkeit, zu verbinden…

Es lag mir sehr daran, aus der Tonalität der Opferhaltung, in die wir Sachsen oft und verständlicherweise verfallen, hinauszufinden, und eine ausgewogene Sicht der Lage darzureichen, wie wir sie erlebt haben. Jenseits der vielen Loskäufe, die es wie bei Erwin Wittstocks Familie Fellner wirklich gegeben hat, gab es auch Einzelschicksale, denen die Verschleppung in einer „Pufferzone der Menschlichkeit“ erspart geblieben ist. Wir haben die Aufgabe, die Opferhaltung zu identifizieren und darauf hinzuweisen, dass uns ein relatives Maß an Humanität widerfahren ist.

Aber Sie verschweigen die Tragik des Geschehens…

Nicht alle in unserer Familie blieben verschont, meint mein Gegenüber mit einer Geste in Richtung seiner Frau, Margot. Frau Margot Seidner ergreift das Wort:

Meine Mutter kam sehr geschwächt aus der Ukraine zurück, sie wog nur noch 38 kg und ist so nach Deutschland gekommen. Dort wollte sie aber auch nicht bleiben, denn ihre beiden Eltern waren noch in Siebenbürgen. Deshalb hat sie sich „schwarz“ auf den Heimweg gemacht, wurde von der Grenzpolizei aufgegriffen und, so geschwächt wie sie war, noch inhaftiert für kurze Zeit, weil sie Deutsche war.

Zu Ihrer Perspektive, Herr Seidner: Man merkt Ihnen in dieser und in anderen Nachkriegsgeschichten, aber im Grunde genommen, allen Ihrern Charakteren, den stärkeren und den weniger starken, den Familienvätern wie den Handwerksgesellen, den schrulligen Nachbarn wie dem pathologischen Geisteskranken oder den Außenseitern der Gesellschaft an, dass Sie die Menschen, wie sie sind, beobachten, aber nicht um sie bloßzustellen, sondern weil Sie sie lieben. Überall merkt man die Empathie. Hatten Sie einmal ein besonderes Erlebnis, das Ihnen diese Haltung verliehen hat oder woher nehmen Sie all diese Liebe?

Meine Eltern haben schon früh gemerkt, dass ich ein guter Schauspieler war. Ich beobachtete die Menschen um mich herum, und sie nahmen mich auch viel mit in Situationen, in denen ich Gelegenheit hatte, verschiedene Charaktere und Typen zu entdecken. Aber ich sollte nicht Schauspieler werden. Ich habe das Glück gehabt, dass ich durch meinen Vater, der Tischlermeister war, auch das Handwerk erlernen konnte und dadurch mit Menschen, mit vielen Bekanntschaften aus allen sozialen Schichten, von Fabrikanten bis hin zu einfachen Menschen, aufgewachsen bin.

Diese Liebe, dieser Bruch in Ihrer Persönlichkeit trägt schier religiöse Züge…

Ein Angestellter meines Vaters war Baptist und sie haben in ihren Gesprächen auch allerhand religiöse – und Glaubensfragen aufgegriffen. Ich war ein junger „Fitzko“ und das hat mir imponiert.

Wie konnten Sie den Pfarrerberuf mit der Berufung zum Schriftsteller vereinbaren? Sind sie schwer vereinbar?

Aber nein! Es gibt ja so viele Pfarrer, die geschrieben haben, wenn sich auch die meisten in der Historiographie verloren haben. Ich nenne nur Friedrich Wilhelm Schuster, den Alzener.

Sie haben bereits im Kommunismus veröffentlicht…

Ich habe ab 1968 auch veröffentlicht. Ich war Mitglied des Literaturkreises um Georg Scherg und erfuhr regen Austausch.

Der Kommunismus war für uns ein Prokustes-Bett, man wurde angeglichen. Als mein Vater enteignet wurde, habe ich mich anfänglich gefreut, weil er mehr Zeit für uns Kinder hatte. Meine Geschwister und ich haben nicht kapiert, dass wir verarmt sind. Im Umgang waren wir kindlich-naiv.

Von Georg Scherg habe ich gelernt, dass ich eine Nacht lang schreiben kann, fiktiv, in Gedanken, und dann muss nur noch der Moment kommen, wo ich alles ins Reine schreibe. So einen wie den Georg Scherg werden wir nicht so bald wieder haben… In dem Literaturkreis habe ich beispielweise auch „Die entschärfte Gewehrkugel“ vorgelesen.

Dabei haben Sie viel reales, biographisches Material verwendet. Ist für Sie die Literatur eine Art der inneren Verarbeitung gewesen?

Ich habe herausragende Ereignisse bearbeitet, unfreiwillige Geschehnisse, und auch die in vielen Varianten, bis es zum Druck kam.

Die „Widerfahrnis“ ist so eine Marotte der Humoristen: Alles was sie berührt, machen sie zu Gold. Dabei kann die Prosa aber keineswegs eine photographische Platte hergeben, man ist gedrängt sich auch der Fiktion zu bedienen.

Haben Sie ein Humanitätsideal in Ihrer Lyrik, Prosa und den dramatischen Stücken angestrebt? Kann der Mensch durch das Bildungsideal verbessert werden?

Ich habe nicht daran gedacht, sondern wurde vielmehr aus einem inneren Drang an die Schreibarbeit gemahnt. Viele meiner Geschichten habe ich nie mündlich erzählt, sondern nur aufgeschrieben.

Die Gedichte haben eine Moral, eine Schlussfolgerung, die sie abrundet, aber Moral…? Moral ist nicht gefragt. Wenn man den erhobenen Zeigefinger merkt, ist man verstimmt.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

 

 

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