„Als stünde ich vor einer Wand”

Zu Besuch bei der Konfektionsfirma Lucom Tex in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2565

Die Firma Lucom Tex befindet sich in der Str. Victor Hugo Nr. 2, für Aufträge ist Aurelia Ranfu unter 0723-57.44.58 zu erreichen.  
Foto: Ruxandra STĂNESCU

Die Firma Lucom Tex, gegründet 1997, ist eines der wenigen Unternehmen in Hermannstadt, die in der Textilbranche überlebt haben. Bunte Dirndl entstehen in Lohnarbeit, zwischen den Saisons werden aber auch u. a. rumänische Trachten hergestellt, Schulklassen und Tanzgruppen sind da abonniert. Die kleine Fabrik kämpft allerdings ums Überleben, denn die eher kleinen Löhne in der Textilindustrie locken kaum Arbeitskräfte – qualifiziert oder nicht – an.

 

In der Halle mit den Nähmaschinen ist es warm und hell, bunte Stoffstücke sind überall zu sehen, an einer Seite bügelt eine Frau mit einem komplizierten Bügeleisen und an einem Ende reihen sich auf einem Gestell Bügel mit fertigen Dirndl an. Ein Teil der Nähmaschinen sind nicht besetzt, ein Problem, das Aurelia Ranfu, Inhaberin und Leiterin der kleinen Konfektionsfirma seit Jahren Sorgen bereitet: „Wir haben hier zur Zeit 32 Angestellte, sowohl in der Näherei, als auch im Zuschneideraum. Vor ein paar Jahren hatten wir auch 55 Angestellte, um die 50 müssten es sein, damit wir auch andere Aufträge übernehmen könnten.”

Genäht werden seit 2007 hauptsächlich Dirndl für die deutsche Firma Berwin & Wolff, aus Deutschland kommen Stoffe und Schnittmuster, geschickt werden fertige Dirndl, einzeln auf Kleiderbügeln in Plastiksäcken verpackt. Aurelia Ranfu: „Im Laufe der Jahre haben wir unterschiedliche Aufträge übernommen und alles Mögliche genäht: für das Militärkrankenhaus die Bettwäsche, für eine italienische Firma die Tapisserie, aber auch Jeans und Designerröcke. Seit elf Jahren nähen wir Dirndl und bei Gelegenheit auch rumänische Trachten, für die ich selber nach alten Trachten die Schnittmuster vorbereite.”

Eines der vielen Modelle, das hier angefertigt wird.
Foto: Ruxandra STĂNESCU

Die fehlende Arbeitskraft in der Textilindustrie ist landesweit ein Problem, „doch in Hermannstadt ist es besonders zugespitzt, da so viele Firmen Arbeitskräfte suchen”, sagt Ranfu. „Außerdem sind die Löhne in diesem Bereich auch eher klein, im Vergleich zum Beispiel zu der Schwerindustrie.”

Hilfe vom rumänischen Staat ist nicht in Aussicht, Lobby für die Branche noch weniger. Aurelia Ranfu: „Auch als die zuständige Ministerin und andere wichtige Personen in der Regierung aus dieser Branche kamen, wurde nichts für uns getan, nicht einmal ein Teil unserer Probleme wurde damals gelöst. Dabei sind diese ja bekannt, wie in vielen anderen Bereichen auch, aber wir wurden jedes Mal enttäuscht. Da könnten uns auch kleine Maßnahmen helfen. Zwei Monate im Jahr, beim Saisonwechsel, sind die Textilfabriken nicht hundertprozentig ausgelastet, so dass wir vielleicht mit manchen Zahlungen in Verzug geraten. Da würde es reichen, dass wir zum Beispiel eine Frist gewährt bekommen, um die ganzen Steuern zu zahlen. Dazu kommt noch der unlautere Wettbewerb der Firmen, die nicht ganz legal arbeiten, was auch nicht kontrolliert wird…. Das Schlimmste ist aber, dass eigentlich nichts langfristig berechenbar ist, da kann man nichts planen und das nicht nur in der Leichtindustrie.”

Finanziell steht die Leichtindustrie auch immer schlechter da: „Die meisten Firmen in Rumänien betreiben Lohnarbeit, da ist die Konkurrenz auch sehr groß. Wir bekommen zum Beispiel fast genauso viel Geld pro Stück wie am Anfang, obwohl hier alles mindestens doppelt so viel kostet, von Miete und Strom bis zu den Gehältern. Denn da findet man auch billigere Arbeitskraft, zum Beispiel in der Ukraine, wenn die Arbeit in Asien qualitativ nicht entspricht. Da sind wir nämlich noch sehr gut, es passiert selten, dass hier etwas nicht stimmt. Es ist aber schon mal passiert, dass wir in China angefertigte Röcke reparieren mussten, und zwar recht viele.”

Auch wenn die Lohnarbeit eher schlecht bezahlt wird, hat sie auch gute Seiten: „Da muss man sich nicht mehr um den Vertrieb kümmern. Auch das haben wir probiert, haben entweder zum Teil das Geld von den Händlern sehr spät oder zum Teil gar nicht bekommen, mal kam die Ware schmutzig und zerknittert zurück… keine gute Erfahrung”, sagt die Inhaberin. „Es ist sehr toll, dass man zum Beispiel beim Oktoberfest in München oder in den Läden seine eigenen Produkte sieht, aber das reicht nicht, wenn man zwei Mal pro Monat die Gehälter zahlen muss.”

Angefertigt werden für Berwin & Wolff auch Röcke, T-Shirts und Kleider, die einen traditionellen Touch haben. Die rumänischen Trachten werden zur Zeit nur auf Bestellung angefertigt, denn „ein Laden würde in Frage kommen, wenn wir mehr Angestellte haben würden”, so die Inhaberin, die die Zukunft recht düster sieht: „Es ist, als ob ich vor einer Wand stünde und mich die ganze Zeit frage, wie viele Schritte ich noch bis dahin brauche. Und es geht nicht nur mir so, sondern auch den anderen Konfektionsunternehmen in Hermannstadt, die man an den Fingern einer Hand zählen kann. Im Dezember wurde wieder eine Fabrik geschlossen, jetzt im Januar eine weitere. Als wir 1997 begonnen haben, waren über 100 Firmen in diesem Bereich tätig. Bei Steaua Roşie waren zeitweilig Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Angestellte, da kam man nur mit Beziehungen rein. Jetzt kann ich gar nicht sagen, wie lange wir noch durchhalten können.”

Begonnen hat Aurelia Ranfu in der Branche 1996, nach dem Hochschulabschluss: „Ich habe in Hermannstadt die Textilhochschule absolviert und mich bei einer Firma hier im Hause angestellt. Hier habe ich auch meinen Ehemann kennengelernt, der bei einem anderen Unternehmen im gleichen Sitz arbeitete. Zusammen mit einem Partner hat er dann 1997 eine Firma gegründet, mit genau zwei Nähmaschinen, die eine in seinem Wohnzimmer, die zweite bei seinem Partner. Damals hatten sie nur zwei Angestellte. Schritt für Schritt haben wir dann weitere Nähmaschinen gekauft, dann die älteren ersetzt, alles ohne Kredit, die Belegschaft bis auf – wie schon erwähnt – 55 Angestellte in der besten Zeit aufgestockt. Einige der heutigen Angestellten sind tatsächlich seit damals bei uns, haben als Absolventen bei uns begonnen. Wenn wir damals mit 50 Nähmaschinen begonnen hätten, wären wir wahrscheinlich jetzt größer. Ich könnte aber jetzt nicht behaupten, dass ich jetzt wieder von vorne anfangen würde…”

Ruxandra STĂNESCU

 

 

 

 

 

 

 

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