Ein doppeltes Jubiläum

200 Jahre seit der Geburt von G. D. Teutsch/150 Jahre Bischofssitz in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2557

Das Teutsch-Standbild auf dem Huetplatz.      
Foto: Beatrice UNGAR

Im Dezember dieses Jahres erfüllen sich 200 Jahre seit der Geburt des bedeutenden Mannes, dessen Standbild vor der Evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt, der Schule zugewandt, den Blick auf die Besucher richtet. Bischof Dr. Georg Daniel Teutsch stand mehr als ein Viertel Jahrhundert an der Spitze der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Siebenbürgen, und das in einer Zeit schwerer Anfechtungen und bedeutender Entscheidungen. Seine außerordentliche Fähigkeit in Fragen der Organisation und Verwaltung sowie im Umgang mit Menschen hatte er schon in jüngeren Jahren als Rektor des Gymnasiums in Schäßburg bewiesen, wo er die im ganzen Land angeordnete Schulreform in vorbildlicher Weise durchführte und gleichzeitig an der Vorbereitung der neuen Kirchenverfassung mitarbeitete, die er später als Bischof anwandte und zugleich ins Bewusstsein seiner Kirchenkinder pflanzte. Gelegentlich dieser Arbeit bereitete er mit Anderen schon die Verlegung des Bischofssitzes aus dem entlegenen Birthälm nach Hermannstadt vor, die erst nach seiner Wahl zum Bischof durchgeführt wurde. Diese fiel in das gleiche Jahr mit dem sogenannten „Ausgleich“, der Begründung der österreich-ungarischen Doppelmonarchie, welche die Auflösung ererbter Vorrechte des sächsischen Volkes mit sich brachte und ihn dadurch herausforderte, auch als Bischof in den neuen Verhältnissen politisch tätig zu werden.

Georg Daniel Teutsch wurde am 12. Dezember 1817 in Schäßburg als Sohn eines Seifensieders geboren, seine Mutter war die Tochter eines Kupferschmiedes. Die Eltern waren wenig begütert und trieben neben dem Handwerk auch etwas Landwirtschaft, wie das in Siebenbürgen weithin üblich war. Mehrere Kinder starben früh, so dass nur der Sohn Georg Daniel und die Tochter Katharina im Elternhaus aufwuchsen. Die Familie war geprägt von Bescheidenheit, emsigem Fleiß und frohem Gottvertrauen. Der Junge hatte Freude daran, von seinem Vater zu lernen, wie man Bäume pfropft und behandelt. Sein besonderes Interesse galt aber den Büchern, vornehmlich der Geschichte. Bald fiel in der Familie die Entscheidung, dass er studieren solle und er beantwortete diese Entscheidung durch erhöhte Gewissenhaftigkeit. Nach gründlicher Vorbereitung in seiner Vaterstadt zog er im Sommer 1837 nach Wien, wo es eine evangelisch-theologische Fakultät gab, in der das Studium wesentlich billiger war als in Deutschland. Die Reise bis Pest dauerte im Wagen eines Schäßburger Kaufmannes 10 Tage. Beim Dorf Zam überschritt er die Grenze Siebenbürgens, „mit welchem Gefühl, lässt sich nicht beschreiben.“ Die Besichtigung von Ofen und Pest beeindruckte ihn tief, dann reiste er in zwei Tagen mit einem Dampfschiff nach Wien. Staunend erlebte er die Großstadt, tausend Eindrücke stürmten auf ihn ein, er schwärmte für ein Mädchen, fuhr bis Deutsch-Wagram mit der Eisenbahn (!) und fand einen Studienfreund namens Gottfried Elges. Der Studienbetrieb aber, dem er mit großem Fleiß beiwohnte, enttäuschte ihn, so dass er sich entschloss, nach einem Jahr den Studienort zu wechseln. Obwohl er die begrenzten finanziellen Möglichkeiten seiner Eltern kannte, wagte er es, sie zu bitten, ihm das teure Studium in Berlin zu ermöglichen. Die guten Eltern taten das.

Die Reise von Wien durch Böhmen, Dresden, Leipzig und Halle machte Teutsch zum größten Teil zu Fuß, um Land und Städte kennen zu lernen. Bei seiner Ankunft in Berlin erreichte ihn die Nachricht, dass sein Vater auf einer Geschäftsreise in Hermannstadt plötzlich gestorben war. Das traf den Sohn schwer, er dachte an seine Mutter und es war ihm klar, dass er länger als ein Jahr nicht im Ausland bleiben konnte. Der Freund Elges war ebenfalls nach Berlin gekommen, dort trafen sie als weiteren Freund Franz Rudolf Severinus, den nachmaligen Pfarrer von Hamlesch, der später schrieb: „Teutsch war schon damals der ernste, ganz der Wissenschaft ergebene junge Mann, Elges dagegen der fidelste, lebensfrohe, echte Studio… Kaum war aber das Band inniger Freundschaft zwischen dem Dreibund geschlossen, so zerschnitt der unerbittliche Tod des Freundes Elges, welcher um Ostern 1839 am Typhus starb, dieses Band…“ Auch der Tod des Freundes berührte Teutsch tief.

In Berlin lehrten zu jener Zeit viele namhafte Professoren, darunter auch der berühmte Historiker Leopold Ranke, bei dem Teutsch nicht nur historisches Wissen lernte, sondern vor allem das eigentliche Handwerk des Historikers, den kritischen Umgang mit den Quellen. Während dieses Studienjahres bei Ranke lernte Teutsch jedoch soviel, dass er hinfort sein Studium allein fortsetzen konnte. Die Rückkehr im Sommer nützte er wieder zu einer ausführlichen Wanderung durch Thüringen, Bayern und Wien nach Hause, wo ihn seine verwitwete Mutter sehnlich erwartete. In Karlsburg fand er eine Stelle als Hauslehrer, wo er neben seiner Lehrtätigkeit genügend Zeit erübrigen konnte, in der Batthyanischen Bibliothek seine begonnenen Studien zur heimischen Geschichte fortzusetzen. Danach durfte er auch in der Bruken-
thalschen Bibliothek in Hermannstadt arbeiten.

1842 wurde G. D. Teutsch Gymnasiallehrer an der Bergschule in Schäßburg, gleichzeitig war er an der Arbeit des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde schon seit ihrer Gründung beteiligt. 1845 wurde er Konrektor an der Bergschule und heiratete die Schäßburgerin Charlotte Berwerth, die schon nach einem Jahr im Kindbett starb und einen Knaben hinterließ. Diesen schweren Schmerz trug Teutsch gefasst. Im dritten Jahr nach ihrem Tod heiratete er ihre Schwester Wilhelmine Berwerth, die ihm bis zu seinem Tod treu zur Seite stand und eine reiche Kinderschar schenkte. Nach Zeitzeugen war der Hausstand, den sie führten, dem Vorbild seiner Eltern folgend bescheiden, aber gastfreundlich und das Familienleben harmonisch.

Sein fortschrittliches Denken führte Teutsch 1848 zunächst in die Reihe der Revolutionäre, welche die Union mit Ungarn anstrebten. Bald aber erkannte er hier die Gefahr des Nationalismus und wandte sich der anderen Seite zu. Aus Liebe zum sächsischen Volk blieb Teutsch hinfort ein entschiedener Gegner der Union mit Ungarn, seine fortschrittliche und liberale Grundhaltung behielt er aber bei. 1850 wurde er mit knapp 33 Jahren Rektor des Gymnasiums in Schäßburg. Seine Schaffenskraft war außergewöhnlich groß: Während er als Pädagoge und Organisator Hervorragendes leistete und daneben Wesentliches zur Vorbereitung der Kirchenverfassung beitrug, war diese Periode zugleich die fruchtbarste für seine historischen Arbeiten. 1846 begann er mit der breit angelegten und auf Quellenstudien beruhenden „Geschichte der Siebenbürger Sachsen für das sächsische Volk“, die 1852 bis 1858 in fortlaufenden Heften im Druck erschien. Dieses Werk endete allerdings mit dem 17ten Jahrhundert und er konnte es nicht fortsetzen, weil er in den darauf folgenden Jahren durch seine kirchlichen und politischen Aufgaben voll ausgelastet war. Dennoch ging dieses Werk als die grundlegende Darstellung der Sachsengeschichte schon zu seinen Lebzeiten in das Bewusstsein des sächsischen Volkes ein und sein Sohn, Dr. Friedrich Teutsch, führte es später zu Ende. – Trotz der vielfachen Aufgaben und Belastungen, denen Teutsch ausgesetzt war, blieb der echte Historiker in ihm zeitlebens wach. Schon 1862, noch als Rektor des Gymnasiums in Schäßburg, hatte er den ersten Band des Urkundenbuches der evangelischen Landeskirche A.B. in Siebenbürgen herausgegeben, das eine Sammlung von Dokumenten aus dem 16. und 17. Jahrhundert enthält. Rund 20 Jahre danach, anlässlich des Lutherjahres 1883, gab er „Die Synodalverhandlungen der evangelischen Kirche A.B. in Siebenbürgen im Reformationsjahrhundert“ als zweiten Band des Urkundenbuches heraus. Im Lauf seines Lebens erschienen 87 Werke und größere Studien im Druck, daneben ungezählte kleinere Beiträge.

Schon in seiner Zeit in Agnetheln war G. D. Teutsch neben dem Pfarramt und der Schulaufsicht auch am politischen Leben Siebenbürgens beteiligt. So nahm er am Landtag in Hermannstadt teil, auf dem 1863 der Status der Rumänen als vierte „Nation“ und die Gleichberechtigung der orthodoxen Kirche mit den vier „rezipierten“ Konfessionen Siebenbürgens ausgesprochen worden waren. Der gleiche Landtag hatte auch die Gleichstellung der drei Landessprachen (ungarisch, deutsch und rumänisch) beschlossen, was nach den Ereignissen von 1867 leider zurückgenommen wurde.

Die mehr als 25 Jahre seines Wirkens als Bischof waren in politischer Hinsicht eine Zeit zähen Ringens. Obgleich das Gesetz die Autonomie des Kirchen- und Schullebens aussprach, wurde diese durch nationalistische Tendenzen der neuen Regierung in Budapest wiederholt in Frage gestellt. Der schwerste Schlag war die sogenannte „Zertrümmerung des Königsbodens“ 1876, das heißt die Auflösung der historischen Gruppenrechte der Siebenbürger Sachsen. Unermüdlich trat Teutsch für diese ein, als Historiker hatte er das Rüstzeug dazu und sein starkes Pflichtbewusstsein gebot ihm, entsprechend seinem Amtseid für das Recht seiner Kirche und der ihr angehörenden Glieder einzutreten. Nicht weniger als 32mal besuchte er die höchsten Regierungsstellen, um seine Anliegen persönlich vorzutragen und ließ sich nicht entmutigen, wenn er wenig oder gar nichts erreichte. Seine klare Argumentation und seine starke Persönlichkeit verschafften ihm immerhin Achtung und so konnte er in kleinen Schritten das Mögliche durchsetzen. Dazu gehörte der Bestand des deutschen Schulwesens, das der evangelischen Kirche unterstand und das die wichtigste Stütze des sächsischen Volkes in Siebenbürgen war. Teutschs Persönlichkeit setzte es durch, dass nach dem Verlust der angestammten Gruppenrechte die durch ihn straff organisierte Kirche nicht nur im sächsischen Volk, sondern auch bei der Regierung in Budapest als die Vertreterin der sächsischen Gruppeninteressen angesehen wurde. Besonders bei dieser politischen Tätigkeit erwies es sich als vorteilhaft, dass der Bischofssitz nicht mehr im entlegenen Birthälm, sondern in Hermannstadt war.

Als Wortführer seines Volkes in der entscheidenden Frage der konfessionellen Schulen in der Muttersprache, aber auch in anderen Fragen der Kirche und des sozialen Lebens können seine Bestrebungen durchaus mit denen des großen rumänisch-orthodoxen Metropoliten Andrei Șaguna verglichen werden. Es war der gleiche Raum und die gleiche Zeit, in der die beiden bedeutenden Repräsentanten ihrer Kirchen lebten und wirkten.

In der Erinnerung des Volkes blieben die Generalvisitationen des Bischofs unvergessen. Um diese richtig zu verstehen, müssen wir uns neben Anderem auch in die Verkehrsverhältnisse seiner Zeit zurückversetzen, in denen die Eisenbahnen erst im Entstehen waren. Auf Grund eines genauen Reiseplanes besuchte er in den Jahren 1870 bis 1884 alle Gemeinden seiner Kirche (mit einer einzigen Ausnahme) und führte überall eine streng angelegte Inspektion der Zustände und Tätigkeiten in Kirche und Schule durch, worüber er nachher in den Sitzungen des Landeskonsistoriums ausführlich berichtete. Diese Visitationsberichte sind eine Fundgrube für die Verhältnisse seiner Zeit. Der Bischof stellte aber nicht nur fest, sondern wusste auch zu raten und zu helfen, wo es nötig war. Durch diese genau durchgeführte Arbeit wurden die Verhältnisse in Kirche und Schule übersichtlich und die neue Kirchenordnung gewann durch ihre Anwendung Boden im Volk. Seit 1870 war Georg Daniel Teutsch im Vorstand des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde und 1882 wurde er in den Zentralvorstand des Gustav-Adolf-Werkes gewählt, was dazu beitrug, dass seine Erfahrungen auch über die Grenzen des Landes hinweg bekannt wurden und Früchte trugen.

Am 2. Juli 1893 starb Georg Daniel Teutsch unerwartet schnell im 76. Lebensjahr in den Armen seiner Gattin und umgeben von seinen Kindern. Er stand noch bis zum letzten Tag aktiv in der Erfüllung seiner Pflicht. Er hatte den Bischofssitz nach Hermannstadt verlegt und das Bischofsamt zu neuem Ansehen erhoben, weshalb das Landeskonsistorium beschloss, ihm in Hermannstadt ein Standbild zu errichten. Als dieses sechs Jahre später am 19. August 1899 eingeweiht wurde, gestaltete sich die Feier zu einer beeindruckenden Kundgebung, die bewies, dass seine Persönlichkeit als evangelischer Bischof und Historiker seines Volkes weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt und geachtet war. Das Standbild beeindruckt bis heute den Betrachter: Mit der Linken drückt der Bischof die Bibel an sein Herz, das Wort Gottes, die Rechte stützt er leicht auf Pergamente, die an die Arbeit des Historikers erinnern, der zugleich auch das Recht seines Volkes vertritt. Die Inschrift nennt in bewusster Schlichtheit lediglich seinen Familiennamen: TEUTSCH.

Um zu zeigen, dass es hier nicht nur um die Verehrung einer einzelnen Persönlichkeit geht, sondern vielmehr um die Gesinnung der führenden Schicht einer Epoche, wurden am Sockel des Denkmals laut Beschluss des Landeskonsistoriums vier Medaillons angebracht, welche Zeitgenossen Teutschs darstellen, die in ihrem Leben einen bedeutenden Einfluss auf ihn ausübten, jedoch vor ihm starben. Diese sind:

  1. Georg Paul Binder (1784-1867), Gymnasiallehrer in Schäßburg, dann Pfarrer in Schaas und Keisd, ab 1843 Vorgänger Teutschs im Bischofsamt;
  2. Johann Carl Schuller (1794-1865), Gymnasiallehrer in Hermannstadt, Initiator des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde und als Historiker Vorläufer Teutschs;
  3. Konrad Schmidt (1810-1884), Advokat, der letzte ordnungsgemäß gewählte Sachsengraf und zugleich der erste Landeskirchenkurator der Evangelischen Kirche A. B. in Siebenbürgen (1864-1868), später Präsident des k. u. k. evangelischen Oberkirchenrates Österreichs.
  4. Franz Gebbel (1835-1877), als „Secretarius“, das heißt Hauptanwalt, durch Fleiß und Fernblick die bedeutende junge Stütze des Bischofs, zugleich politisch tätig und Schriftführer des Siebenbürgisch-deutschen Tageblattes, früh verstorben.

Wolfgang H. REHNER

 

 

 

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