Weg von der Zeichensprache

Sprachtherapeuten tagten im Tagungshaus der EAS

Ausgabe Nr. 2552

Uwe und Sigrid Martin (links, stehend) erhielten zum Abschluss der Konferenz herzlichen Beifall von allen Anwesenden, allen voran die beiden Veranstalter Theodor Sîrbulețu und Gál Katalin (im Hintergrund rechts am Rednerpult).                                                         Foto: Beatrice UNGAR

„Wir haben einen Partnerverein!“ stellten die Sprachtherapeuten Sigrid und Uwe Martin aus Bremen bei der internationalen Konferenz für Sprachtherapeuten Anfang Oktober im Tagungshaus der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) erfreut fest. Das Ehepaar bemüht sich seit geraumer Zeit um die Förderung von gehörgeschädigten Kindern und Jugendlichen in Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern.

 

Bezeichnenderweise haben sie den dafür gegründeten Förderverein „Perspektive“ genannt. Der Partnerverein in Rumänien trägt denselben Namen: Perspective-Verein für hörgeschädigte Kinder in Rumänien (Asociația Perspective pentru Copiii Hipoacuzici din România). Gemeinsam veranstalteten die Vereine mit Unterstützung von Cochlear România erstmals eine internationale Konferenz in Hermannstadt unter dem Titel „Perspektiven – Entscheidungsfreiheit – Rehabilitation – Inklusion für die gehörgeschädigten Kinder in Rumänien“. Die Schirmherrschaft im Zeichen der 25 Jahre Deutsch-Rumänischer Freundschaftsvertrag, die 2017 gefeiert werden, übernahmen von deutscher Seite Botschafter Cord Meier-Klodt und von rumänischer Seite Botschafter Emil Hurezeanu. Teilgenommen haben Erzieher, Lehrer, Therapeuten und Logopäden, aber auch Eltern von gehörgeschädigten Kindern.

Als ein gutes Beispiel deutsch-rumänischer Zusammenarbeit würdigte Konsul Hans E. Tischler das Projekt in seiner Ansprache beim Networking-Dinner.

Vorträge zu hören darüber, wie hörgeschädigte Kinder ihre Hör- und Kommunikationsprobleme überwinden können, ist das eine. Das andere ist, selbst mitzuerleben, wie gut das funktioniert. Der Auftritt der Cochlear-implantierten Kinder war der Höhepunkt der drei Tagungstage. Erst dann konnten alle genau verstehen, was das Ehepaar Martin meint mit „Weg von der Zeichensprache, hin zur Hör- und Sprachförderung!“ Die Kinder waren der lebende Beweis dafür, dass dank Medizin, Hörtechnologie und Fördermaßnahmen selbst gehörlose Kinder Hören und Sprechen lernen können. Das ist in Deutschland schon Standard und dort z. B. besuchen diese Kinder den regulären Unterricht. Sonderschulen für gehörgeschädigte Kinder gibt es kaum noch. In Rumänien ist die Inklusion noch in den Kinderschuhen aber auch dank des einschlägigen Perspective-Vereins können Fortschritte verzeichnet werden.

Wie das funktionieren kann, darüber gaben Sigrid und Uwe Martin im Gespräch mit der Hermannstädter Zeitung gerne Auskunft. Bahnbrechend sei, so die Martins, das Cochlear-Implantat gewesen, das gehörlosen Menschen andere Perspektiven eröffnete. Da dieses Implantat ab dem 1. Lebensjahr eingesetzt werden kann, ist das Neugeborenen-Screening unbedingt notwendig. Nicht zu vergessen ist die notwendige Nachsorge. Man habe die Therapie neu erfinden müssen. Es gehe nicht um eine erfolgsorientierte Therapie, sondern darum, stets mit den Eltern zusammenzuarbeiten und diese zu befähigen, den Kindern nicht etwas beizubringen – oft seien die Kinder von erfolgsorientierter Therapie langweilt und demotiviert – sondern etwas „in die Nähe zu bringen“. Die Technologie erlaube zwar den natürlichen Spracherwerb im Alltag, dafür müssen aber Eltern und Kinder bereit sein, etwas zu tun. Je spielerischer das geschieht, desto nachhaltiger sind die Ergebnisse. Es seien vor allem solche Spielerlebnisse, die emotional tragen, meint Sigrid Martin, die bei der Konferenz über diese natürliche Methode referiert hat. Sie nennt sie „hörgerichtet-natürliche“ Therapie und erklärt: „Dieser Ansatz ist ausgerichtet auf das natürliche Hören- und Sprechenlernen. Das bedeutet, dass wir das hörgeschädigte Kind genauso behandeln wie ein hörendes Kind. Auch das hörgeschädigte Kind ist zunächst ein Kind wie jedes andere, mit seinen Stärken und Schwächen. Das ist der Schlüssel für das, was wir tun.“

Das tönt einfach und klar, grenzt aber trotzdem an ein Wunder. Wer hinter die Kulissen blicken durfte und das erlaubten alle Anwesenden, erkannte bei der Konferenz, wie viel Arbeit dahinter steckt hinter dem Wunder, dass eine Mutter sich mit ihrem gehörlosen Kind unterhalten kann, das im Alter von zweieinhalb Jahren ein Cochlear-Implantat eingesetzt bekommen hat. „Dieses Wunder ist auch in Rumänien möglich“, schlussfolgerte Sigrid Martin. Schließlich gäbe es jetzt auch hier einen einschlägigen Verein.

Beatrice UNGAR

 

 

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