Einblicke ins wahre Leben

Astra-Filmfestival wurde von 70.000 Zuschauern aller Altersklassen besucht

Ausgabe Nr. 2552

Mit dem Exzellenzpreis des Festivals ausgezeichnet wurde der Regisseur Iosif Demian (hier beim Austausch mit dem Publikum). Sein Spielfilm „Baloane de curcubeu“ wurde beim Astra-Filmfestival in Premiere gezeigt. Der Spielfilm wurde in der kommunistischen Ära verboten und zerstört. Bloß eine Kopie blieb versteckt erhalten.                        
Foto: Cornel MOȘNEAG

Während der goldene Oktober zum Spaziergang durch die bunten Wälder einlud, stürmten die Hermannstädter die Kino-Säle. Zum 18. Mal fand zwischen dem 16. und 22. Oktober das Dokumentarfilmfestival „Astra Film Fest“ statt. Eine reiche Auswahl an guten und sehr guten Dokus wartete auf die teilweise von weit hergereisten Filmfans. Insgesamt 132 Filme aus 73 Ländern wurden in sieben verschiedenen Sälen ausgestrahlt. Man hatte als Dokumentarfilmfan die Qual der Wahl.

 

Ausgestattet mit dem Programmheft, dem Filmkatalog und einer Wasserflasche (Flüssigkeitszufuhr ist wichtig) machte man sich täglich ab 16 Uhr zu den ersten Filmen auf. Eingefleischte Fans des Festivals nahmen sich extra für diesen Filmmarathon frei, um nichts zu verpassen. Zwischen 8 und 14 Uhr freuten sich die Kinder auf das spezielle Programm von Astra Film Junior. Ganze Schulklassen pilgerten zusammen mit Lehrerinnen und Lehrern jeden Morgen zum Thaliasaal oder in den Dom auf dem Großen Ring. Eine andere Art von Schulunterricht stand an. Über 20.000 Schüler besuchten Astra Film Junior.

Am Montagabend, dem 16. Oktober, wurde das Astra-Filmfestival im Thaliasaal offiziell eröffnet. Eine Begrüßungsrede hielt wie jedes Jahr Festivaldi rektor Dumitru Budrala. Es folgten Ciprian Ștefan, der Leiter des Astra-Museums und die Kreisratsvorsitzenden Daniela Cîmpean. Ciprian Ștefan erinnerte das Publikum daran, dass das Astra-Filmfestival dazu beigetragen hat, dass Hermannstadt 2007 Kulturhauptstadt war. Er beglückwünschte Dumitru Budrala und sein Team für die Entschlossenheit und Leidenschaft, mit denen das Festival organisiert wird. Der Höhepunkt des Abends war die Ausstrahlung des Dokumentarfilms „Sibiu 825“. Danach fand ein Jazzkonzert mit Luiza Zan & Peter Sarik Trio statt.

Generalstaatsanwalt Augustin Lazăr (rechts) im Gespräch mit Festivalsdirektor Dumitru Budrala vor dem Thaliasaal.  
Fotos: Cornel MOȘNEAG

Der Dienstag begann mit dem Film „The Hunt for Transylvanian Gold“, der das kontroverse Thema der dakischen Armreife behandelte. Der Dokustreifen von Andrei-Nicolae Teodorescu ist wie ein Thriller aufgebaut und erzählt von dem Raub und dem illegalen Handel mit wertvollen archäologischen Funden. Das Hauptaugenmerk liegt auf den zehnjährigen Ermittlungen von Staatsanwalt Augustin Lazăr, dem jetzigen Generalstaatsanwalt von Rumänien, im Falle der verschwundenen 24 dakischen Goldarmreife. Nach der Projektion fand ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit dem Regisseuren und Augustin Lazăr statt.

Der Höhepunkt des Tages war die Projektion des Films „The Man Who Knew 75 Languages“ von Anne Magnussen and Paweł Dębski. Der Film gewährt Einblick in das Leben von Georg Sauerwein, der, wie der Titel sagt, ganze 75 Sprachen beherrschte, als er 1904 starb. Zwei Aspekte sind es, die das Regieduo Anne Magnussen und Paweł Dębski in „The Man Who Knew 75 Languages“ hervorhebt. Da wäre zum einen dessen ungemeine sprachliche Begabung sowie sein Interesse für fremde Kulturen. Beispielsweise dürfen wir erfahren, dass er als 24-Jähriger das erste englisch-türkische Wörterbuch verfasste. Der zweite Punkt betrifft sein Verhältnis zu der rumänischen Königin Elisabeth zu Wied, besser bekannt als Carmen Silva, deren Privatlehrer er einst war. Da es nur zwei Fotos von Georg Sauerwein gibt, haben die beiden Regisseure das Medium der Animation gewählt, um den Gestalten Leben einzuflößen.

Mihai Gavril Dragolea bekam für seinen Film „Phoenixxx“ den Preis für die beste Recherche.
Foto: Cornel MOȘNEAG

Am Mittwochabend wurde „Phoenixxx“ von Mihai Gavril Dragolea gezeigt. Der Film behandelt das Thema Videochat. Der Regisseur gewährt einen Einblick in den Alltag von Georgiana und Mona, zwei junge Frauen, die in Bukarest als Videochat-Darstellerinnen arbeiten. Der Film feierte in Hermannstadt Weltpremiere und bekam am Samstagabend bei der Preisverleihung den Preis für die beste Recherche in der Kategorie „Rumänischer Film“.

Am Donnerstag war der Film „I Am Hercules“ von Marius Iacob im „Gong“-Kinder- und Jugendtheater besonders gut besucht. Die Zuschauer konnten sich ein akkurates Bild vom Thermalluftkurort Herkulesbad machen. Die drei Masseure Mitică, Relu und Gelu, alle über 70 Jahre alt, waren die skurrilen Hauptakteure des Films. Der Film hätte einen Preis verdient.

Am Freitag wurden gleich zwei deutsche Dokus im Gong-Theater gezeigt. In dem Film „Er, sie, ich“ führt Carlotta Kittel Interviews mit ihren Eltern, die sich 1986 kennenlernten, eine gemeinsame Tochter haben, aber nie ein Paar waren. Anschließend spielt sie dem jeweils anderen die Aufnahme vor. So unterhalten sich Angela und Christian über Dinge, über die sie vorher nie gesprochen haben, und erfahren, wie der andere bestimmte Situationen wahrgenommen hat, ohne dass sie sich im Hier und Jetzt treffen. „Zwischen den Stühlen“ von Jakob Schmidt begleitet drei angehende Lehrer in der schwierigsten Phase ihrer Ausbildung: dem Referendariat. Nach dem sehr theoretisch orientierten Studium müssen sie sich zwei Jahre lang in der Praxis beweisen. Dabei müssen sie als Lehrende agieren und die Schüler ausbilden, sind aber letztlich selbst noch in der Position eines Auszubildenden, der sich von Prüfern und Professoren belehren und am Ende benoten lassen muss.

Während der ganzen Woche konnte man sich verschiedene Filme im „Fulldome“ auf dem Großen Ring anschauen. Die Filme wurden drinnen auf die Kuppeldecke projiziert. Dabei wurde das gesamte Gesichtsfeld ausgefüllt, so dass der Betrachter wirklich das Gefühl bekam, in die dargestellte Szenerie einzutauchen. Im „Fulldome“ konnten die Besucher entweder auf Pölstern sitzen, oder für ein maximales Erlebnis auf weichen Matratzen liegen.

Am Samstag fand die Preisverleihung der besten Filme im Thaliasaal statt. Insgesamt 57 Filme aus verschiedenen Kategorien wurden von einer dreizehnköpfigen internationalen Fachjury benotet. In der Kategorie „Bester internationaler Dokumentarfilm“ gewann „Libera Nos“. Regisseurin Federica Di Giacomo begleitete mit ihrer Kamera drei Jahre lang den bekanntesten Exorzisten Italiens, Pfarrer Cataldo. Der Astra Film Preis für den „Besten Dokumentarfilm aus Zentral- und Osteuropa“ ging an „Communion“ von Anna Zamecka. Der Film zeigt die Anstrengungen der 14-Jährigen Ola, die in ihrer dysfunktionalen Familie die Mutterrolle übernommen hat, den Haushalt organisiert und sich um ihren autistischen Bruder kümmern muss.

„Bester rumänischer Dokumentarfilm“ wurde der inzwischen mehrfach preisgekrönte Film „Țara moartă“ von Radu Jude, der von der Judenverfolgung in Rumänien im Zweiten Weltkrieg handelt (die HZ berichtete über den Film in der Ausgabe Nr. 2545 vom 8. September 2017). Den Preis für die beste Dokumentation teilten sich „Phoenixxx“ von Mihail Gavril Dragolea und „Shindy Music“ von Andrei-Nicolae Teodorescu.

„Education“ hieß der beste Film in der Kategorie „DocSchool Award“. Der Regisseur des Films „Urban Cowboys“ Pawel Ziemilski gewann den Preis „Beste Regie in einem Studentenfilm“ und „Homecoming“ von Noam Sob gewann den Preis „Bester Dokumentar-Kurzfilm“. Den „Astra Film Exzellenzpreis“ übergab Dumitru Budrala dieses Jahr an den Filmemacher Iosif Demian. Innerhalb des Filmfestivals wurde am Freitag, dem 20. Oktober, die offizielle Vorführung des 1982 gedrehten Spielfilms „Baloane de curcubeu“ von Iosif Demian gezeigt. Der Spielfilm wurde in der kommunistischen Ära verboten und zerstört. Bloß eine Kopie blieb versteckt erhalten. Die Komödie wurde vom Hermannstädter Publikum im ausverkauften Thaliasaal genossen.

Über 70.000 Zuschauer wohnten dem größten Dokumentarfilmfestival Rumäniens binnen einer Woche bei. „Nächstes Jahr wird es noch schöner sein“, versprach Festivaldirektor Budrala in seiner Abschlussrede. Man möge auf nächstes Jahr gespannt sein.

Cynthia PINTER

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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