Zwischen den Nebeln schreiben

Die Autorin Dagmar Dusil erhält Dorfschreiberpreis in Katzendorf

Ausgabe Nr. 2550

 

„Das ist unsere neue Dorfschreiberin!“: Frieder Schuller (Bildmitte) begrüßt Dagmar Dusil (2. v. r.), die Laudatio hält Michaela Nowotnick (1. v. r.). Foto: Aurelia BRECHT

Zum fünften Mal wurde am Wochenende vom 29. September bis 1. Oktober in Katzendorf der Dorfschreiberpreis vergeben. Dagmar Dusil, u. a. Autorin des Buchs „Blick zurück durchs Küchenfenster – Erinnerungen und Rezepte aus Siebenbürgen“ hat nun für ein Jahr die Möglichkeit, in der Dorfschreiberklause auf dem Pfarrhof in Katzendorf zu wohnen und zu arbeiten. Ein ganzes Wochenende lang fanden kulturelle Veranstaltungen vor einem bunten Publikum statt; denn aus vielen Ländern waren die Besucher gekommen.

 

Der Pfarrhof in Katzendorf liegt direkt neben der Kirchenburg. Einer der Türme steht mitten im Pfarrgarten, die Atmosphäre wechselt zwischen Nebel und den letzten Herbstsonnenstrahlen. Der siebenbürgische Schriftsteller und Filmemacher Frieder Schuller steht auf seiner Veranda und blinzelt in den Pfarrgarten. In den Bäumen und Sträuchern hängen mittelgroße Papiere, auf denen Gedichte auf Deutsch und Rumänisch gedruckt sind. Die ersten Gäste beginnen den Pfarrgarten zu füllen, Hände werden geschüttelt, erste Bekanntschaften gemacht. Es folgt die Zimmerverteilung, die deutsche und die rumänische Sprache wechseln sich ab.

Ein erster Höhepunkt an diesem Wochenende sind die selbstgenähten Teppiche von Lilian Theil. Als Kronstädterin, 1932 geboren, wurde sie 1952 von der Kunstakademie in Bukarest wegen „ungesunder Herkunft“ ausgeschlossen. Nach 1989 nahm sie die künstlerische Arbeit wieder auf. Erst nach diesem Zeitpunkt – denn vorher hatten nach ihrem Dafürhalten in Rumänien alle „in einer grauen bekümmerten Erstarrung“ gelebt. Nun hängen die bunten Stoffdecken an der Scheune und am alten Turm der Kirchenburg. Sie präsentieren historische und politische Bilder auf spielerische und eindrückliche Art. Am Samstagmorgen führt Lilian Theil die Besucher durch den Garten und erläutert ihre Motive. Jedes Stück ist ein Unikat und hat eine ganz eigene, eine besondere Geschichte.

Den Tag beschließt eine Lesung. Davon wird es auf diesem Kulturfest noch viele weitere geben. Diese hier aber wird durch den Gastgeber in der guten Stube gehalten; er sitzt neben dem Klavier, umringt von zahllosen Bücherregalen und den Zuschauern, die auf Sofas und Sesseln sitzen: Frieder Schuller liest von ihm erdachte fiktive Tagebuchaufzeichnungen von Franz Schubert. Die Lesung wird musikalisch von Otto Rampelt mit der Musik von Schubert untermalt. Zu einer jeden Textepisode gibt es ein passendes Musikstück. Für eine gute Stunde lassen sich die Gäste in eine andere Zeit entführen.

Am Tag darauf fährt die Gruppe gemeinsam nach Draas. Hier, dem letzten Ort, der noch auf dem Gebiet des Königsbodens liegt, schließt die einzige noch verbliebene sächsische Einwohnerin, Frau Ella Kosa, an diesem Morgen die Kirchentür auf. Sie berichtet vom Alleinsein und dem Zerfall der ehemaligen Dorfgemeinschaft. Anschließend feiert die Gruppe gemeinsam den Gottesdienst, gehalten von der Theologin Angelika Beer, die den Zuhörern einen Gruß aus Wittenberg übermittelt. In der Kirche ist es zugig und kalt – hier stehen schon lange keine Bänke mehr: Aber das Improvisierte, Unfertige schafft eine besondere Atmosphäre. Die Kerzen auf dem Altar flackern, eine aufgeschlagene Bibel liegt daneben.

Lilian Theil (1. v. l.) und Gastgeber Frieder Schuller (2. v. l.) bei der Vernissage der Ausstellung vor der Scheune.                       Foto: Aurelia BRECHT

Im Anschluss geht es „zu den Eichen“ bei Streitfort/Mercheaşa. Ein Picknick aus Krapfen und Wein begleitet die Lesungen, die unter den tausendjährigen Eichen gehalten werden. Ioana Ieronim und Ioana Crăciunescu lesen ihre Gedichte. Der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Kronstadt, Adrian Lesenciuc, liest aus seinem letzten Buch.

Der Abschluss und krönende Höhepunkt findet schließlich wieder im goldgelben Pfarrgarten in Katzendorf statt: Michaela Nowotnick hält die Laudatio auf Dagmar Dusil, die in Katzendorf bleiben und nun ein Jahr lang diese besondere Umgebung auf sich einwirken lassen kann. Der Preis in Form einer Katze mit Feder wird feierlich übergeben – anschließend findet die Lesung der frisch ernannten Dorfschreiberin im Garten vor der Scheune statt. Sie liest eine Passage aus ihrem Roman, an dem sie in der Zurückgezogenheit in Katzendorf weiter schreiben will.

Die Autorin, die 1985 nach Deutschland auswanderte und sehr früh zu schreiben begann, verfasst am liebsten Kurzgeschichten. Sie wuchs in ihrer Familie mit unterschiedlichen Einflüssen auf, unter anderen auch mit polnischen, tschechischen und italienischen. Sich selbst beschreibt sie als „vielleicht zehn Prozent siebenbürgisch-sächsisch“. Heute lebt sie allerdings mal hier, mal dort und bewegt sich so regelmäßig zwischen Deutschland und Rumänien. Ein Rumänien, das, wie sie selber sagt, ihre seelische Unordnung widerspiegelt. Die Grenzen haben sich für sie verwischt – in Deutschland hört sie viel Rumänisch, in Rumänien hört sie viel Deutsch. Der vor 1989 empfundene „Käfig“, wie sie es nennt, scheint heute aufgebrochen. Rumänien hat sich nach Dusils Beobachtung sehr positiv entwickelt.

Langsam neigt sich das Fest der Kultur seinem Ende. Die ersten reisen ab, man isst und trinkt ein letztes Mal zusammen. Die Köchinnen aus dem Dorf, die die Gäste ein ganzes Wochenende verköstigt haben, laufen ein letztes Mal zur Hochform auf. Dann der Abschied. Was bleibt? Auf jeden Fall ein gelungenes Wochenende ohne jede empfundene „graue bekümmerte Erstarrung“. Bis zum nächsten Jahr in Katzendorf.

Aurelia BRECHT

 

 

 

 

 

 

 

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