„Das Wort ruft den Gedanken“

Gespräch mit Nora Iuga, der Grande Dame der rumänischen Literatur

Ausgabe Nr. 2550

 

Beide Autorinnen – Nora Iuga (rechts) und Angela Baciu – bewiesen bei der Lesung schauspielerisches Talent.                         Foto: Beatrice UNGAR

Den mit 3.000 Euro dotierten Sonderpreis zum Spiegelungen-Preis für Lyrik erhält 2017 die rumänische Dichterin Nora Iuga. Die Redaktion der Zeitschrift Spiegelungen würdigt damit ein literarisches und übersetzerisches Lebenswerk, das, geprägt von der Sprachenvielfalt und der komplexen politischen und kulturellen Gemengelage im Donau-Karpaten-Raum, die Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts bereichert und zum innereuropäischen Kulturtransfer entscheidend beigetragen hat. Die Preisverleihung findet am 6. Dezember im Lyrik-Kabinett München statt.

Nora Iuga und Angela Baciu lasen am 23. September im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt aus ihrem Buch „mai drăguț decât dostoievski“, das vor kurzem im Polirom-Verlag Jassy erschienen ist und im Anschluss an die Lesung gewährte Nora Iuga der Berliner Fotografin und Autorin Christel W o l l m a n n – F i e d l e r das nachstehende Interview für die Hermannstädter Zeitung:

Das Buch habt Ihr beide, Du und Angela zusammen geschrieben. Ist das ein Roman, sind das Dialoge, sind das Erlebnisse, sind das literarische Gedanken?

Nein, meine Liebe, das ist so entstanden, weil ich immer gedacht habe, dass sich Schriftsteller nicht vornehmen, was sie schreiben werden. Ich habe gedacht, dass das Wort eigentlich den Gedanken ruft, nicht der Gedanke das Wort. So sind die meisten meiner Gedichte entstanden. Ich habe niemals eine Idee im Kopf, die ich niederschreiben oder dem Publikum unbedingt sagen möchte. Nicht einmal, wenn ich einen Roman schreibe, ist das so.

Ich habe Angela in Galatz kennengelernt, einer Stadt in der Moldau. Ich kannte die Stadt überhaupt nicht. Angela hat einige Lyrikbände geschrieben, vor allem nimmt sie Interviews mit bekannten rumänischen Schriftstellern auf und hat bereits mehrere Bücher mit diesen Interviews herausgegeben. So hat sie von mir erfahren und mich selbstverständlich um ein solches Interview gebeten. So hatte ich Gelegenheit nach Galatz zu fahren und erzählte Angela, dass meine Großmutter in Galatz geboren wurde, aber ich nie Gelegenheit hatte nach dort zu fahren. Nun konnte ich die Stadt kennenlernen, in der meine Großmutter aufgewachsen ist.

So ist Angelas und meine Freundschaft entstanden. Wir haben ernste Gespräche geführt über mein Leben, meinen Sohn, meine Schulzeit, meinen Mann, meine Freunde, meine Zeit als Schriftstellerin usw. Wir haben uns sehr gut befreundet. Mental sind wir sehr ähnlich, sie ist auch voller Leben, sie liebt das Leben, sie liebt die Liebe, sie ist auch sexuell. Ich war auch so, als ich jung war. Sehr viel haben wir miteinander erzählt und sehr viel gelacht. Plötzlich kam mir wirklich diese Idee, dass eigentlich bei Gesprächen zwischen zwei Menschen, die Ähnlichkeiten miteinander haben, ganz unerwartete Gedanken entstehen. Man spricht, man kommuniziert, ohne nachzudenken. Das kommt dann von selbst, weißt Du. Ganz banale Dinge sind das oft. Plötzlich fällt mir ein, was ich mit acht Jahren in der Schule gemacht habe. So gehen die Gespräche, so ist auch dieser Text, das ist ganz absurd. Wir haben bemerkt, dass wir uns miteinander in diesen Gesprächen sehr gut verstehen, wo nichts vorgedacht ist. So sagte ich zu Angela „Mensch, wir haben Ähnlichkeiten im Denken und im Humor. Schreib mir Sätze auf, wie sie Dir kommen, ganz verrückte Sätze und schick‘ sie mir.“ Dann habe ich Sätze geschrieben, ohne ihre gelesen zu haben. Anschließend trafen wir uns einige Male in Bukarest oder Galatz oder telefonierten miteinander. Miteinander lasen wir die Sätze und organisierten, wie sie passen würden. Absurd sind sie, doch hinter den Wörtern liegt trotzdem ein Gedanke, den man erwarten kann.

Viel Humor muss in den Sätzen stecken, sonst hätte das Publikum nicht so oft gelacht.

Ja, Humor kommt zum Ausdruck, weil die Sätze ganz unerwartet sind. Man beginnt etwas zu sagen und Mitten im Satz wird der Sinn umgekehrt. Es ist kein Kaffeeklatsch, der ist ja nicht unbedingt absurd. Diese Sätze beginnen in eine bestimmte Richtung und enden dann ganz woanders.

Warum dieser Titel, „netter als Dostojewski“?

Das ist eine wahre Geschichte. Ich fuhr in der U-Bahn und hörte ein Gespräch zwischen zwei jungen Mädchen, vielleicht Studentinnen. Die eine sagt zur anderen „Na, hast Du jetzt Dostojewki gelesen?“ „Ja, stell dir vor, ich habe ihn gelesen.“ „Na, was hast Du gelesen?“ „ Der Idiot“. „Hm, wie hat er Dir gefallen?“ „Na, ja, er ist sehr nett“! Ich habe gedacht, Dostojewki „nett“, der „Idiot“ nett? Um Gottes Willen, diese jungen Leute von heute, was verstehen sie von diesen wirklich dramatischen ernsten Sachen? Eigentlich wollte ich, dass aus diesem Gespräch eine Satire wird über den Zustand der heutigen Gesellschaft, der jungen Leute, wie sie denken, was sie lernen, ob sie überhaupt noch etwas lernen. Aber viel mehr wollten wir, Angela und ich, uns über unsere Politiker lustig machen, vor allem über ihre Kulturschnitzer.

Anstatt ganz didaktisch und moralisch zu werden, ist es bei unseren Texten gerade umgekehrt geworden, weil wir immer wieder solche Sätze aufgeschrieben haben, die eigentlich mit dem zu tun haben, was das Mädchen geantwortet hat. Wir haben immer wieder die ernsten, tiefen Gedanken ausgelacht, anstatt sie zu vermitteln.

Es erscheint in dem Text, wie ich verstanden habe, auch ein gewisser Mr. T. Ist dieser die Hauptperson in Eurer DaDa-Komposition?

Ja, sicher, aus dem ganzen Wirrwarr ergibt sich auch eine Liebesgeschichte. Dieser Mr. T. kommt zum Schluss von einer Löwenjagd und legt seiner Geliebten ein Löwenfell zu Füßen, was ein Heiratsantrag bedeuten soll.

Wer war vorhin die Dame, die Dich und Angela zu Beginn eingeführt und so gekonnt das Gespräch moderiert hat?

Rita Chirian ist eine wunderbare Poetin und Literaturkritikerin, noch sehr jung, doch von den Jungen, glaube ich, die gebildetste. Das kann ich wirklich sagen und bin tatsächlich sehr stolz, dass sie meine Literatur schätzt. Sie versteht auch Texte, die in Rumänien beinah unverständlich sind. Bei unseren Kritikern ist das eher selten.

Danke für das Gespräch. Das Buch sollte gelesen werden, um die Feinheiten der Wortspiele selbst zu erobern.

Nora Iuga/Angela Baciu: mai drăguț decât dostoievski. Mit Illustrationen von Ion Barbu. Polirom Jassy/Iași 2017, ISBN 978-973-46-6669-0

 

 

 

 

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