Neues, altes Transportmittel

Mit dem Drahtesel unterwegs durch Hermannstadt – ein Erlebnisbericht
Ausgabe Nr. 2545\

 

Das gute alte Fahrrad. Zwei Räder, Gangschaltung, Kette, Bremse. Alles hat es, was man zum Fortbewegen braucht. Nur ein bisschen Muskelkraft muss man selbst aufbringen, wenn es nicht gerade bergab und einem die kühle Morgenluft durchs Haar weht. Eigentlich das perfekte Transportmittel. Das Rad fährt immer, nicht wie der Bus, auf den man warten muss. Das Rad parkt immer vor oder gar hinter der Tür, nicht wie das Auto, mit dem man einen Parkplatz erst mal suchen und finden muss. Das Rad trainiert die Ausdauer, nicht so wie das Taxi, dass man sich in bequemlicher Manier heran winkt. Und das Rad, ob alt oder neu, hat immer eine funktionierende Lüftung, je nachdem wie schnell man tritt – nicht so wie der alte Dacia.

Viele gute Gründe also, warum sich das Rad wachsender Popularität im Stadtbild erfreut. Was so flexibel, schnell und günstig zu halten ist, sollte doch jeden ansprechen, oder?

Fleißig sieht man Freizeitsportler in und um den Erlenpark in die Pedale treten. Die professionellen Sportoutfits lassen auf ehrgeizige Anstrengung schließen. Wer den Erlenpark vor der Haustür hat, der braucht kein Fitness- und Trainingszentrum mehr. Gerade am Wochenende beobachtet man viele Drahteselreiter – von jung bis alt. Der Amateur-Radsport gehört also zur Freizeitgestaltung in Hermannstadt. Aber wie sieht es aus mit dem Fahrrad als ernsthaftes Transportmittel, mit allen Vorzügen, die schon aufgezählt worden sind?

Man muss kein Meister-Detektiv sein, um Sport-Dress und Uhrzeit so zu kombinieren, dass man zu dem Schluss kommt, es handele sich nicht um Arbeits- und alltägliche Besorgungswege, die zurückgelegt werden.

Dabei spart man viel Zeit, Geld und Stress, wenn man mit dem Rad unterwegs ist. Der Weg mit dem Rad ist sogar volkswirtschaftlich sinnvoll. Studien der schwedischen Universität Lund belegen, dass Einsparungen in Sachen Gesundheitskosten, Klimawandel, Straßenbau und Schadstoffbelastungen einen positiven Effekt auf Umwelt, Gesellschaft und Finanzen haben. Die Infrastruktur Hermannstadts bietet sich, nach genauem Hinsehen, dafür an, zum Fahrradschloss statt zum Autoschlüssel zu greifen. Auf allen befahrenen Straßen gibt es eine mit rot eingezeichnete Radspur, die Radfahrern Platz auf der Straße gewährt und Autofahrer aufs Abstand halten sensibilisieren soll. Platz wäre also für jeden da. Auch mit den vielen Fahrradständern in der Innenstadt kommt man sich Parkplatztechnisch nicht in die Quere. Allerdings gelten für Rad-fahrende Verkehrsteilnehmer besondere Regeln in Sachen Vorsicht!

Der häufig vernachlässigte Schulterblick ist im Hermannstädter Straßenverkehr, zumindest als Radfahrer, unersetzlich. Besonders wenn Lieferwagen und Privatautos, morgens oft vor Bäckereien zum schnellen Brötchenkauf, mal wieder den Radweg versperren, ist das Checken des toten Winkels unersetzlich. Sonst wird aus dem toten Winkel, ein toter Radfahrer. Auch bei regulär parkenden Autos ist Vorsicht geboten, denn Autotüren öffnen sich schnell und unumsichtig. An das Angehupe kann man sich jedoch schnell gewöhnen.

In der Stadt also, im ernsthaften Berufs- und Reiseverkehr, sind Radfahrer unliebsame Verkehrsteilnehmer, wenngleich der Freizeitsport so beliebt ist. Aber vielleicht wird ja das Hobby bald noch zum Berufsweg und Hermannstadt entwickelt sich in den nächsten Jahren zum rumänischen Münster/Westfalen, die Fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands, in der im Winter erst Radwege von Schnee und Eis befreit werden – dann die Straßen.

Laura ECKHARDT

Die Verfasserin mit ihrem Fahrrad in der Harteneckgasse/Str. Cetății.

Foto: Cynthia PINTER

 

 

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