Eine reisende Leckerei

Konditorin Ruth auf Tippelei
Ausgabe Nr. 2544

 

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Dieser Tage sieht man die fleißigen Handwerksgesellen in der Sonne arbeiten. Im Zuge der 11. Schauwerkstatt am Huet-Platz trotzen sie der Hitze und zeigen, was sie können. Viele verschiedene Handwerke kommen zusammen: Metall-, Holz- und Steinmetzarbeiten werden vorgeführt. Aber da gibt es doch auch noch anderes Handwerk.

 

Auch wenn man bei der Hitze der letzten Tage kaum ans Essen denken kann, können sich die arbeitenden Tippelbrüder glücklich schätzen, dass auch jemand hinter den Kulissen arbeitet und sie mit Leckereien versorgt: Ruth, Fremde Konditorin der Vereinigten Löwenbrüder und Schwestern Europas, gute Seele der Casa Calfelor und selbsternannte Verpflegungsbeauftragte.

Seit 2014 ist Ruth unterwegs. Erst als Freireisende, nun als Mitglied im 2016 gegründeten Schacht der Löwenbrüder und Schwestern, dem ausschließlich Lebensmittelgewerkler angehören. Losgebracht, also in Regeln und Tradition der Tippelei eingeführt, wurde sie von ihrer Altgesellin, mit der sie zweieinhalb Monate unterwegs war. Zuvor hatte man sich auf Treffen kennengelernt, bei denen Ruth als Interessentin gewesen war.

Spezielle Reiseempfehlungen für ihr Handwerk hat sie nicht bekommen, denn es gehe um Menschen und Kulturen: „Das Reisen ist zum Arbeiten und das Arbeiten zum Reisen.“ So sollte das Verhältnis zwischen Reisen und Arbeiten mit 50:50 ein ausgeglichenes bleiben. Allerdings sei es mit der Erwartung der Leute oft ein bisschen anstrengend. Immer wieder beantwortet Ruth die selben Fragen nach Versicherung, Handy und Bannmeile. Versichert ist sie, Kommunikationsgeräte sind verboten und die Bannmeile um ihren Heimatort Helmsdorf, Gemeinde Stolpen in Sachsen beträgt 50 km. Auf die Frage nach ihrem bisher weitesten Ziel gibt es nur eine Antwort: „Der Weg ist das Ziel.“ Und Ruths Weg ist immerhin schon zweieinhalb Jahre lang!

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Natürlich stellen sich bei einer tippelnden Konditorin die Fragen nach den Besonderheiten Werkzeug und Arbeit, sowie der Walz als Frau. Mit Modellierbesteck und Kleidung fällt der Gepäckteil fürs Arbeiten eher platzsparend aus. Mit Besonderheiten der Walz, weil sie eine Frau ist, sieht sich die selbstbewusste Konditorin nicht konfrontiert. „Man redet zwar oft über Gewalt, in eine richtig oder extrem gefährliche Situation bin ich aber noch nicht gekommen. Schade finde ich es, wenn Leute sagen, dass sie mich per Anhalter nur mitgenommen haben, weil ich eine Frau bin. Alle Fremde brauchen doch mal einen Lift!“

Das mit dem Fahren per Anhalter klappt nach Ruths Aussagen in Rumänien äußerst gut. „Die Leute hier sind super gastfreundlich und hilfsbereit.“ So teilt sie eine Erfahrung, als sie im März an der rumänischen Schwarzmeerküste war. Dort wurde sie von einem Ehepaar auf einer Pferdekutsche mitgenommen. „Erst sagten sie, das Pferd sei zu alt. Als ich dann aber zehn Minuten vor ihrem Wagen hergelaufen war, durfte ich doch aufsteigen.“ Im Ort angekommen, zeigte dann der Sohn des Paares den 2km langen Weg ins nächste Dorf. „Gastfreundschaft und Willkommenskultur zeichnet Rumänien aus.“

In Rumänien ist Ruth viel gereist. Das Arbeitsfinden war schwieriger, denn ihr Handwerk unterscheidet sich von den anderen. Sie muss eher gezielt in Betrieben nachfragen. Privatkunden auf der Straße treffen, wie es beispiesweise bei Schreinern und Zimmerern funktioniert, läuft als Konditorin anders. In Hermannstadt arbeitet sie sozusagen in der Gesellenherberge. Mit einem Budget aus der Spendenbox plant sie die Verpflegung, kalkuliert Mengen, geht einkaufen. Viele hungrige Mäuler wollen gestopft werden. Mit Ruth als Küchenchefin gibt es natürlich auch die ein oder andere Leckerei. Leider führt sie ihr Weg nun weiter, zurück nach Deutschland.

Im September wird sie eine Konditorin auf die Walz bringen. Als Mentorin will sie wichtige Benimm-Regeln vermitteln. „Sei der Gast, bei dem die Gäste nach dir noch willkommener sind, als du es warst,“ so der Leitspruch in Ruths Mentorentätigkeit.

So eine spannende und lehrreiche Zeit die Wanderschaft auch ist, geht es für Konditorin Ruth auch irgendwann wieder nach Hause: „Am meisten freue ich mich auf eine eigene Küche und einen Kleiderschrank, gut gefüllt mit Erinnerungsstücken meiner Stationen.“ Spaßeshalber könnte man sagen: Typisch Frau! Küche und Kleiderschrank. Oder typisch Konditorin: Arbeiten und dabei gut aussehen!

Die Redaktion der Hermannstädter Zeitung wünscht Ruth alles erdenklich Gute für die weitere Zeit auf der Walz.

Laura ECKHARDT

 

Eine Kostprobe der von Ruth zubereiteten süßen Leckerbissen.

Foto: Gabriela CUZEPAN-BEBEȘELEA

 

Ruth in Konstanza am Schwarzen Meer.                            

Foto: Privat

 

 

 

 

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