„Manche gehen den Jakobsweg, ich gehe den Thomasweg”

Ein Hesse auf der Suche nach seinen siebenbürgisch-sächsischen Wurzeln
Ausgabe Nr. 2543

 

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Vielleicht haben Sie sich gefragt, wer dieser Mann mit dem Grabstein auf dem Rücken war, der gegen Anfang des Monats durch die Straßen Hermannstadts lief. Wir verraten es Ihnen – über eine abenteuerliche Reise, das Finden der eigenen Wurzeln, und die nicht zu unterschätzende Bedeutung von Sport als soziales Bindemittel.

Anlässlich des 27. Sachsentreffens vor zwei Wochen fanden 15.000 im Ausland lebende Sachsen über verschiedenste Wege in ihre Heimat zurück. Manche stiegen in ein Flugzeug, andere fuhren im eigenen PKW oder mit dem Zug. Reinhold Göllner kam mit dem Fahrrad. Aus Deutschland.

 

Als Göllner sich am 2. August mit HZ-Chefredakteurin Beatrice Ungar zum Kaffee traf, hatte er eine Strecke von 1.700 Kilometern zurückgelegt. Aus seiner Heimatstadt Kirtorf in Hessen radelte der 62-Jährige 20 Tage bis nach Diemrich/Deva in Siebenbürgen. Nur das letzte Stück bis nach Hermannstadt erschien mit Rad auf der Nationalstraße dann doch etwas zu brenzlig, und wurde mit der Bahn zurückgelegt. Hitze, Gegenwind und gefährlichen Straßenverhältnissen zum Trotz, trat er die lange Reise an. Warum? Dem liegt eine rührende Geschichte zugrunde.

Es ist eine Geschichte von Identität und der Suche nach seiner Vergangenheit. Die Vorfahren stammen aus Stolzenburg und Kirchberg. Großvater Thomas war Kellner im Wirtshaus von Thomas Schwarz in Hermannstadt, nur wenige Fußminuten von der HZ-Redaktion entfernt. Vater Egon Thomas war als deutscher Soldat im 2. Weltkrieg. Nach englischer Kriegsgefangenschaft kam er als Flüchtling in die hessische Provinz, wo er sesshaft wurde und Reinholds Mutter kennenlernte. Dort hatte er es nicht leicht, denn er musste sich zunächst mit Gelegenheitsarbeit über Wasser halten, wurde zum Opfer von Ausgrenzung. Durch Eines fand er jedoch seinen Weg in die Gemeinschaft: den Fußball. Den hatte er schon in Hermannstadt gespielt. Dass Sport ein ideales Mittel sei, um Menschen unterschiedlicher Herkunft zu verbinden, betonte Reinhold Göllner im Gespräch besonders, denn Bewegung und Mannschaftsgeist sprechen eine universelle Sprache. Seine langjährige Arbeit als Fußballjugendtrainer habe ihm gezeigt, wie das Team jungen Leuten in allen Lebenslagen Halt und Orientierung gibt.

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Nicht nur den Fußball gab Egon Thomas Göllner seinem Sohn mit auf den Weg. Im Jahr 1992 besuchten sie gemeinsam Kirchberg. Dort erzählte dieser ihm all die Geschichten aus der alten Heimat, aber auch jene von der Ablehnung, auf die er in Deutschland gestoßen war. „Und deshalb kann ich heute gut nachvollziehen, was Flucht heißt”, so Göllner. Diese Eindrücke der Vergangenheit und die Geschichten des Vaters haben bei Reinhold ein Bedürfnis geweckt, wieder in engeren Kontakt mit sich und seinen Wurzeln zu treten. Nach 25 Jahren, in denen er nicht mehr Rumänien besuchte, war für den erfahrenen Radsportler die Tour nach Siebenbürgen die geeignete Form für einen Selbstfindungsprozess: „Ich möchte mal die zwei Thomas‘ wieder verbinden, indem ich von zu Hause aus losradele und jetzt meinem Opa die Grüße von meinem Vater bringe. Manche gehen den Jakobsweg, ich gehe den Thomasweg.”

Die Ankunft war, selbstverständlich, nur der erste Teil. Für seine Zeit in Siebenbürgen plante Göllner den Besuch des Friedhofs, den eines Orgelkonzertes in Stolzenburg, natürlich des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche, die Liste könnte man fortführen. Wir von der Hermannstädter Zeitung wünschen Herrn Göllner alles Gute für die Zukunft und hoffen ihn bald wieder in Hermannstadt begrüßen zu können. Vielleicht erneut auf dem Drahtesel? Wir sind gespannt.

Emeli GLASER

 

Foto 1: Bei der Ankunft in Kirtorf posiert Reinhold Göllner in Sachsenhemd und mit der HZ vor dem Schaukasten der Oberhessischen Zeitung.

Foto: DICKEL/Oberhessische Zeitung

 

Foto 2: Reinhold Göllner mit HZ-Chefredakteurin Beatrice Ungar vor dem Haus Ecke Reißenfelsgasse/Gh. Lazăr – Wiesengasse/Tipografilor, wo das Wirtshaus war, in dem sein Großvater gekellnert hat.            

Foto: Fred NUSS

 

 

 

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