„Frei von Missgeschick“

Blick von Besuchern auf Olympia 1936 in Berlin
Ausgabe Nr. 2543

 

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„Olympia in Berlin. Amateurfotografen sehen die Olympischen Spiele 1936“ lautet der Titel des von Emanuel Hübner vorgelegten Buches über die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin.

 

Emanuel Hübner präsentiert damit einen Teil der Ergebnisse seiner langjährigen Forschungsarbeit zu diesem Thema am Institut für Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dazu Hübner: „Von den Amateurfotos, die ich in den letzten Jahren gesammelt und erforscht habe, werden 250 darin erstmals veröffentlicht werden. Sie zeigen das Großereignis in Berlin aus der Sicht des einfachen Touristen, der nur für den eigenen Gebrauch fotografiert hat.“

Diese Amateuraufnahmen geben in beeindruckender Weise die vom Regime durchaus gewünschte Sicht auf die Olympischen Spiele 1936 wieder. Das hier vorliegende Buch macht es dem Leser im Jahr 2017 mit dem Wissen von den nachfolgenden Geschehnissen, verursacht durch Hitler-Deutschland, nicht einfach.

Eine aus Siebenbürgen angereiste Reisegruppe und die von ihnen gemachten Fotoaufnahmen und auch ihre Reiseberichte bilden laut Hübner „die ergiebigste Quelle für Augenzeugenberichte. Gymnasiallehrer Hans Theil aus Schäßburg leitete die Reisegruppe, die aus circa 50 Teilnehmern bestand, und im Sommer eine Rundreise durch Deutschland unternahm. Der Höhepunkt der Reise war im August 1936 der Besuch der Olympischen Spiele in Berlin“.

Die Stimmung in Deutschland des Jahres 1936 kann man sich gut vorstellen beim Lesen der Reiseberichte und beim Betrachten der im Buch veröffentlichten Fotos. In Deutschland war 1936 Fotografieren ein verbreitetes Hobby und man kommt nicht umhin, beim Durchblättern des Buches darüber nachzudenken, ob nicht genau diese Tatsache dazu genutzt wurde, ein Bild von Deutschland zu vermitteln, das nicht den realen Begebenheiten 1936 entsprochen hat.

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Bei der Lektüre des Buches, die durchaus nicht leicht fällt, stellte der Verfasser der Rezension sprachlos fest, mit welcher Perfektion die Propagandisten des Hitler-Regimes den Menschen in Deutschland und der Welt ein Deutschland präsentierten, das perfekt organisiert, sauber, freundlich und zukunftsorientiert ist. Es wird sehr klar, dass es bei der Inszenierung der Olympiade 1936 darum geht, dem deutschen Volk nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Wirtschaftskrise in der Mitte der zwanziger Jahre wieder Selbstbewusstsein zu geben und eben auch der Welt zu zeigen, mit welcher Disziplin und Zielstrebigkeit Deutschland in der Lage ist, Ziele zu verfolgen.

Ob dabei auch die Bewunderung für den Farbigen Jesse Owens, den viermaligen Leichtathletik-Olympiasieger, gewünscht gewesen ist, darf bezweifelt werden. Aber auch dieser Aspekt wird sehr gut in dem vorgelegten Buch beleuchtet, jedenfalls wird die Bewunderung der Zuschauer für Jesse Owens sehr gut deutlich in der Schwärmerei von Gertrud Theil und Jetta Göbel aus Siebenbürgen, die schon fast euphorisch Jesse Owens Körper als „fabelhaft“ bezeichnen und ihn mit einer Bronzefigur vergleichen.

Zum Ende des Buches werden Urteile von Zeitgenossen veröffentlicht. Dabei ist besonders der Brief von Carl Diem, dem „Generalsekretär des Organisationskomitees“ wichtig, schreibt er doch an seinen Freund Richard Franz, der zu dieser Zeit in China lebt: „Im ganzen sind die Spiele großartig verlaufen, über alle Maßen gewaltig und frei von Missgeschick und Fehlern“. Etwas weiter „meldet“ Carl Diem seinem Freund, dass er keine Fehler gemacht habe und dass die Spiele 1936 nur mit dem vollem Einsatz des Nationalsozialistischen Staates so gewaltig durchgeführt werden konnten! Genau unter diesem Aspekt sollte man das vorliegende Buch lesen!

Lothar SCHELENZ

 

Die Rasenflächen rund um die Wettkampfstätten waren für die Besucher zum Pausieren und Rasten freigegeben. (Foto auf S. 120)

 

Emanuel Hübner: Olympia in Berlin. Amateurfotografen sehen die Olympischen Spiele 1936. morisel Verlag, München 2017. ISBN 978-3-943915-29-7

 

 

 

 

 

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