In Mediasch habe ich sprechen, lieben und weinen gelernt

Gespräch mit Hansotto Drotloff von der Heimatgemeinschaft Mediasch e. V. über das Mediascher Treffen
Ausgabe Nr. 2540

 

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Den Mediaschern muss Hansotto Drotloff nicht mehr vorgestellt werden. 1953 in Mediasch geboren, von Beruf Diplom Chemiker, lebt er seit 1983 in Deutschland. Seit etwa 15 Jahren ist er in der Heimatgemeinschaft Mediasch e. V. engagiert, dort Schriftführer und Kulturreferent, Redakteur des im Jahre 2000 von Günther Schuster gegründeten „Mediascher Infoblattes“. Sein starkes Interesse an Lokalgeschichte und sein umfassendes digitales Archiv zu Geschichte und Kulturgeschichte der Stadt und seine Bemühungen, die kulturelle Zusammenarbeit zwischen den Mediaschern in der Diaspora und Vereinen und Institutionen im heutigen Mediasch zu entwickeln, zeichnen Hansotto Drotloff aus. Im Vorfeld des Mediascher Treffens gewährte er HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r folgendes Interview.

 

750 Jahre Mediasch. Können Sie unseren Lesern ein bisschen von der Entstehungsgeschichte der Stadt an der Großen Kokel erzählen?

Am Ufer der Großen Kokel gelegen, wird Mediasch im Jahre 1267 erstmalig urkundlich erwähnt. Das Bild der Altstadt wird geprägt vom „Kastell“, der Kirchenburg rund um die gotische Margarethenkirche (15. Jahrhundert), dem schiefen Tramiterturm mit seinem bunten Dach von glasierten Ziegeln und dem 1534 geschlossenen Ring der äußeren Stadtmauer mit ihren Verteidigungstürmen. 1552 gewinnt es das Ringen mit Birthälm, Meschen und Reichesdorf, wird zum Vorort der „Zwei Stühle“ (Mediasch und Schelk) bestimmt und erhält das Statut einer „königlichen freien Stadt“. Dem Weinbau und zahlreichen Handwerkern verdankt die Stadt über viele Jahrhunderte einen nicht unerheblichen Wohlstand. Aber erst die Entdeckung des Erdgases Anfang des 20. Jahrhunderts führt zu einem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung stark an. Zwei Glasfabriken, eine Emaillegeschirrfabrik, eine große Gerberei und zahlreiche kleinere und mittlere Industriebetriebe sorgen dafür, dass die Stadt auch noch in der Zeit des Kommunismus leistungsstark und angesehen ist. Zu Beginn der 1980-er Jahre erreichte die Stadtbevölkerung ihren Höchststand mit ca. 83.000 Einwohnern, davon rund 10.000 Deutsche. Nach 1989 verließen die meisten Sachsen ihre Heimatstadt, so dass heute nur noch wenig mehr als 800 Deutsche in der Stadt leben. Da die traditionelle Industrie nach dem Umsturz weitgehend zugrunde ging und keine nennenswerten Neuansiedlungen gelangen, sank die Stadtbevölkerung auf etwa 47.000 Einwohner (2011). Zahlreiche, auch über die Grenzen der Stadt bekannte Persönlichkeiten stammen aus Mediasch oder haben hier gelebt und geschaffen: der humanistische Dichter Christian Schesaeus, der Pfarrer, Schulmann und Kämpfer für Verständigung und Frieden unter den Ethnien Siebenbürgens Stephan Ludwig Roth, der „Vater der Weltraumfahrt“ Hermann Oberth.

Wann findet das Mediascher Treffen genau statt und welches sind die Höhepunkte der diesjährigen Auflage?

Das Treffen beginnt am Freitag, den 11. August 2017, um 9 Uhr, im Kirchhof und endet am Montag, den 14. August mit dem Orgelkonzert in der Margarethenkirche, um 19 Uhr. Dass an diesem Abend die Siebenbürgische Kantorei auftritt, ist sicherlich wert, ganz besonders hervorgehoben zu werden.

Der Höhepunkt des Treffens wird der Festgottesdienst am Sonntag um 10 Uhr in der Margarethenkirche sein, der dem Gedenken an 500 Jahre Reformation gewidmet ist, und das Pflanzen eines Batull-Apfelbaums im Pfarrgarten, im Rahmen der von der Evangelischen Kirche A. B. initiierten Aktion „12 Apfelbäumchen für ein klares Wort“. Natürlich sollen die Begegnungen der Menschen im Mittelpunkt des Treffens stehen, Gelegenheiten, sich auszutauschen und zu unterhalten. Erwähnen möchte ich die Festveranstaltung in der Traube am Samstag um 9.30 Uhr, das gemütliche Zusammensein im Pfarrhof am Freitagabend und das „Holzfleischessen“ im Greweln am Sonntag ab 16 Uhr. Es gibt zahlreiche kulturelle Angebote. Besonders hervorheben will ich ein Konzert des vereinigten „Mediascher Oktetts“ mit Sängern aus der Heimat und der Diaspora unter Leitung von Edith Toth (Samstag, 16.30 Uhr in der Margarethenkirche). Und auch auf eine Ausstellung im Museum auf dem Zekesch will ich aufmerksam machen. Sie versucht, die Ursprünge des Museums „Alt Mediasch“ nachzuzeichnen, das, von Carl Martin Römer, Ludwig Binder und Fritz Auner begründet, von 1923-1949 in der Kirchenburg zu sehen war (Samstag 16 Uhr). Ein besonderes Schmankerl dürfte die Vorführung von Fritz Langs berühmtem Stummfilm „Die Frau im Mond“ sein (21.30 Uhr, Freilichtaufführung, der Ort steht noch nicht sicher fest).

Für uns Sachsen hat die Tatsache, dass die Stadt Mediasch am 12. August offiziell ihren 750. Geburtstag begeht, eine besondere Bedeutung.

Wie oft gibt es ein Treffen in Mediasch? Wo trifft man sich als Mediascher in Deutschland und wie oft?

Seit 2002 laden das Demokratische Forum der Deutschen aus Mediasch und die Kirchengemeinde alle drei Jahre zu einem Treffen in der Heimatstadt ein. Die Mediascher aus der Diaspora treffen sich ebenfalls alle drei Jahre zu einem sogenannten „Großen Treffen“, das mittlerweile in Dinkelsbühl stattfindet. 2019 wird es zum 14. Mal veranstaltet. Darüber hinaus gibt es jährliche regionale Treffen in Heilbronn und in Gelsenkirchen. Termine kann man auf der Homepage der HG Mediasch erfahren: www.mediasch.de

Wie sehr war die Stadt nach der Wende vom Auswandern der Siebenbürger Sachsen betroffen?

Nun, die eingangs genannten Zahlen sprechen für sich: Es ist viel mehr als ein Aderlass gewesen, der die sächsische Bevölkerung auf acht Prozent der ursprünglichen Zahl sinken ließ. Leider führte ja der Kollaps der meisten großen Industriebetriebe dazu, dass die Stadtbevölkerung insgesamt stark abgenommen hat. Das Fehlen von so vielen Menschen ist allenthalben zu spüren.

Können Sie in den letzten zehn Jahren einen Fortschritt oder ein Wachstum der Stadt erkennen? Woran liegt das?

Diese Frage möchte ich lieber nicht beantworten, es könnte sein, dass sich zu viele vor den Kopf gestoßen fühlen, durch das, was ich sagen müsste. Es ist traurig, wenn eine Stadt, die sicher ein ähnliches Potenzial hat, auch touristisch, wie ihre Nachbarstädte, nur als „die Stadt auf dem Weg von Hermannstadt nach Schäßburg“ wahrgenommen wird.

Welche Projekte unterstützt die HG Mediasch? Gibt es gemeinsame Projekte mit der Kirche und dem Forum? Zählen Sie diese auf.

Ein großer Teil unserer Hilfe ist im karitativen Bereich angesiedelt. Aus den Spenden der Mitglieder unterstützen wir den Evangelischen Diakonieverein, ein anderer Betrag geht als Unterstützung direkt an die ehemals zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportierten Mitmenschen. Wir fördern die kirchliche Jugendarbeit durch Sachspenden und beteiligen uns auch materiell an der Pflege und am Erhalt des Friedhofs. Die materielle Hilfe ist jedoch nur ein Standbein der Zusammenarbeit der HG mit unserer Heimatstadt. Durch regelmäßige Begegnungen und den Austausch mit den Vertretern der Kirchengemeinde und des Forums wollen wir Brücken schlagen über die große Lücke, die der Exodus von 1990/91 hinterließ. Und wir unterstützen auch rumänische Institutionen, die sich als Mittler zwischen den Ethnien und Kulturen verstehen. Wir haben eine Patenschaft für die Hermann Oberth-Schule, wir arbeiten mit dem Verein „Mediașul nostru“ und dem Stadtmuseum zusammen. Das bisher schönste Projekt aus dieser Zusammenarbeit war die Ausstellung über die Sächsischen Zünfte und Nachbarschaften, für die das Mediascher Museum über 80 Exponate und zahlreiche Schautafeln nach Dinkelsbühl brachte, um sie im Rahmen des Treffens 2013 zu zeigen. Unser Bemühen ist es auch, der Stadtverwaltung Unterstützung anzubieten. Seit der neue Bürgermeister im Amt ist, haben sich unsere Kontakte zum Rathaus wieder verbessert.

Was bedeutet für Sie als gebürtiger Mediascher der Begriff „Heimat“?

Heimat, das ist auch nach über 30 Jahren in der Ferne immer noch das Weinland, das Kokeltal und die Stadt, in der ich geboren und geformt wurde. Da habe ich sprechen, lieben und weinen gelernt und eine Schule besucht, die mich fürs Leben richtig vorbereitet hat. Heimat ist auch die Margarethenkirche, in der ich getauft und konfirmiert wurde. Mediasch ist auch Teil meiner geistigen Heimat, denn ich fühle mich der Geschichte der sächsischen Gemeinschaft verbunden. Ich bin nun gut die Hälfte meines Lebens anderswo zu Hause, da, wo meine Familie lebt, und ich bin gern bei meiner Familie in Alzenau. Meine Wurzeln sind und bleiben aber in Siebenbürgen, das ist meine Heimat.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Hansotto Drotloff im Pfarrgarten (im Hintergrund ist die Margarethenkirche zu sehen).             Foto: Privat

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