Am liebsten hinter den Kulissen

Zu Besuch bei Marion Henning in Michelsberg
Ausgabe Nr. 2528

 

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„Die Pflanzen in meiner Umgebung blühen erst am Montag. Am Wochenende trauen sie sich nicht!” Marion lacht über ihren eigenen Witz und erzählt, wie sie die Blumen für den sonntäglichen Schmuck der Michelsberger Kirche zusammenbekommt. Durch „emotionale Erpressung” zum Beispiel: „Sieh, Mutter, hier bewundert ja doch keiner die Blumen. Gib sie mir für die Kirche!” Es kommt auch vor, dass sie in der Nachbarschaft das Gassentor öffnet und mit den Worten begrüßt wird: „Schau nicht so, du kriegst keine!”

 

Marion Henning, die von sich selbst sagt, sie fühle sich „hinter den Kulissen” am wohlsten, lebt mit und für die Blumen. Ihre Gestecke am Altar, auf der Kanzel, bei den Kirchentüren der Michelsberger Dorfkirche sind berühmt. Sie überlegt, improvisiert mit dem Vorhandenen und freut sich, wenn im Ensemble alles zusammenpasst. Was wohl gelernte Floristen dazu sagen? fragt sie sich und lächelt, denn Blumen sind für Marion Therapie. Sie pflegt jedes Würzelchen, vermehrt und schneidet und freut sich, wenn die Pflanzen ihrerseits reagieren. In Michelsberg gibt es leerstehende Höfe, da darf sie sich nach Herzenslust bedienen für die Sträuße, die dann Kirche und Gemeinderaum zieren. Im Pfarrhof, der zur Zeit ebenfalls leer steht, empfängt mich Marion umgeben von unzähligen Zimmerpflanzen. Die hat sie alle durch den Winter gebracht. Bald beziehen sie ihren Sommerplatz im Garten, wobei macher Blumentopf so riesig ist, dass sie ihm eine Rampe bauen muss, um ihn nach draußen zu hieven. Das alles erledigt sie am liebsten selbst. Um Hilfe zu bitten, ist nicht ihr Ding.

Bei einem kneckschwarzen, extra starken Kaffee, ebenfalls eines ihrer Markenzeichen, erzählt Marion von ihrer vielfältigen Arbeit, von Sorgen und Problemen der Kirchengemeinde, aber nur wenig von sich selbst. Der Hammer der mittleren Glocke ist abgebrochen, man kann sie nur noch von Hand läuten. Sie schafft das, aber es tut doch in der Seele weh. Ob er zu Ostern repariert sein wird? „Manchmal wächst einem alles über den Kopf” seufzt die temperamentvolle Frau und denkt ans Nächstliegende: das Großreinemachen vor dem Umzug der Gemeinde aus dem winterlichen Gottesdienstraum in die Kirche. Die Bereitschaft zum freiwilligen Mitmachen sinkt. Man muss daran denken, jemanden anzustellen. Wir knabbern die letzten Weihnachtskekse, dunkelbraun, aromatisch, und noch im April wie frisch. Ja, das war das neue verbesserte Rezept, allen hat es geschmeckt. Sie beginne an zehn Ecken zugleich, und dann heißt es, alles zu einem Ende zu bringen, stöhnt Marion, wobei ihre Augen glücklich lächeln. Es macht Spaß, es kommt auch viel zurück und was sie tut, wird von vielen Menschen angenommen. Seit sie bei der Gemeinde eine Anstellung hat, fühlt sie sich auch abgesichert: „Das ist gut für die Seele.”

In Michelsberg ist immer was los, vom Maisingen auf der Burg bis zum weihnachtlichen Leuchtersingen. Es gibt einen Wettbewerb im Sächsisch reden, im Sommer locken die Konzerte der „Michelsberger Spaziergänge” ein zahlreiches Publikum an. Aus der nahegelegenen Schule dringen Arbeitsgeräusche. Zwei weitere Räume werden gerade saniert, um Ausstellungen zu beherbergen. Und immer gibt es großzügige Bewirtungen, und immer wieder kocht Marion ihren berühmten Kaffee, spült hunderte Tassen, Teller und Becher und möchte nicht im Vordergrund stehen. Nein, auch kein Foto von sich selbst für die Zeitung, wehrt sich die resolute Frau.

Was findet sie an Michelsberg nicht gut? Marion Henning muss nachdenken, bis ihr doch etwas einfällt: den vielen Müll! Immer wieder steigt sie oder ihr Bruder in den Bach, der vor dem Haus vorbeifließt, um ihn zu reinigen. Es sammelt sich und sammelt sich, das Plastik kommt stets neu und verschmutzt die Umwelt, auch hier im idyllischen Michelsberg.

Aber im Grunde ihrer Seele ist Marion einfach glücklich: sie ist froh, nicht ausgewandert zu sein. „Wenn ich den Wald sehe…” In den letzten Jahren hat sich dies Gefühl noch verstärkt. „Ich bin angekommen” resümiert sie ihr Lebensgefühl. Seit einigen Jahren gehört ihr selbst das Haus, in dem sie wohnt und ihre Blumen zieht. Michelsberger sind privilegiert, findet Marion: man lebt in einer funktionierenden Dorfgemeinschaft, nahe an Hermannstadt und doch mit genügend Abstand zur Hektik. In der Stadt war sie zuletzt….im Januar, stellt sie erstaunt fest!

Beim Abschied legt Marion den Kaffeesatz zur Seite. Er darf nicht weggeworfen werden, er wird für die Blumen gebraucht. Im Pfarrhof und im Garten kennt sie jede Pflanze „noch aus der Zeit des Pfarrers Binder.” Für sie verbinden sich Blumen mit der Geschichte des Hauses und der Menschen, die dort ein- und ausgingen. Wenn Sie, lieber Leser, liebe Leserin, zum nächsten Mal in der Michelsberger Kirche sind, dann grüßen Sie den Blumenschmuck von mir, als sei es Marion Henning persönlich!

Ursula PHILIPPI

 

Von Marion Henning gestaltete Sträuße mit Flieder und Osterglocken schmücken derzeit die Michelsberger Dorfkirche. Foto: Beatrice UNGAR

 

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